Weihnachten in Vukovar

Nur wenige Kinder finden ein Päckchen unter ihrem Christbaum. Noch immer lastet der Schatten des einstigen Krieges über Vukovar. Der ehemalige St. Pöltner Gastarbeiterseelsorger P. Zlatko Spehar ist Guardian in Vukovar und versucht so gut es geht zu helfen. Es sind noch immer düstere Weihnachten in Vukovar, der kroatischen Stadt an der Grenze zu Serbien. Auch wenn die Lichter wieder etwas heller scheinen als in den vergangenen Jahren, leben die Menschen noch immer am Rande der Minenfelder und die Kinder dürfen nur auf den harten Asphaltstraßen und Betonplätzen spielen.
"Mitten in der Stadt, am Rande eines Minenfeldes leben 346 Schulkinder und 28 Kleinkinder", berichtet P. Zlatko Spehar, Guardian (Vorsteher) des Franziskanerklosters von Vukovar in Ostslawonien. Relikte des Krieges vor 13 Jahren. "Gott sei Dank ist noch nichts passiert" sagt er und bedauert, dass es rund um Vukovar noch zahlreiche weitere Minenfelder gibt, die bisher nicht geräumt wurden, weil dies "nicht zu finanzieren" sei. Die Kinder leben dafür in ständiger Gefahr. Schon der Schulweg ist unsicher und so müssen viele Knirpse mit dem Schulbus fahren. "Doch die Eltern haben dafür oft kein Geld. Für mehr als 20 Kinder hat die Pfarre aus Spendengeldern diese Kosten übernommen", so P. Zlatko.

Kinder lernen bei Kerzenlicht
Die Not ist in den Familien täglich zu Gast, berichtet er. Monat für Monat werden 747 Familien von Pfarre und Caritas mit Lebensmittelpaketen versorgt. Über 1.000 Kinder haben Schuhe und Kleidung erhalten. "Ohne diese Hilfe könnten viele nicht überleben", sagt der Pater und erzählt von einem 40jährigen Mann, der sich aus Scham vor seinen Kindern das Leben nehmen wollte, da er die Stromrechnung nicht bezahlen konnte. Immer wieder müssen Kinder bei Kerzenlicht lernen, denn das Geld ist knapp. Ein Grund dafür ist die Arbeitslosigkeit. Für die insgesamt 28.000 Einwohner gibt es nur 3.600 Arbeitsplätze. Und diese sind oft schlecht bezahlt. "Manchmal erhalten Arbeiter ein halbes Jahr lang keinen Lohn", erzählt der Guardian. Bitter ist das vor allem vor Weihnachten, wenn die Zimmer dunkel und kalt und die Gabentische leer bleiben.
Gab es in den vergangenen Jahren beim Nikolausfest Anfang Dezember in der Stadt noch für jedes Kind eine Mandarine, so ist diese Spende aus Dubrovnik heuer ausgeblieben. Nun ist P. Zlatko bestrebt, den Kindern zumindest zu Weihnachten eine kleine Freude zu bereiten und sie spüren zu lassen, dass Weihnachten ein Fest der Hoffnung und des Friedens ist.

Bescherung in der Kirche
"Wir haben Hilfe bekommen", sagt P. Zlatko freudestrahlend. Wenn auch in den meisten Familien die Kinder unter dem Christbaum keine Geschenke vorfinden werden, so sollen sie doch nach dem Weihnachtsgottesdienst in der Franziskanerkirche beschenkt werden. Mit etwas Schokolade, einigen Keksen, einem kleinen Spielzeug oder einem Stofftier. "Unsere Freunde in Österreich, Italien und Deutschland haben dies möglich gemacht", strahlt der Pater und nennt vor allem den Transportunternehmer Josef Oismüller aus Amstetten mit seinen Helfern, der schon seit vielen Jahren immer wieder vor Weihnachten auf eigene Kosten Spielsachen und Gebrauchsgüter nach Vukovar bringt, um den Menschen eine kleine Weihnachtsfreude zu bereiten. Oder auch die Raiffeisenbank Neidling bei St. Pölten, die Jahr für Jahr Stofftiere und Schreibmaterialien zur Verfügung stellt.
Über 1.600 Kinder werden sich am Heiligen Abend auch heuer wieder in die Kirche von Vukovar drängen und werden in ihrer Sprache, mit Tränen in den Augen und voll freudiger Erwartung das Weihnachtslied "Stille Nacht" anstimmen können, ist der Pater überzeugt.

Pastoralzentrum - Ort der Begegnung
P. Zlatko ist zuversichtlich. Im angeschlossenen Pastoralzentrum, das von der Diözese St. Pölten finanziert wurde, ist reges Leben eingekehrt. "Es ist sozusagen zum pulsierenden Herz der Stadt geworden", sagt er. Woche für Woche kommen 400 Kinder und bevölkern die Räume. "Wir führen mit ihnen ein Therapie- und Resozialisierungsprogramm durch. Denn die meisten von ihnen kommen aus Flüchtlingslagern in diese noch immer zerbombte Stadt zurück und finden sich nicht zurecht". Die Hälfte der zerstörten Wohnhäuser ist bereits wieder restauriert, aber nur fünf bis zehn Prozent der Industrieanlagen. Abends dient das Pastoralzentrum als Treffpunkt der Kultur, ist offen für Seminare und Vorträge und es gibt Konzerte und Begegnungsmöglichkeiten für Kroaten und Serben.
"Diese Kluft zu überwinden ist eine dringliche Aufgabe", weiß P. Zlatko und kann bereits vermelden, dass es erstmals gelungen ist, dass sich am kommenden ökumenischen Weltgebetstag im März 2005 erstmals Vertreter der ökumenischen Kirchen und auch der islamischen Glaubensgemeinschaft zum gemeinsamen Gebet um Friede und Versöhnung zusammenfinden.