Priestertum auf Rituale und Verwaltung reduziert

Heute bestehe die Gefahr, dass das Priestertum "wie im Mittelalter" wieder auf Kultisch-Sakramentales und die Verwaltung reduziert werde, erklärte der langjährige Novizenmeister der Jesuiten in Nürnberg und derzeitige Leiter der Citypastoral in Mannheim, P. Stefan Kiechle bei der Priesterstudientagung in St. Pölten. "Was durchfällt, ist die Seelsorge, weil keine Zeit mehr dafür bleibt." Laien könnten zwar auch sehr gute Seelsorger sein, wie P. Kiechle betonte, doch "Priester dürfen das nicht verlieren, sonst würde etwas sehr Wertvolles verkümmern".

Priester dürften sich nicht zu sehr im "Management" verlieren, sondern müssten mehr "Leadership" entwickeln, riet Kiechle. Die beiden englischen Begriffe umrissen deutlicher, was gemeint sei, als das deutsche Wort "Leitung". Während sich Management mit der Organisation der Sachebene beschäftige, gehe es bei Leadership um Ideen und Visionen, "um die Motivation von Menschen auf Ziele hin", so Kiechle. Die Priester seien heute vor allem mit Themen des Managements beschäftigt: "Sie sind zu sehr bei Sachen und Dingen und zu wenig bei Menschen und Ideen."

Leitung habe auch mit Macht zu tun, so Kiechle. Jede Macht bedürfe jedoch der Spiritualität, um positiv ausgeübt zu werden. Schon Ignatius hat betont, Macht soll stets gut ausgeübt werden. Er hat sich dabei für eine "weltzugewandte Spiritualität" ausgesprochen. Jeder Vorgesetzte, jeder Bischof oder Pfarrer übe Macht aus, sagte Kiechle. Diese Leitungsfunktion bedeute auch, Grenzen zu setzen und bedürfe der entsprechenden Kompetenzen und Kenntnisse. Macht ausüben sei eine Aufgabe, die auch Rechte und Pflichten beinhalte. Rechte Machtausübung könne den "schädlichen Freiheitsgebrauch" verhindern. Die Macht selbst, so Kiechle, sei grundsätzlich gut, sie sei von Gott verliehen und nur für eine bestimmte Zeit gegeben.

Priestersein bedeute in der Kirche auch Leitung innehaben und Macht ausüben. Allerdings bedürfe dabei die institutionelle Dimension auch der spirituellen. Beide gehören zusammen. Macht könne aber auch zum Bösen verführen, merkte Kiechle an. Jemand der Macht innehat müsse versuchen, die eigenen und fremden Interessen auszugleichen, seine Entscheidungen nicht aus Angst zu fällen oder erlittene Kränkungen weiter zu geben.
Den Priestern, die leitende Funktionen innehaben, empfahl der Novizenmeister, stets zu versuchen, die verschiedenen Interessen auszugleichen, selbst nach einem seelischen Gleichgewicht zu streben und vor allem "hinhören zu lernen". Es bedürfe auch guter Berater und Menschen, zu denen man vertrauen kann, um ihnen Bereiche zu delegieren.
Letztlich, so Kiechle, seien Macht und Ohnmacht eng miteinander verbunden. Jesus habe am Ende seines Lebens, beim Kreuzweg und auf Golgotha, die ganze Ohnmacht verspürt. Doch in der Auferstehung habe sich seine Macht über den Tod gezeigt. Diese Dialektik von Macht und Ohnmacht gelte für jeden auch heute.