Von der Müllhalde zum Forschungsprojekt

St. Pölten. Das auf einer Müllhalde in Oberösterreich gefundene Tagebuch eines jüdischen Journalisten eröffnete in einer Sondervorlesung zum "Tag des Judentums" am 17. Jänner 2007 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten neue Einsichten in die Wirren der Revolutionsjahre 1848 bis 1858 in Wien. Der Historiker Mag. Wolfgang Gasser präsentierte die Edition dieses einzigartigen Zeitdokuments als neues Forschungsprojekt des "Instituts zur Erforschung der Geschichte der Juden in Österreich". Revolutionsjahre aus jüdischer Sicht

Das Tagebuch des Journalisten Benjamin Bernhard Kewall (1806 - 1880) ist in Hochdeutsch, jedoch in hebräischer Kursivschrift abgefasst und beleuchtet die Zeit von der Märzrevolution 1848, über die Gegenrevolution durch kaiserliche Truppen bis in das Jahr 1950 aus spezifisch jüdischer Perspektive. "Die Eintragungen zeigen die Positionierung einer Person, die bisher nicht sichtbar war", hebt Mag. Gasser den besonderen historischen Wert des Manuskripts hervor.
Die jüdische Bevölkerung hatte in der revolutionären Verfassung erstmals völlige Gleichstellung in allen Lebensbereichen erlangt, die bis 1851 jedoch größtenteils wieder rückgängig gemacht wurde. Der Antisemitismus wurde in dieser Zeit deutlich stärker und aggressiver.

Kewall beschäftigt sich in dem über das Benediktinerstift Melk nach St. Pölten gekommenen Tagebuch auch intensiv mit seiner eigenen Religiosität und zeigt sich sehr interessiert an christlichen Festen. Beeindruckt beschreibt er etwa eine Fronleichnamsprozession.

Dr. Morgenstern im "katholischen" Religionsunterricht

Als lebender Zeitzeuge zum "Tag des Judentums" erzählte der Hautarzt Dr. Hans Morgenstern "aus dem Leben eines St. Pöltener Juden". Als letzter lebender vor 1938 in St. Pölten geborener Jude erinnerte sich Dr. Morgenstern besonders an die Zeit als er 1947 mit seiner Familie aus der Emigration in Palästina zurückkehrte: "Schon in der Volksschule habe ich gespürt, dass ich als Jude nicht ganz dazugehöre." Als einziger Jude im Gymnasium lernte er über die Verbrechen in der Nazizeit und fragte sich: "Warum sind meine Eltern zurückgekommen?"
Obwohl Agnostiker ist Dr. Morgenstern in engem, freundschaftlichen Kontakt mit der katholischen Kirche: Sein Vater schickte ihn zu Prälat Dr. Johann Triebl zum Religionsunterricht, "damit ich wenigstens ein bisschen aus der Bibel über meinen jüdischen Glauben lerne."

Einleitung zur Gebetswoche zur Einheit der Christen

In der Kapelle des St. Pöltener Priesterseminars fand nach der Vorlesung ein gemeinsames Gebet zum "Tag des Judentums" statt, der auch als Einleitung zur folgenden "Gebetswoche zur Einheit der Christen" verstanden werden soll. Der "Tag des Judentums" wird seit dem Jahr 2000 am 17. Jänner begangen.