Touristen die spirituelle Dimension von Kirchen vermitteln

Kirchenführer aus Österreich, Deutschland und Zypern trafen sich zum Erfahrungsaustausch im Rahmen der EU-Lernpartnerschaft "Klöster - Kirchen - Pilgerwege" in St. Pölten. Im Mittelpunkt der Gespräche im Bildungshaus St. Hippolyt und der Kirchenraum-Exkursionen in Wien und Neulengbach stand die Frage, wie Touristen die spirituelle Dimension von Kirchen und Klöstern näher gebracht werden kann.

"Es geht um spirituelle Didaktik", erklärte Projektkoordinator Dr. Jürgen Halberstadt von der "Kultur Agentur München", "den Zusammenhang von Literatur, Musik, Meditation und regionalen Ritualen in Kirchenräumen." Die Treffen auf Zypern im Jänner, in Freising und auf Reichenau in Deutschland im Mai und jetzt in Österreich seien "interkulturelle Dialoge zwischen Lehrern und Lernenden, West- und Osteuropa, verschiedenen christlichen Konfessionen, zwischen Tradition und Moderne", so Halberstadt. Österreichische Partner der Lernpartnerschaft sind das Bildungshaus St. Hippolyt und das Katholische Bildungswerk der Diözese St. Pölten.

Am Beispiel des Stiftes Melk erläuterte P. Martin Rotheneder, Verantwortlicher des Stiftes für Kultur und Tourismus, Problematik und Chancen des Massentourismus in sakralen Räumen. Vom Baukonzept her sei Melk "ganz auf Gott ausgerichtet". Dieser Konzeption könnten sich auch Touristen nicht entziehen: "Beim Betreten der Stiftskirche heben alle Besucher automatisch den Kopf - weg vom Boden, von den Problemen, vom Schmutz." Eine Gefahr sei die "Musealisierung" historischer Kirchen, meinte Rotheneder. Es gelte, die Ausstattungen und Darstellungen aus früheren Zeiten stets in das Heute zu übersetzen. Generell solle mit Touristen "großzügig" umgegangen werden, so P. Martin: "Man sollte nicht mit dem Flammenschwert vor der Kirchentüre stehen, denn es kann für viele Besucher eine Chance sein, Gott wieder näher zu kommen."

Interesse an Kirchen wächst

Das Interesse an Kirchen sei im Steigen begriffen, berichtete Petra Waschner vom Evangelischen Kreisbildungswerk Ludwigsburg, auch ließen sich immer mehr Kirchenführer ausbilden. "Es gehen jedoch mehr Menschen in Kirchen, um sie zu besichtigen, als zum Gottesdienst." Trotzdem sei eine innere Sehnsucht vorhanden, die Menschen vermehrt in die Kirchen führe. Nach einer deutschen Umfrage aus dem Jahr 2002 suchten Kirchenbesucher vor allem Stille und "Raum, um zu sich selbst zu kommen", außerdem seien sie auf der Suche nach "Erkenntnissen für ihr Leben". Da jeder Kirchenraum "bis obenhin mit Christentum angefüllt" sei, wie Waschner es ausdrückte, bestehe bei jedem Kirchenbesuch die Möglichkeit, wieder mit Gott in Kontakt zu kommen: "Auch wenn ich mich von der Religion verabschiedet habe, begegne ich ihr dort."

Für Mag. Ruth Pucher von den Missionarinnen Christi sind Kirchen "Gottesbeweise": "Sie halten die Erinnerung an Gott wach." Die Ordensfrau ist in Wien als Fremdenführerin tätig und bietet unter dem Titel "Wien ORDENtlich" Spezialführungen in Ordenskirchen und Klöstern an. Menschen würden Kirchen als Orte der Stille benötigen, wie Pucher erklärte: "Kirchenräume scheiden die laute Außenwelt aus. Erst dadurch bekomme ich die Chance innen zur Ruhe zu kommen." In dieser Stille könnten Fragen nach der eigenen Identität auftauchen. In der Folge seien Kirchen auch ein Angebot, Orientierung zu finden. Durch die Raumordnung und Farbgebung der Architektur, aber auch durch Heiligenbilder, Votivtafeln und Spruchbänder gebe der Kirchenraum Besuchern Hilfestellungen sich neu auszurichten.

Bei Kirchenführungen in Maria am Gestade, der Lutherischen Stadtkirche und der griechisch-orthodoxen Kirche "Zur Heiligsten Dreifaltigkeit" in Wien, in der Laurenzikirche Haag bei Neulengbach sowie bei einem Besuch im Garten der Religionen des Stiftes Altenburg konnte der Erfahrungsaustausch der Teilnehmer an der EU-Lernpartnerschaft vertieft werden. Das Abschlusstreffen ist für Mai 2009 auf Zypern geplant. Die Ergebnisse sollen im Internet unter www.agentur-kultur.com/eu_mcp.html veröffentlicht werden.