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Wege zu einer familiengerechten Arbeitswelt

"Familiengerechte Arbeitswelt" war das Thema, mit dem sich der Katholische Laienrat Österreichs bei seiner diesjährigen internationalen Tagung in Neuhofen/Ybbs auseinandersetzte. Die verstärkte Förderung qualifizierter Teilzeitarbeit, die Schaffung eines besseren Bezugsrahmens für die einzelnen Lebensbereiche mithilfe einer Neudefinition von Arbeit, sowie ein Leistungsausgleich für die Kinderpflege- und Betreuungsarbeit der Familien waren u. a. Forderungen, die von den Referenten beim "Forum Ostarrichi" von 25. bis 28. August eingebracht wurden. Zum Forum Ostarrichi des Katholischen Laienrates sind auch heuer wieder Teilnehmer aus den mittelosteuropäischen Ländern Tschechien, Slowakei und der Ukraine gekommen. Damit werde die grenzüberschreitende Zusammenarbeit unter den Katholiken gefördert, wies der Veranstalter hin.


HR Dr. Rudolf Schwertner, Präsident des Kath. Laienrates, äußerte in seiner Begrüßung die Hoffnung, dass von der Tagung "wichtige Schlüsse und Annregungen für die Arbeit des Laienrates" ausgehen mögen. Es dürfe nicht sein, dass Kapital und wirtschaftliche Interessen Vorrang vor der Familie haben, unterstrich er. An der Tagung nahm auch der für den Laienrat zuständige Referatsbischof Dr. Paul Iby aus Eisenstadt teil, der den Eröffnungsgottesdienst am Freitag leitete.


Dörfler: "Mehr qualifizierte Teilzeitarbeit"


Einen weiteren Ausbau und eine verstärkte Förderung qualifizierter Teilzeitarbeit zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Arbeitswelt verlangte die Soziologin Mag. Sonja Dörfler. Sie sprach sich für eine stärkere Einbindung von teilzeitarbeitenden Personen in die Weiterbildung aus, ebenso für eine Ausweitung des Rechts auf Elternteilzeit. Derzeit hätten aufgrund der geltenden Regelung (Dauer der eigenen Betriebszugehörigkeit und Betriebsgröße) zwar die Hälfte der Männer, aber nur ein Drittel der Frauen einen Anspruch darauf.


Insgesamt, so Dörfler, führt die traditionelle Erwerbsorientierung der Geschlechter und mangelnde Flexibilisierungstendenzen der Arbeitsmärkte zum heutigen Spannungsverhältnis von Familienleben und Beruf. Die Erwerbstätigkeit der Männer habe sich von 1951 bis 2003 von 91 Prozent auf 78 Prozent verringert, die der Frauen im gleichen Zeitraum aber von 49 auf 64 Prozent erhöht. Dabei sei aber der Anteil der Teilzeitarbeit bei Frauen ungemein höher - sie liege bei 32 Prozent, wohingegen der Anteil bei Männern lediglich bei 3 Prozent betrage. Die Kinderbetreuung liege noch immer einseitig bei den Frauen, wies sie hin.


Pilotprojekt "Kinderkram und Elternwirtschaft"


Über die für Eltern mit kleinen Kindern konzipierte Seminarreihe "Kinderkram und Elternwirtschaft", ein Pilotprojekt in Niederösterreich, an dem unter anderem das NÖ Familienreferat, die Interessenvertretung NÖ Familien sowie das AMS und das Kummerinstitut beteiligt waren, informierte die Wiener Familienberaterin Mag, Irene Kernthaler-Moser. Es brauche zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf Lösungen auf allen Ebenen, politisch, betrieblich und persönlich, sagte sie. Ziel dieses Seminars sei die Vernetzung bereits vorhandener Angebote und die Wertschätzung jeglicher Arbeit, auch der in der Familie. Für die Vereinbarkeit von Familie und Job gebe es keine Lösung, die für alle passt, sagte sie. Vielmehr müsse für jeden einzelnen der richtige Weg gefunden werden. Das Seminar "Kinderkram & Elternwirtschaft bietet eine Website mit Informationen, Newsletter, Broschüren, Fortbildung und Vorträge an. Näheres ist auch unter der Homepage www.kinderkram-und-elternwirtschaft.atzu finden.


