Vortrag 50 Jahre Familiensingwoche (im Wortlaut)

Familie muss man sich er-leben Sie haben mir das Thema gestellt "Familie muss man sich er-leben", ich danke Ihnen dafür und gratuliere Ihnen zur 50jährigen Erfahrung, die Sie in der Akademie für Bildung und Regionalkultur machen durften. Ich freue mich über Ihren Erfolg und über den Zuspruch bei Ihren Veranstaltungen.

Ich habe mir einige Gedanken zum Thema gemacht. Ich möchte versuchen aufzuzeigen, welche Bedeutung meiner Meinung und meiner Beobachtung nach für die Familie die Tätigkeiten haben, die Sie praktizieren, und ich möchte noch einige Aspekte, von denen ich nicht weiß, wie Sie es damit halten, aufzeigen, Aspekte die mir wichtig scheinen.

Zunächst möchte ich ganz allgemein festhalten: Familien, die miteinander freundschaftlich verbunden sind, haben eine große Chance, ihr Ziel zu verwirklichen. Solche Familien stellen zugleich eine Chance für die Gesellschaft dar, denn am besten gedeihen gesunde Persönlichkeiten mit Verantwortungssinn, Fähigkeit zu Teamwork und Einordnung in eine Gesamtheit, Menschen mit Initiative und Tatkraft, in der Familie. Sie ist die Keimzelle der Gesellschaft.

Sie haben sich gefunden durch Singen, Tanzen, Basteln, Spielen, Wandern, Diskutieren, Feiern.

In unserer Leistungsgesellschaft, die an den Einzelnen oft hohe Ansprüche stellt, ist es - auch bedingt durch die Überfülle an Reizen, Hektik und Stress - gar nicht einfach, ruhig zu werden. Ich denke manchmal an einen Kommentar, der von der Frau eines Bürgermeisters einer mittelgroßen Stadt stammt. Sie sagte mir, dass ihr Mann im Urlaub, sofern es ihr gelingt, mit ihm wegzufahren, in der Regel etwa eine Woche braucht, bis er wieder "normal" ist. Am Beginn von Schweigeexerzitien verweise ich gerne auf die Stelle im Markusevangelium, wo erzählt wird, dass Jesus zu den Aposteln, die ihre Aufträge erfüllt hatten, sagte: "Kommt mit an einem einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus." Es heißt dann, dass sie mit dem Boot in eine einsame Gegend fuhren, um allein zu sein (vgl. Mk 6,31 ff). Ich sage dann, dass es notwendig ist, ins Boot einzusteigen und vom Ufer des Alltags abzustoßen, um mit Jesus zusammen mit den Anderen allein zu sein.

Manchmal kann es sein, dass wir am liebsten einfach - wie man sagt - die Seele baumeln lassen; die wirksamere Art abzuschalten, bewusst von der Arbeit, von den Sorgen des Alltags Abstand zu nehmen, kann darin bestehen, sich auf so etwas wie auf eine Singwoche einzulassen. Wer sich nicht einfach gehen lässt, sondern mitmacht, auch wenn dies anfangs vielleicht eine gewisse Überwindung bedeutet, wer sich in die Gemeinschaft einfügt, auch eine gewisse Strukturierung des Tagesablaufes annimmt, wird rasch ruhig. Miteinander Musizieren, Tanzen oder etwas anderes Tun lockert, gibt nach und nach Verstand und Herz frei für Zuwendung, Nachdenken, Gespräche.

In unserer Zeit ist bekanntlich ein neuer Boom auf den Pilgerwegen festzustellen. Die Menschen haben das Verlangen, in sich zu gehen. Sie brauchen Zeit, um manches zu überdenken. Wenn mehrere gemeinsam gehen, beginnen sie manchmal miteinander darüber zu reden; es gibt auch Phasen des Schweigens. Die Teilnehmer bestimmen selbst Distanz und Nähe. Familiensingwochen scheinen mir ähnliches zu ermöglichen. Dadurch, dass mehrere oder sogar viele Familien beisammen sind, kommt es nicht nur zu einem echten Tapetenwechsel, sondern auch zu Öffnung und Erweiterung des Beziehungsnetzes. Sehr wertvoll ist das Miteinander mehrerer Generationen. Die Kinder finden sich am schnellsten. Sie sind meist am unkompliziertesten; Jugendliche kommen miteinander ins Gespräch, Eltern, Frauen, Männer, auch die Senioren. Erzählen kann wohl tun. Freundschaften entwickeln sich: Es entstehen Vertrauensverhältnisse: Man vertraut einander manche Sorgen an, berichtet von Freuden. Das Beispiel wirkt bestärkend.

Letzthin hat mir eine Frau, die einer großen Familie angehört, erzählt, dass sie in ihrer Verwandtschaft sehr froh sind, weil ihre Jugendlichen weitgehend an der Glaubenspraxis der Familie festhalten. Sie begründete es damit, dass sie häufig Kontakt untereinander pflegen. Die Kinder dieser Familien entwickeln ein gesundes Selbstbewusstsein als Christen, auch die Eltern wissen sich durch die Lebensweise der befreundeten Familien bestätigt; auch die Großeltern haben in diesen Familien eine wesentliche Aufgabe.

