Lesenswert und aus aktuellem Anlass: Die Gastfreundschaft in der Bibel

Bibel-Ausgaben

Heiliges Land-Niederösterreich, 13.11.2015 (dsp) Spätestens seit Massen von Flüchtlingen nach Europa drängen, ist das Thema Gastfreundschaft wieder aktuell geworden. Auch Pfarrgemeinden und kirchliche Einrichtungen haben ihre Platzresourcen geprüft und für Flüchtlingsfamilien geöffnet. Es ist ein Dienst der Nächstenliebe, Fremden eine Herberge zu geben. Trotzdem herrscht Unsicherheit, weil das Engagement von manchen Seiten verdächtigt und angefeindet wird. Ein Blick in die biblischen Schriften soll helfen, den eigenen Standpunkt zu bewerten.

Die Gastfreundschaft wurzelt in der jüdisch-christlichen Tradition tief im Herzen der religiösen Praxis und gilt bis heute weitgehend als selbstverständlich in kirchlichen Gemeinschaften. In biblischer Zeit war der freundliche Umgang mit Gästen – egal ob fremde oder zum Volk Israel gehörige – lange Zeit so selbstverständlich, dass es keiner weiteren Einmahnung bedurfte. Das Alte Testament ist voll von Geschichten, in denen Gäste unvoreingenommen an- und aufgenommen werden: Abraham, der Stammvater von Juden, Christen und Muslimen, ist auf eine freundliche Aufnahme angewiesen, als er aus seiner Heimat in ein unbekanntes Land aufbricht und dort eine neue Existenz aufbaut.1 Die Geschichte, wie er selber als Gastgeber für drei Fremde auftritt, die ihm beim gemeinsamen Mahl einen eigenen Sohn ankündigen, zählt zu den schönsten der ­Bibel.2 Die zwölf Söhne Jakobs dürfen die Gastfreundschaft in Ägypten in Anspruch nehmen, als in ihrer Heimat eine Hungersnot herrscht. Das Treffen ihres alten Vaters Jakob mit seinem verloren geglaubten Sohn Josef krönt die spannende Geschichte von den zwölf Brüdern.3 Der Prophet Elija darf bei einer Witwe aus Sarepta zu Gast sein, die ihm trotz ihrer Armut ein bescheidenes Mahl anbietet. Als Belohnung veranlasst Elija, dass ihr Mehltopf und ihr Ölkrug bis zum nächsten Regen nie mehr leer werden. Schließlich erweckt er ihren Sohn, der nach einer Krankheit stirbt, wieder zum Leben.4 In diesen Erzählungen fällt auf, dass jeder Gast immer auch eine Bereicherung für den/die Gastgeber/in ist. Abraham wird mit der Verheißung eines Sohnes trotz seines hohen Alters belohnt. Josef erweist sich dem Pharao gegenüber als umsichtiger Verwalter und die Witwe in Sarepta und ihr Sohn können ihren Hunger für lange Zeit stillen.

In der Fremde Gottes besonderen Schutz erfahren

Die Israeliten lernen aber auch das Schicksal der Fremden kennen. Die wohlwollende Aufnahme in Ägypten schlägt Generationen später in Feindseligkeit und Hass um. Die unerträgliche Unterdrückung als „hapiru“, also „Fremde“, die „hebräisch“, d.h. in der Sprache der „Fremden“ reden, gräbt sich tief in ihre Seele ein. Nach der Befreiung mit Gottes ­Hilfe und einer jahrelangen Wanderung durch die Wüste landen sie schließlich in Kanaan, wieder als Gäste im fremden Land. Mit Dankbarkeit und sanfter Zähigkeit wird es für sie letzten Endes zum „gelobten Land“, in dem Milch und Honig fließen. Gerade diese entbehrungsreichen Jahre sind für die Israeliten eine wichtige Zeit in ihrer Entwicklung der Beziehung zu Gott: Bei den Ereignissen rund um den Auszug aus dem Sklavenland und natürlich bei ihrer Wanderung durch die Wüste nehmen sie die besondere Nähe Gottes wahr, der ihr gefährdetes Dasein beschützt und aus der trostlosen Lage herausführt.5 Spätestens hier begreifen sie die immer schon bestehende Absicht Gottes, Menschen aus ihren lebensbedrohlichen Situationen zu retten und ihnen einen Neuanfang zu ermöglichen. Diese Erfahrung wird zum „Glaubensbekenntnis“ selbst jener Generationen, die die Notzeit längst nicht mehr selbst erlebt haben.