Am Samstag, dem 27. August referierten Univ.-Prof. Dr. Leopold Neuhold vom Institut für Ethik und Gesellschaftslehre an der Universität Graz und Prof. DI Dr. Helmuth Schattovits, Geschäftsführer der Österreichischen Gesellschaft für interdisziplinäre Familienforschung (ÖGIF).


Leopold Neuholdbeleuchtete die Möglichkeiten einer familiengerechten Arbeitswelt hinsichtlich Arbeitsorganisation und Wertehierarchie. Er konstatierte dabei Brüche, was die Beziehungen zwischen den verschiedenen Lebensbereichen anlangt. Heute bestehe die Tendenz, die Zusammenhänge nicht zu sehen. Ganzheitsansprüche von einzelnen Systemen würden zum Problem.


Neuhold: "Arbeit ist nicht alles"


Arbeit würde die Möglichkeit zur Selbstentfaltung bieten, habe Solidaritätsfunktion und als Christ wäre man auch "Mitarbeiter an der Schöpfung", aber: "Arbeit ist nicht alles. Es gilt den Sinn der Arbeit außerhalb der Arbeit zu finden", sagte Neuhold. Es wäre ein Problem, im Arbeitsprozess aufzugehen und Bezüglichkeiten nicht wahrzunehmen. Aber es gäbe heute auch eine "wahnsinnige Idealisierung der Familie". Im praktischen Zugang fehle der Realismus. Auch Familie wäre nur ein Mittel.


Es wäre wichtig, dass der "Arbeitsmix" wahrgenommen werden könne. Heute konzentriere sich alles auf die Marktarbeit. Nicht berücksichtigt werde, dass sehr viel an sozialem Kapital, das der Wirtschaft nützt, in der Familie geschaffen werde. Der Arbeitsbegriff müsse deshalb ausgedehnt werden. Neuhold favorisierte in diesem Zusammenhang ein Drei-Schichten-Modell mit "Grundbeschäftigung", die vom Staat garantiert wird als erster Säule, bezahlter Arbeit in der freien Wirtschaft als zweiter und Eigenleistungen und nicht bezahlte freiwillige Tätigkeiten als dritter Säule.


Prof. DI Dr. Helmuth Schattovits, Geschäftsführer der Österreichischen Gesellschaft für interdisziplinäre Familienforschung (ÖGIF) forderte in seinem Vortrag mit dem Titel "unbezahlt aber unverzichtbar" einen Leistungsausgleich für Familien. Wer Unterhalts- und Betreuungsleistungen für Kinder erbringt, solle aus einem Ausgleichsfonds entsprechendes Entgelt und Anspruch auf soziale Absicherung erhalten.


Schattovits: "Leistungsausgleich"


Ein solcher Familienleistungsausgleichsfonds sollte als "generell präventive Maßnahme" Leistungen erbringen, die allen Kindern in gleicher Weise zugute kommen und sozialer Ungerechtigkeit vorausschauend vorbeugen sollten.


Nach Einführung des Kinderbetreuungsgeldes ("die gesellschaftlich relevante Leistung der Kinderbetreuung wird damit anerkannt und ansatzweise abgegolten") gäbe es noch beachtliches Potential an Effektivitätssteigerung im Einsatz öffentlicher Mittel: Es gelte das in der Machbarkeitsstudie Kinderbetreuungsscheck des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) entwickelte Konzept eines Kinderbetreuungschecks schrittweise zu verwirklichen und in ein Reformwerk eines Familienleistungsausgleichsfonds zu integrieren sagte Schattovits.


Konkrete Maßnahmen des vom ÖIF erarbeiteten Entwurfs zum Kinderscheck: Kinderbetreuungsgeld bis zum vierten Lebensjahr, dann 50:50 Splitting der Zahlung (in einen Gutschein für eine extern anerkannte Kinderbetreuungseinrichtung, und Auszahlung der zweiten Hälfte an die Eltern), sowie eine Fortzahlung des halben Betrages während des ersten Volkschuljahres.


Für Sonntag Vormittag stand die außerordentliche Vollversammlung des Katholischen Laienrats Österreichs am Programm.