In solchen Gemeinschaftswochen ist es wohl fast überall selbstverständlich, dass Jung und Alt beim Vorbereiten des Essens und der anderen häuslichen Pflichten mithelfen. Das wird vielleicht in irgendeinem Augenblick gerade im Gedanken daran, dass ja eigentlich Urlaub ist, als "anstrengend" empfunden und doch ist es sehr wertvoll. Es ist auch schön, wenn der Vater oder der Sohn, die Tochter ganz bewusst mittun. Es mag tatsächlich ein wenig "anstrengend" sein, bereitet aber dennoch Freude und ist auch erholsam, weil diese Tätigkeit eine ganz andere ist als sonst.

Ob das religiöse Moment in solchen Wochen zum Tragen kommt, hängt wohl von der Einstellung der Teilnehmer ab. Die Teilnahme an religiösen Akten sollte - vielleicht abgesehen vom Tischgebet - frei sein, aber es ist jedenfalls ein Segen, wenn es jenen, die bei solchen Veranstaltungen mittun, geschenkt ist.

Vor ein paar Jahren wurde ich von einer Familie, die eine mittelgroße Fremdenpension führt, gebeten, eine neu errichtete, ziemlich große Kapelle zu segnen. In dieser Kapelle werden die verstorbenen Angehörigen jener Gäste, die sich dieser Kapellengemeinschaft ideell anschließen, auf einer Tafel eingetragen. Sie beten dort füreinander und für die Verstorbenen. Ich war zunächst über diese Initiative erstaunt und hatte meine Fragen, erkannte dann aber, dass es gut war. In diesem Haus lesen Angehörige der Besitzerfamilie am Abend im Advent für die Gäste, die es wünschen, Texte aus den Propheten des Alten Testamentes vor. Die Leute, oft solche, die vom christlichen Glauben kaum eine Ahnung haben, lieben diese Abende.

Eine Familie, die gemeinsam betet, füreinander betet, hält zusammen, wird zu einer Art "Festung", die allen, die zu ihr gehören, Schutz bietet.

Wenn in solchen Familienveranstaltungen manche Ehepaare, die das vorher vielleicht nie getan haben, entdecken, dass sie miteinander beten können, oder die Hemmung überwunden wird, die eigenen Bitten auszudrücken, dann kann das etwas Großes sein.

Aus den Programmen der Familiensingwochen habe ich auch entnommen, dass Sie miteinander diskutieren. Ich halte das für wertvoll.

In Ihren Prospekten heißt es, dass die Familiensingwochen eine wertvolle Stütze für den Alltag sind. Ich kann mir das gut vorstellen. Möchte aber etwas hinzufügen: Heute haben es Familien nicht einfach. Es hängt schon mit der Vielfalt der Verpflichtungen der einzelnen Familienmitglieder (bei Jung und Alt) und der Mobilität aller zusammen. Es ist gar nicht einfach zu erreichen, dass man zusammen isst, zusammen feiert, zusammen etwas unternimmt.

Persönlich habe ich aus den Erzählungen von Eheleuten, wie sie es machen; wie sie den Sonntag gestalten, wie sie Fernsehen verwenden, was sie unternehmen, um das Internet verantwortungsvoll zu benutzen und doch vor seinen Gefahren zu schützen. Wie sie es machen, um Zeit zu finden füreinander, oder wie sie den Advent, Weihnachten feiern, die Fastenzeit leben oder den Monat Mai, Geburtstage und andere Familienfeiern begehen. Es ist sehr nützlich, wenn Anregungen, Impulse vermittelt werden, die für die Gestaltung der eigenen Familie hilfreich sein können.

Es wird gut sein, wenn das jemand vorbereitet, wenn positive Erfahrungen zur Sprache kommen. Das schmälert nicht Erholung und Muße, wenn es gut geplant und maßvoll getan wird.

So kann ich mir gut vorstellen, dass solche Familiensingwochen eine Gelegenheit sind zum Auftanken, die gegenseitige Liebe erneuern. Liebe ist nicht etwas Selbstverständliches, das man hat oder nicht hat. Man muss sie hegen und pflegen, sich manchmal von neuem dem Anderen nähern, aufmerksam sein, hilfsbereit. Manchmal ist eine gründliche Aussprache mit echtem gegenseitigem Zuhören, das gelernt sein muss, nötig. Es ist erforderlich, Wege miteinander zu finden. Sehr wichtig ist es, einander vergeben zu können, und zwar ganz. Auch eine Aversion, die man gegen jemand hat, ist in der Regel keine unheilbare Krankheit: man kann versuchen, auf den anderen zuzugehen, an sich zu arbeiten, bemüht sein ihn/sie zu verstehen.

So wünsche ich Ihnen Gottes Segen und ermutige Sie, die Freundschaft unter Ihren Familien als Schatz zu betrachten, der sehr wertvoll und sehr kostbar ist. Es lohnt sich, dieses Anliegen der musischen Familienwochen hoch zu halten, und ich hoffe, dass es Ihnen gelingen wird, auch in der Zukunft viele Familien dafür zu gewinnen.