"Rückkehr zur Vollerwerbsarbeit fragwürdig"

Eine Rückkehr zur traditionellen Vollerwerbsarbeit sei "sehr fragwürdig", sagte Dr. Markus Schlagnitweit, Direktor der Katholischen Sozialakademie Österreichs (KSÖ), der bei einer Veranstaltung des Forum XXIII. am Dienstag, den 17. Jänner im Lilienhof St. Pölten-Stattersdorf über Entwicklung und Zukunftsperspektiven in der Arbeitswelt referierte. Die KSÖ tritt für ein bedingungsloses Grundeinkommen als Grundlage zur Gestaltung der Arbeitswelt ein. Die Auffassung über die Bedeutung von Arbeit wäre im Laufe der Geschichte dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen gewesen, sagte Schlagnitweit. Mit der Industrialisierung sei die historische Vorstellung von Arbeit vom Begriff der Erwerbsarbeit abgelöst worden: Arbeit im funktionalistischen Sinn zur Unterhaltssicherung und zur Sicherung anderer Lebensbereiche.

Arbeit wird nicht mehr
als "Schöpfungsauftrag" gesehen

Heute werde Arbeit im günstigsten Fall nur mehr mittelbar mit dem Erwerb von Lebenssinn in Verbindung gebracht, oder biblisch als "Schöpfungsauftrag" gesehen, meinte Schlagnitweit. In der modernen säkularisierten Gesellschaft gäbe es keinen religiösen Bezugswert oder wäre die Arbeit im Endeffekt als Dienst am Götzen am Mammon zu bewerten. Eine neue Frage nach dem Sinn der Arbeit, wenn auch nicht im kirchlich-religiösen Kontext, werde aber von der Gesellschaft gestellt.

Schlagnitweit gegen
"Durchökonomisierung"

Nicht entlohnter Arbeit bliebe die Anerkennung weitgehend versagt. Formen der Anerkennung dieser "Nicht-Arbeit" wären notwendig. Schlagnitweit sprach sich aber gegen eine "Durchökonomisierung" aller Lebensbereiche aus. Es bedürfe vielmehr einer Entflechtung der gewohnt engen Verbindung von Erwerbsarbeit und Einkommen. Die KSÖ favorisiere deshalb die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Vor dem Hintergrund einer immer größeren Anzahl gebrochener Erwerbsbiographien, der Flexibilisierung am Arbeitsmarkt und einer zunehmenden Sockelarbeitslosigkeit zeigte sich der Sozialethiker pessimistisch, was die Rückkehr zu einer Vollbeschäftigung betrifft. Neue Modelle müssten der vielschichtigen Bedeutung von Arbeit für den Menschen gerecht werden, erläuterte er die Position der KSÖ. Dazu gehörten die Faktoren Existenzsicherung, die religiöse Dimension ("Arbeit als Tätigkeit des Bewahrens und Schaffens globaler Solidarität."), Arbeit als Möglichkeit zur Entfaltung und Bewährung der persönlichen Fähigkeiten, als Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben und als Instrument politischer Entscheidung ("Gründung von Arbeit auf andere politische Grundsätze, als lediglich Gewinnnmaximierung").

"Verpflichtung der Politik"

Bei Fehlen einer anderen Möglichkeit der legalen Existenzsicherung als Erwerbsarbeit, müsse es ein Recht auf Arbeit und Familienlohn geben. Die Politik wäre zu entsprechenden wirtschafts-, sozial- und arbeitspolitischen Maßnahmen verpflichtet, sagte Schlagnitweit. Angesichts einer Arbeitswelt, die sich gegen die natürlichen Lebensgrundlagen verhält müsse nach alternativen Wirtschaftszielen und Formen der Unterhaltssicherung ("arbeitsunabhängiges Einkommen") gesucht und die gesamte Wirtschaft auf ethisch humanisierte Ziele ausgerichtet werden. Arbeit solle kein Widerspruch zur Menschenwürde, sondern ihr Ausdruck sein.

Forum XXIII