"Weltgesellschaft braucht politische Ordnung mit Sanktionsmacht"

Bei der Präsentation seines neuen Buches "Vor der Selbstauslöschung der Menschheit - Die Zeichen der Zeit theologisch gedeutet" im NÖ Landhaus am Donnerstag, dem 26. Februar, betonte Autor Herwig Büchele SJ die dringende Notwendigkeit, "Leitblanken zu legen", die das ganze Weltsystem "im Sinne eines ökosozialen Umbaus" in eine andere Richtung bringen". Die Weltgesellschaft als weithin steuerloses System bedürfe einer "weltweit wirksamen Zähmungsstrategie", einer "internationalen politischen Ordnung mit Sanktionsmacht". Als "realistisches Szenario" bezeichnete Büchele in diesem Zusammenhang den "global Marshall-Plan, der" - so der Theologe und Sozialethiker - "unser aller Unterstützung verdient". Die systemimmanente "Symptomkur-Politik" müsse überwunden werden, ohne einem utopischen Gegenmodell zu verfallen, so Büchele. "Gelingt uns dieser Weg - der Weg einer komponierenden Ethik - nicht, dann sehe ich nicht, wie das Anwachsen der Chaosmächte zu verhindern ist, ja wie Katastrophen, die das Überleben der Menschheit gefährden, abzuwenden sind.

Büchele: "Mit Mechanismen auseinandersetzen"

Es gehe ihm nicht um Katastrophengerede, sondern darum, zu zeigen, dass noch größere Probleme nicht abzuwenden wären, wenn sich ganz bestimmte Mechanismen, die heute wirken, sich weiter so entwickelten. "Diejenigen, die sich engagieren wollen, dafür, dass diese Welt immer mehr in eine Heimat für alle Menschen verwandelt wird, die müssen sich mit diesen Mechanismen auseinander setzen", so Büchele.

"Gott mehr herein nehmen"

"Um diese Fragen zu bewältigen, sollten wir wirklich fragen, ob wir hier nicht die Demut haben sollten, Gott mehr herein zu nehmen, betonte der Buchautor und wies darauf hin, wie Jesus Christus mit seiner Botschaft vom Reich Gottes auf Gleichgültigkeit, Widerstand und Ablehnung gestoßen ist. Jesus habe mit der Rede vom Gericht reagiert, die verdeutlicht: "Das Evangelium ist keine beliebige Botschaft. Vorbei am Reich Gottes gibt es kein Heil, durch die Ablehnung bestrafen sich die Menschen selbst."

In der anschließenden Diskussion bezogen Propst Maximilian Fürnsinn (Stift Herzogenburg), der St. Pöltner Unternehmer Wolfgang Hager (GF der Bäckerei Hager) die Betriebsberaterin Brigitte Hahn und Karl Rottenschlager, Geschäftsführer der Emmausgemeinschaft St. Pölten Stellung zu den Ausführungen des Buchautors.

Fürnsinn: "Sammlung der Menschen guten Willens" notwendig

Propst Fürnsinn betonte, die universale Krise der Menschheit schwebe "nicht irgendwo weit über unseren Köpfen", sondern sei "unmittelbar spürbar." Es gäbe eine fundamentale Störung des Grundvertrauens zu Gott. Die Kirche wäre durch die Zeichen der Zeit herausgefordert, wie noch nie. Eine "radikale Reich-Gottes-Erschließung" müsse die Antwort darauf sein. "Das Reich Gottes als Weltanspruch lässt sich nicht auf bestimmte Bereiche eingrenzen", so Fürnsinn der die Notwendigkeit einer "Sammlung der Menschen guten Willens" unterstrich und meinte: "Plötzlich wäre die Kirche sehr groß - das denke ich, sollte auch in ein Pastoralkonzept einfließen."

Rottenschlager: "Dorthin gehen, wo die Armut gemacht wird"

Emmaus-Geschäftsführer Karl Rottenschlager sah die Menschheit an einer "Wegzweigung": "Der eine Weg führt in die solidarische Kultur mit Gerechtigkeit, und daher Frieden und Freiheit, der andere in eine Entsorgungs-Unkultur, wo "Unproduktive" als Überflüssige entsorgt werden. Es genüge heute nicht mehr, an der Seite der Armen zu leben, oder sich sozial zu engagieren für Ausgegrenzte: "Wir müssen dorthin gehen, wo die Armut gemacht wird - in die Welt der Banken, der Wirtschaft und Politik. Was wir brauchen ist eine neue Weltfriedensordnung und eine neue Weltwirtschaftsordnung, fairen Handel für alle Staaten und soziale Gerechtigkeit für alle Völker".

Der St. Pöltner Unternehmer Hager meinte, die Menschheit wäre "kreativ genug, um mit diesen Aufgaben fertig zu werden". Jeder sollte sich selbst moralische Grundsätze auferlegen: "Was tue ich und was tue ich nicht." - Die Verantwortung für das regionale Umfeld, die soziale Verantwortung und eine Philosophie des Teilens wären für ihn sehr bedeutend.

Betriebsberaterin Brigitte Hahn sagte, das Aussterben der Menschen auf diesem Planeten sei sicher - wahrscheinlich sogar durch eigenes Zutun. Die Zeit bis dahin gelte es möglichst leidfrei, sinnvoll und glücklich zu gestalten. Optimistisch stimme der Fortschritt bei Umwelttechnologien und Ressourceneffizienz, sowie die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten: "Der Konsument hat immer noch sehr starke Macht!"

Der NÖ Landtagsabgeordnete Martin Michalitsch, der in Vertretung des Gastgebers der Veranstaltung, LH Erwin Pröll, die rund 100 teilnehmenden Personen begrüßt hatte, unterstützte die Ansicht Bücheles, dass die globalen Vorgänge eine Dynamik hätten, die die Steuerung verlangten. Mit der Festschreibung des arbeitsfreien Sonntags in der NÖ Landesverfassung wäre ein solches "klares Ordnungsprinzip". In NÖ gebe es auch viele Bestrebungen, von unten her zu versuchen, nach anderen Maßstäben zu leben, so wie es etwa bei der Emmausgemeinschaft St. Pölten geschieht, die "das Land NÖ von Herzen unterstützt".

Foto: U. Oswald