Seelsorge in den Wechselfällen des Lebens III

Der Mensch muss in seiner Situation wahrgenommen werden und erfahren können, dass Gott ihn liebt. Ihn zu seiner Ganzheit führen, sei Aufgabe einer Seelsorge aus christlicher Hoffnung. Dazu rief der Klosterneuburger Dogmatiker Prof. Dr. Walter Simek die Teilnehmer an der Priesterstudientagung in St. Pölten auf. In der heutigen praktischen Gemeindepastoral werde der einzelne Mensch weithin unterschätzt, sagte Simek. Die Pastoral müsse vielmehr vom Einzelnen her geprägt sein, auch wenn die gesamte Gemeinde im Blickfeld stehe. Sie muss an der Subjektwerdung des einzelnen mithelfen und den Menschen Hoffnung, Freude und Zukunft geben. Eine echte Seelsorge sei, die Liebe Gottes jedem einzelnen zu vermitteln. An den Lebenssituationen der Kinder, alter Menschen, Menschen in der Lebensmitte, den Lebensgemeinschaften, den Arbeitenden und Arbeitslosen sowie an der Situation der Armen unserer Gesellschaft und den Menschen mit Behinderungen legte der Dogmatiker die Aufgaben dieser "nachgehende Seelsorge" dar.

Kinder stünden heute in einer besonderen Notlage, auf die die Seelsorge reagieren müsse, sagte Simek und verwies auf die große Gruppe der Scheidungskinder. Da gelte es Beziehungen aufzubauen. Es gehe es nicht um schnelle Lösungen, sondern die Lebenssituation der Kinder sensibel wahrzunehmen. Sie brauchen Zeit für diese Begegnung, denn oft sei ihr Vaterbild durch dramatische Erlebnisse gestört.
Ein weiterer Schwerpunkt der Seelsorge müsse heute den alten Menschen gelten. Unsere Gesellschaft sei von einer Überalterung geprägt. Die Sicht auf alte Menschen sei heute meist von Defizitmodellen geprägt, wies Simek hin. Doch auch sie müssen als Subjekt der Seelsorge gelten. Simek kritisierte, dass die Seniorenpastoral lange Zeit einseitig von einer Betreuungspastoral geprägt war.
In der Seelsorge mit Menschen in der Lebensmitte soll vor allem deren Lebenserfahrung beachtet werden, damit diese Phase des Übergangs auch gelingen könne. Dabei sind vor allem das Gedenken des Gewesenen, Erinnerung, Dank und Hoffnung aufzuzeigen und eine Versöhnung mit dem herbeizuführen, was nicht gelungen ist.
Eine besondere Aufmerksamkeit der Seelsorge sei auch auf die verschiedenen Formen der Lebensgemeinschaften zu legen, sagte Simek. Es gebe eine Vielfalt von Beziehungen, die heute wahrzunehmen seien, ohne sie gleich zu sanktionieren. Bei all den verschiedenen Formen wird der traditionellen Form von Ehe und Familie doch ein erstaunlich hohes Idealbild zugeschrieben, obwohl sie nicht mehr die einzige Lebensform darstelle. Noch nie in der Geschichte der Menschheit, so Simek, haben Menschen eine so lange Zeit mit dem gleichen Partner zusammengelebt wie heute. Dennoch leben heute in Wien, so der Dogmatiker weiter, ein Drittel der Menschen in Singlehaushalten. Für die Seelsorge sei auch zu bedenken, dass ein Drittel der Gottesdienstteilnehmer aus anderen Lebensformen komme und nicht mehr aus ehelichen Gemeinschaften. Simek warnte vor der Gefahr einer zu hohen Idealisierung der Ehe. In der Seelsorge müsse es zuerst darum gehen, den betroffenen Menschen in ihrer Situation gerecht zu werden.
Eine weitere Sorge müsse den Arbeitenden und Arbeitslosen gelten. Die heutige Zeit sei von einem gewaltigen Umbruch in der Arbeitswelt und einer gewaltigen Zunhame von Menschen ohne Arbeit geprägt. Trotz kürzerer Arbeitszeit seien die Menschen heute erschöpfter und jeder Dritte fürchte um seinen Arbeitsplatz. Die Kluft zwischen Arbeiterschaft und Kirche sei nicht beseitigt, sondern habe sich weiterhin verschärft, meint Simek. Umso notwendiger sei eine Pastoral für jene, die an dieser Situation leiden. Dabei müsse es um die Solidarität Gottes mit den Menschen gegen Knechtschaft und Unterdrückung gehen. Man müsse den Menschen nachgehen, denn "wir sind keine Komm-Kirche, sondern eine Geh-hin-Kirche. Wir brauchen eine nachgehnde Seelsorge", sagte Simek.
Ein weiterer Schwerpunkt heutiger Pastoral seien die Armen, wobei es um die relative Armut in unserer Gesellschaft gehe. Dies besage, dass die soziale Ungerechtigkeit sehr hoch sei. Die Dunkelziffer an Armut sei ebenso "sehr hoch", sagte Simek. Dazu zählen vor allem Alleinerzieher und kinderreiche Familien sowie Jugendliche. In der pfarrlichen Seelsorge kommen arme Menschen aber kaum vor, meint Simek. Das Problem liege darin, dass die Kirche auf eine Mittelschicht orientiert sei und damit eine soziale, kognitive und kulturelle Barriere zu den Armen bestünden. Die Einstellung zur Armut in der eigenen Gesellschaft sei von einer "Fernmentalität" geprägt, während Arme in der Dritten Welt Unterstützung finden. "Wir dürfen diese Menschen aber nicht einfach an soziale Stellen delegieren, sondern müssen die Armen in unseren Gemeinden selbst aufsuchen", verlangt Simek.
Ein weiterer Bereich seien Menschen mit Behinderung, denen die pfarrliche Seelsorge in besonderer Weise gelten müsse. Man werde diesen Menschen nicht gerecht, wenn man sie nur in ihrer Grenzerfahrung wahrnehme. Sechs bis acht Prozent jeder Altersklasse seien behindert, was in der Theologie kaum beachtet werde. Jesu Zuwendung zu den Behinderten wirkte befreiend. So müsse auch die Seelsorge bemüht sein, diese Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten dahin zu führen, dass sich ihnen das Leben in seiner Ganzheit mitteilen könne. Es kann der Seelsorge gelingen, behinderte Menschen den Lebenssinn finden zu lassen und sie darin zu begleiten. Die Kirche sei dabei aufgerufen, in der Sakramententheologie für diese Menschen noch neue Wege zu finden, sagt Simek.