Silvesteransprache (Wortlaut)

Liebe Brüder und Schwestern!

Als Grundlage der Erwägungen am Jahresende möchte ich das Gebet verwenden, das uns vorher als Einleitung dieser Feier gedient hat. Dort hieß es: "Ewiger Gott. Die Tage zerrinnen uns zwischen den Händen. Unser Leben schwindet dahin. Du aber bleibst."

Der Wechsel der Jahreszahl erinnert uns daran, dass die Zeit voranschreitet und wir sie gut nützen müssen. Jesus selbst hat einmal gesagt, dass man die Werke wirken muss, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann (vgl. Joh 9,4).

Ein Jahreswechsel ist Anlass uns zu fragen, wie es um uns steht, wie wir das vergangene Jahr genützt haben, wie es uns ergangen ist. Sicher gibt es Gründe, Gott zu danken. Wenn man an die Flutwelle denkt, die in den letzten Tagen viele Länder des Ostens heimgesucht hat, dann wird uns klar, dass nichts, was wir haben, selbstverständlich ist. Die Lage eines Menschen, einer Stadt, eines Landes kann sich in kürzester Zeit völlig verändern. Wir müssen dankbar sein, wenn wir gesund sind, wenn uns Gott vor Unglück bewahrt hat, wenn uns im vergangenen Jahr manches geglückt ist, wir auch Schönes erlebt haben.

Für unsere Diözese war das vergangene Jahr ohne Zweifel ein besonderes: am 28. Jänner verstarb Bischof Zak, der viele Jahre unsere Diözese geleitet hat;
am 24. Mai feierte Weihbischof Fasching seinen 75. Geburtstag. Ein besonderes Ereignis war für alle Diözesen Österreichs und sieben anderer Nationen der Abschluss des Mitteleuropäischen Katholikentages in Mariazell. Es war ein beeindruckendes Glaubensereignis, das deutlich machte, dass Christus unsere Hoffnung für Europa ist und dass Christen wetterfest sind, sich auch unter widerwärtigen Verhältnissen bewähren können.

Für unsere Diözese folgten im Sommer schwierige Monate, die zur Durchführung einer apostolischen Visitation, zur vorläufigen Schließung des Priesterseminars und zur Ablöse des Diözesanbischofs führten. Es war der Anfang eines Heilungs-vorganges, der voraussichtlich noch längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Im Nachhinein werden wir immer erkennen, dass wir Gott für alles danken sollen, weil Er bei jenen, die Ihn lieben, alles zum Guten führt (vgl.Röm 8,28), auch das, was momentan als schmerzhaft empfunden worden ist. Worauf es einzig und allein ankommt: dass wir mit dem Blick auf Gott und verbunden mit Ihm unterwegs sind.

Und damit kommen wir zu dem Punkt, der uns am Ende eines Jahres nach vorne blicken lässt. Im Anfangs erwähnten Gebet hieß es: "Von Ewigkeit her kennst Du uns. Unsere Zukunft liegt in Deiner Hand. Mach uns bereit für alles, was Du mit uns tun wirst."

Es ist sicher richtig, wenn wir uns mit großen Bitten im Herzen dem Neuen Jahr zuwenden: Gesellschaft und Kirche befinden sich inmitten einer Umbruchssituation, die für uns eine große Herausforderung, auch eine Chance bedeutet. Wohlstand, Konsum, technischer und medizinischer Fortschritt allein machen noch nicht glücklich. Das erkennen wir heute sehr deutlich. Und in der Kirche müssen wir nach Jahren, in denen man meinte, man könne alles planen und organisieren, zur Kenntnis nehmen, dass wir auf uns allein gestellt nichts erreichen können, was Gottes Eingreifen, Gottes Wirken, Gottes Gnade voraussetzt. Es ist so, als würde uns Gott in dieser Zeit, in die wir eingetreten sind, "zwingen", den Blick auf Ihn zu richten, der uns Seinen Sohn gesandt hat und mit ihm den Hl. Geist.

Wer über die heutige Situation von Kirche und Gesellschaft nachdenkt, gelangt zur Einsicht, dass unser erstes Gebot die Hinwendung zu Ihm, zu Gott, sein muss. Es ist sehr sinnvoll, sehr angebracht und zugleich verheißungsvoll, wenn wir das Neue Jahr - der Weisung des Papstes entsprechend - als eucharistisches Jahr angehen, uns bewusst Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes, der durch Sein Wort und durch Sein Brot in der Kirche gegenwärtig ist, zuwenden. Es ist eine gute Grundlegung der Zuversicht für das Neue Jahr, für Kirche und Gesellschaft, wenn wir es mit diesem Vorsatz eröffnen: alles in Christus erneuern (vgl. Eph 1,10) und daher in den Pfarren, Gemeinschaften, Klöstern, Gebetsstunden einführen und das Gebet in stiller Anbetung vor dem Tabernakel pflegen.

Papst Johannes Paul II. hat am Ende des Jubiläumsjahres 2000 und am Beginn des 3. Jahrtausends als Devise herausgegeben, dass im Programm der Kirche das persönliche Streben nach Heiligkeit, man könnte auch einfach sagen, das Streben nach konsequentem Christsein das erste sein müsse. In der Tat sollten wir beim Wunsch nach positiven Veränderungen in Gesellschaft und Kirche immer bei uns selber anfangen. Wie kommt es zur Versöhnung in der Diözese, zur Belebung der Seelsorge, zur Erneuerung der Kirche im Land? - Durch das Beginnen Einzelner. Wenn ein solches Streben bei vielen einsetzt, dann gibt es Grund zu Hoffnung.

Es gibt aber schon auch einige konkrete und dringende diözesane Anliegen, für deren baldige Verwirklichung wir beten und arbeiten sollen: wir brauchen gut ausgebildete, gesunde, fröhliche, heiligmäßige Priester, auch gute Katechetinnen und Katecheten, Religionslehrerinnen und Religionslehrer, Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten. Daher muss alles unternommen werden, um möglichst bald das Priesterseminar unter guter Leitung in Betrieb zu nehmen. Ebenso sind die theologische Hochschule in St. Pölten und die Pädagogische Akademie in Krems Herzensanliegen der Diözese.

Dringend ist auch die Stärkung christlicher Familien, die Kinder bejahen, und echte Keimstätten wahren Christseins sind. Daher wird in der Zukunft der Familienpastoral eine vorrangige Bedeutung zukommen, die vor allem in den Pfarren, aber auch überpfarrlichen Einrichtungen zu verwirklichen sein wird.

Wir sollen voll Zuversicht in das Neue Jahr gehen, offen für das, was Gott von uns erwartet; auch vertrauensvoll, denn, was Er begonnen hat, wird Er auch vollenden (vgl.Phil 1,6).

Ein alter Spruch lautet: "Neues Jahr - Neuer Anfang". An sich ist jeder Tag gut, um im christlichen Leben von neuem zu beginnen, aber auch der Beginn eines Neuen Jahres ist ein guter Anlass. Erbitten wir die Fürsprache Mariens, die wir am ersten Tag des Jahres als Gottesmutter mit einem Hochfest ehren. Bitten wir sie: sie möge ihren Sohn in unseren Herzen hervorbringen, damit das Neue Jahr ein christliches, gesegnetes Jahr wird.