Nun müssen prophetische Stimmen zunehmend diejenigen an das in der Vergangenheit Erlebte erinnern, deren Gastfreundschaft die Fremden ausschließt: Gott liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung – auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid fremd in Ägypten gewesen.6 Und das Buch Levitikus gießt es in die Form eines Gebotes: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.“ 7

Jesu Leben beginnt mit ver­weigerter Gastfreundschaft

Das Neue Testament führt die jüdische Tradition grundsätzlich weiter. Nur ein halber Satz fällt völlig aus dem Rahmen des bisherigen biblischen Befundes: Laut Lukasevangelium wird Jesus in einem Stall geboren, weil ihm und seinen Eltern in Bethlehem die Gastfreundschaft verweigert wird.8 Tatsächlich ist eine solche Zurückweisung eines so vehement geforderten Dienstes am Nächsten unfassbar. ­Offenbar schlägt Lukas aus der Erfahrung des Kreuzestodes Jesu eine gedankliche Brücke an seinen Lebensanfang: Jesus ist von den Repräsentanten des jüdischen Volkes von vorne herein abgelehnt worden, was der Evangelist als einen unentschuldbaren Verstoß ­gegen jede gängige Praxis entlarvt. Dass andererseits Jesus schon im Kleinkind­alter die Gastfreundschaft außerhalb von Israel erfährt, wie uns Matthäus in der Geschichte von der Flucht nach Ägypten erzählt9, mag in ähnlicher Weise eine indirekte Kritik an der jüdischen Obrigkeit sein.

Gastfreundschaft als Grundbotschaft

Im öffentlichen Wirken Jesu spielt die Gastfreundschaft eine wichtige Rolle. Er und seine Jünger erfahren sie immer wieder in einfachen aber auch vornehmen Häusern. Nach seiner Auferstehung laden ihn die Emmaus-­Jünger zum Essen ein. Da offenbart er sich beim Brotbrechen als der Auferstandene.10 Wieder passiert gerade während der praktizierten Gastfreundschaft ein Meilenstein glaubender Erkenntnis. Auch in seinen Gleichnissen steht sie mehrmals im Mittelpunkt: Das Reich Gottes gleicht einem Hochzeitsmahl, zu dem Menschen aller Schichten geladen sind. Im wohl berühmtesten Gleichnis lädt der Vater seinen auf Abwege geratenen Sohn mit allen Ehren eines hohen Gastes zum Mahl ein.11 Jesu bedingungsloses Zugehen auf Menschen aus allen Schichten und Nationalitäten, die ihm zu seiner Zeit in Palästina begegnen, versteht er als Zeichen: weil Gott alle Menschen liebt, kann er keine Grenze ziehen bei seinen jüdischen Volksgenossen. Die grenzenlose Offenheit zu allen Menschen vermacht Jesus auch seinen Jüngern. Er trägt ihnen auf, hinauszugehen zu allen Völkern12 und auf die Gastfreundschaft der (fremden) Menschen guten Willens zu vertrauen: „Nehmt keinen Geldbeutel, keine Vorratstasche und keine Schuhe … esst und trinkt, was man euch anbietet.“ 13 Die Ausbreitung des Evangeliums wäre nicht möglich gewesen ohne die Gastfreundschaft von Menschen aller Nationen. Davon geben die Apostelgeschichte und die Paulus-Briefe vielfältige Zeugnisse.

Im Gast Gott erkennen

Kein Wunder, dass die Aufnahme Fremder unter den entscheidenden Kriterien beim Weltgericht zu finden ist: „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ 14 Dass sich Christus besonders mit den Hilfesuchenden und Armen identifiziert, adelt jede Form des Engagements im caritativen Bereich. Sowohl in menschlicher als auch in religiöser Hinsicht bietet jeder Gast auch die Chance einer Begegnung, einer Öffnung des eigenen Horizontes. Ganz im Sinne der biblischen Vorbilder kann die Aufnahme von Fremden zu einer persönlichen Bereicherung, aber auch zu einer beglückenden Erfahrung von Pfarr­gemeinden und anderen Gast­gebern werden. Schon der ­Hebräerbrief weiß um dieses Geheimnis, wenn er die ­Gemeinde ermahnt: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“ 15 Der hl. Benedikt bringt die christliche Sicht der Gastfreundschaft in seiner Ordensregel auf den Punkt: „Alle Fremden, die kommen, ­sollen aufgenommen werden wie Christus.“ 16 Damit spannt sich der Bogen von Abraham, der in seinen Gästen Gott selbst erkannt hat, zu den offenen Türen unserer Zeit. Gott klopft als Gast an unsere Türen. „Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem will ich eintreten, und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir.“ 17

 

Nikolaus Farfeleder, Amstetten

  

Stellennachweise:

1 Vgl. Gen 12.

2 Gen 18.

3 Gen 37-50.

4 1 Kön 17, 8-24.

5 Vgl. Ex 12-18.

6 Vgl. Dtn 10, 18-19.

7 Lev 19, 33-34.

8 Lk 2, 7.

9 Mt 2, 13-15.

10 Lk 24, 13-35.

11 Lk 15, 11-32.

12 Mt 28, 19.

13 Lk 10, 4.7.

14 Mt 25, 35.

15 Hebr 13, 2.

16 Regula Benedicti, Kap. 53, Vers 1.

17 Offb 3, 20.