Von Gästen zu Freunden

"Von Gästen zu Freunden" war das Motto eines interreligiösen Abends im Alevitischen Zentrum St. Pölten-Ratzersdorf, zu dem die Vereinigung Christlicher Unternehmer am 10. Jänner geladen hatten. Vertreter der Aleviten, der Evangelischen sowie der Katholischen Kirche fanden sich zu diesem Gespräch ein. An erster Stelle stand die Information über die Alevitische Glaubensgemeinschaft, der heute etwa 14 Millionen Menschen in der Türkei angehören. In Europa seien ein Viertel bis ein Drittel der Gastarbeiter Anhänger dieser Gemeinschaft. Ihre religiöse Überzeugung basiert auf der Lehre des Kalifen Ali, des 4. Nachfolger Mohammeds, erläuterte Dr. Seydi Koparan aus Köln, Obmann-Stellvertreter der deutschsprachigen alevitischen Konföderation. Die Lehre unterscheide sich in Inhalt wie auch in der Praxis wesentlich vom sunnitischen Islam. Aleviten lehnen die Scharia (religiöses islamisches Recht, das im 7. - 9. Jh. entstanden ist) ab und ebenso die äußere Praxis wie das Fasten im Monat Ramadan, die Pilgerfahrt nach Mekka oder das fünfmalige Gebet am Tag. Zudem nehmen die Frauen am Gottesdienst teil, sind den Männern nicht untergeordnet und das Kopftuch habe keine religiöse Bedeutung.
Seit Jahrhunderten werden die Aleviten in der Türkei unterdrückt und haben ihre Religion im Verborgenen gelebt. Erst in jüngster Zeit seien sie an die Öffentlichkeit getreten. "Wir wollen die Demokratie mittragen, treten für die Religionsfreiheit ein und begrüßen den interreligiösen Dialog", sagte Dr. Koparan.
Die Religion der Aleviten sei "stark mystisch orientiert", weist er hin. Gott stehe nicht über der Welt als Herrscher, sondern habe sich in ihr manifestiert. Damit habe der Mensch einen göttlichen Rang, er sei Gottes Ebenbild, brauche ihn nicht zu fürchten, sondern könne ihn lieben.

Der evangelische Superintendent Mag. Paul Weiland sieht diese Begegnung als einen wichtigen Schritt "zu einem besseren Miteinander und Verstehen". Der Dialog sei ein wesentlicher Auftrag für alle Christen, unterstrich er. Gerade in der Auseinandersetzung mit anderen Glaubensüberzeugungen habe sich auch die Dynamik des eigenen Glaubens entwickelt. Dabei gehe es nicht um eine einfache Harmonisierung, sondern um ein besseres gegenseitiges Verstehen und eine gegenseitige Bereicherung in der Glaubensüberzeugung.

Rektor Petrus Bsteh von der Kontaktstelle für Weltreligionen in Wien unterstrich, dass gerade die Gastfreundschaft eine gemeinsame Basis der Religionen sei. Vor allem hob er die grundlegende soziale Komponente der alevitischen Glaubensüberzeugung hervor, die "stets unterdrückten Menschen geholfen habe, den Weg in eine menschenwürdige Zukunft zu gehen". Sie sei ein besonderer Aspekt in der Geschichte der Aleviten, sagte Bsteh. Auch er lege großen Wert auf solche Begegnungen, schon allein deshalb, um "autistischen Tendenzen" der Religionen vorzubeugen.