Silvesterpredigt 2006 (Wortlaut)

Liebe Brüder und Schwestern! Nach gutem altem Brauch wenden wir uns vor Beendigung des alten und vor Beginn des Neuen Jahres nochmals in feierlicher Weise Gott zu, der ohne Anfang und ohne Ende ist, von dem alles ausgeht und auf den unser Leben ausgerichtet ist. Wir wollen ihm für alles, was wir in dem zu Ende gehenden Jahr empfangen haben, danken und ihn um Segen bitten für das kommende Jahr.

Im Evangelium wurde uns die Seligpreisung Mariens durch Elisabeth verkündet - das ist für uns eine Ermutigung - und einmal mehr haben wir die Antwort Mariens, das Magnifikat, vernommen. Dieses Gebet ist für uns wegweisend, weil in ihm ganz im Vordergrund Gott steht.

Zunächst möchte ich ein wenig Rückschau halten: Ein ereignisreiches Jahr liegt hinter uns zurück. Es war im Wesentlichen ein friedliches Jahr sowohl im weltlichen als auch im kirchlichen Bereich und mir scheint, dass wir sagen können: Das hat uns wohlgetan.

Hier im Dom ist ein neuer Pfarrer eingezogen; dafür sind wir dankbar. Im Sommer ist eine große Gruppe Ministranten unserer Diözese nach Rom gefahren und ist begeistert heimgekehrt. Auch unsere Mesner waren in Rom. Bezüglich Pädagogische Hochschule Krems ist eine Entscheidung gefallen: Wir bleiben als Diözese in der Lehrerausbildung, die auch für die Zukunft wichtig ist, obwohl derzeit die Zahl der Kinder zu gering ist. Wir müssen Familien ermutigen, zu mehr Kindern ja zu sagen. Das Konservatorium wurde baulich beendet und eröffnet. Wir freuen uns, dass viele und gute Kirchenmusiker aus ihm hervorgehen. Auch das ist ganz auf die Zukunft ausgerichtet. Es ist gut froh zu sein und viel zu singen. Am Leopolditag hat sich eine beachtliche Anzahl von jungen Leuten an der Fußwallfahrt beteiligt, die für das Anliegen der Berufungspastoral von Mautern nach Maria Langegg geführt hat. Auch das ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Schließlich haben wir einen neuen Weihbischof bekommen und freuen uns, wie gut er in der ganzen Diözese angenommen wird, und setzen große Hoffnungen auf ihn.

Es ist richtig, Gott für alles zu danken, was er uns geschenkt hat "Seid dankbar!", ermahnt der hl. Paulus die Kolosser und fügt hinzu: "Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei Euch. Singt Gott in Eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt." Das sollen wir in dieser Jahresschlussandacht tun. Wir wollen aber auch unser Anliegen vor Gott tragen.

Große Herausforderungen kommen auf uns zu "Herr lass Dein Angesicht über uns leuchten und sei uns gnädig", heißt es im Segensgebet des Aron. Es ist auch wichtig, dass wir den Glauben in die Hilfe des Herrn erwecken.

Im kommenden Jahr erwarten wir den Besuch des Hl. Vaters in Mariazell. Das große Jubiläum dieses größten und bedeutungsvollsten Wallfahrtsortes Österreichs, der jetzt nach gründlicher Renovierung im neuen Glanze erscheint, soll neun Monate hindurch vorbereitet werden. Als Leitfaden dient uns die Apostelgeschichte. Es verbindet sich ein großer Wunsch damit: Die Kirche in Österreich soll verlebendigt, das Gute in den Herzen der Menschen soll geweckt und gefördert werden. Es ist notwendig, dass sich das Volk Gottes in dieser materialistisch geprägten, vom Wohlstand verweichlichten Gesellschaft erhebt und zu einem konsequent christlichen Leben aufruft. Wir hoffen, dass der Papstbesuch für uns alle zu einem kräftigen Impuls wird, um unser Christsein, unser Kirchesein zu erneuern. Ganz besonders soll dieser Impuls den Pfarrgemeinderäten, die im März neu gewählt werden, zu Gute kommen. Sie sollen angespornt, vom Hl. Vater gesendet werden, damit sie guten Mutes ihre wichtige Aufgabe in enger Zusammenarbeit mit dem Pfarrer wahrnehmen. Wir müssen Wege finden, um in der heutigen Zeit das Samenkorn des Evangeliums in die Herzen der Menschen zu säen. Wir haben in unserem Land - zumindest in manchen Regionen - noch relativ viel Glaubenssubstanz und christliches Traditionsbewusstsein. Die Verhältnisse haben sich freilich in den vergangenen Jahren stark verändert und verändern sich noch weiter. Manche seelsorgliche Methoden, die lange Zeit sehr fruchtbar und effizient waren, greifen jetzt an vielen Orten nicht mehr. Der Hl. Vater hat in diesem Jahr den deutschen und den Schweizer Bischöfen ähnliches gesagt wie ein Jahr zuvor uns österreichischen Bischöfen. Er betonte, wie wichtig es ist, von Neuen das Gebet zu pflegen und die Katechese für Jung und Alt grundlegend zu erneuern. Große Aufgaben stehen uns bevor. Die Menschen müssen aufwachen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, alles Mögliche zu erwerben, aber das Wichtigste zu verlieren. Das bedeutet nicht unbedingt, dass nun noch mehr Aktivitäten in den Pfarren und in den verschiedenen diözesanen Einrichtungen zu setzen sind, wohl aber sind wir genötigt, von Neuem das Wesentliche in den Blick zu nehmen: "Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil." Ihm begegnen, seine Gottheit entdecken, sein Licht und seine erlösende Kraft empfangen, darauf kommt es an. Als Christen haben wir das nötige Rüstzeug, um auch in der heutigen Zeit bestehen zu können. Wir haben die erforderlichen Heilmittel, die uns stark machen, auch wenn wir schwach sind. Sie müssen nur wieder neu belebt und geprägt werden. Der Hl. Vater betonte bei den Schweizer, bei den deutschen und bei den österreichischen Bischöfen die große Hilfe, die das Sakrament der Versöhnung für die Gläubigen bedeutet, auch für die Familien. Fast jede Krise könnte überwunden werden, auch in der Familie, wenn die einzelnen Beteiligten Christus suchten, auf Gott hörten und sich mit seiner Hilfe entsprechend bemühten. Wir haben die nötigen Hilfen, um zu erreichen, dass auch heute Familie gelingt und auch heute sich Jugendliche vom christlichen Ideal angezogen wissen.

Und welches sind die Wünsche für das Neue Jahr? Es sind viele und große. Mein großer Wunsch wäre es, dass sich an vielen Orten Menschen regelmäßig zum Gebet treffen und um den Hl. Geist bitten und dass sich daraus neue Initiativen entwickeln: für die Jugend, für junge Familien, für solche, die eine große Unruhe nach mehr im Herzen verspüren, auch für Ausgetretene, Verwundete, Gescheiterte, die nach Gesundung und Neuanfang Verlangen haben.

Elisabeth sagt über Maria: "Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ." Wichtig ist, dass wir Vertrauen haben in die Verheißungen und die Hilfe des Herrn und dass wir guten Mutes sind. Möge uns die Fürsprache der Gottesmutter, mit deren Fest wir morgen das Neue Jahr beginnen, uns in allem beistehen.