Predigt zum Ostersonntag 2005 (Wortlaut)

Liebe Brüder und Schwestern!

"Die Trauer verwandle sich in Freude, das Wehklagen in Jubel", sagt der Hl. Cyrill von Jerusalem in einer Taufkatechese über die Osternacht. Und er fügt hinzu: "Ich weiß, wie die Freunde Christi in den letzten Tagen getrauert haben, da nur von Tod und Grab die Rede war. Auferstanden ist der Tote, der Befreier der Toten".

Die Osterbotschaft lautet, dass wir nicht bei der Erwägung des Betrüblichen, traurigen, vielleicht Tragischen stehen bleiben wollen, und zwar nicht bloß aus psychologischen Gründen, weil Traurigkeit krank macht. Mutter Theresa von Kalkutta hat einmal gesagt: "Nichts soll Sie jemals so sehr zum Leiden oder Weinen bringen, dass Sie darüber die Freude des auferstandenen Christus vergessen."

Vielleicht neigen wir fast alle dazu, uns zumindest manchmal allzu lange bei der Betrachtung der Übel in der Welt aufzuhalten, bei der Beschreibung von Katastrophen und Missständen, bei der Analyse des Niederganges in manchen Bereichen von Gesellschaft und Kirche. Die Osterbotschaft sagt uns: Christus lebt, er hat den Tod besiegt und das, was die Ursache des Todes ist: die Sünde, den Ungehorsam des Menschen gegenüber Gott und gegenüber der Schöpfungsordnung. Christus hat für jeden Menschen, der an ihn glaubt, der seine Hilfe sucht, sich mit ihm verbindet, einen Weg eröffnet.

Die Hl. Theresia von Avila hat das wunderschöne Wort geprägt: "Christus, die große Sonne, erlischt keinem für immer, den sein Strahl einmal durchleuchtet. Man kann ihn vergessen, man kann ihm abschwören, das ändert nichts. Er ist vergraben im umwölktesten Herzen, und es kann stündlich geschehen, dass er aufersteht."

Vielleicht werden Sie einwenden: Ja, das ist sehr schön, aber nicht so einfach.

Wohl jeder kennt Menschen - oder hat es selbst erlebt wie es ist; es kann furchtbar sein-, die hoffnungslos traurig sind, keinerlei Silberstreif am Horizont sehen, bei denen alles so endgültig verfahren scheint, dass sich kein Ausweg abzeichnet. Es kann dann auch zur bedrängenden Frage werden: Wo finde ich Christus, wie finde ich ihn, was kann er bei mir bewirken?

Bei Maria von Magdala beginnt die Geschichte ihrer Verwandlung von der Traurigkeit über seinen Tod zur Freude über seine Auferstehung mit der Wahrnehmung, dass vom Grab der Stein entfernt ist, und damit, dass sie eiligst zu Simon Petrus läuft und zu dem Jünger, den Jesus liebte.

Es ist wichtig, nicht im "Tal der Tränen" sitzen zu bleiben. Auch noch so viele Diskussionen über manche negative Entwicklungen nützen etwas, wenn sie nicht dazu führen, aufzubrechen, und zu versuchen, was möglich ist. Freilich ist das "Laufen" allein noch nicht die Lösung. Gerade in unserer Zeit neigen viele auf Grund der großen Mobilität, der Kommunikation, der vorhandenen Möglichkeiten, auch auf Grund des Leistungsdrucks zu übersteigertem Aktivismus und zu Hektik, man versucht, dieses und jenes. Nicht selten fehlt sogar die Zeit, darüber nachzudenken, ob das, was man mit so großem Einsatz verfolgt, auch sinnvoll ist. Und manchmal bringt all das, was man mit Anstrengung, vielleicht mit falschen Erwartungen unternimmt, nicht die Erfüllung. Sowohl im persönlichen als auch im gemeinschaftlichen Bemühen besteht nämlich unser Problem oft darin, dass unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Nicht immer gibt es für alles und jedes eine rasche Lösung. Manches können wir gar nicht ändern bzw. mit unseren Kräften nicht erreichen.

Auch Petrus und Johannes beginnen zu laufen. Sie laufen zum Grab. Johannes schneller als Petrus. Er war jünger. Er wartet auf Petrus und gibt ihm den Vorrang. Petrus betrat zuerst das Grab. Er sah alles: die Leinenbinden, wie sie da lagen, und das Schweißtuch, das auf seinem Kopf gelegen hatte. Auch Johannes betrat das Grab. In Bezug auf ihn heißt es: "er sah und glaubte".

Der auferstandene Christus, der Sünde und Tod besiegt hat, dessen Leiden und Sterben furchtbar ist, zeigt eine Art der Hoffnung auf, die von Gott kommt, die auch in menschlich hoffnungslosen Situationen entstehen kann und in allem Bestand hat, selbst in unserer Begrenztheit, Schwachheit und Fehlerhaftigkeit. Denn Christus vermittelt Vergebung. Er steht uns zur Seite, ist wie wir ein Mensch, der Schwäche und Schmerz kennt. Sogar den Tod kennt er! Aber er ist auch Gott, der allmächtig ist. Um diesem lebendigen Christus zu begegnen, ist Glaube nötig.

Vielleicht sind wir versucht zu sagen: Ich möchte schon glauben können, aber dieser tiefe Glaube fehlt mir. Wir sagen dies so, als ob ein solcher Glaube nur besonders begnadeten Menschen möglich wäre.

Die Begegnungen der Jünger sind lehrreich. Maria von Magdala kehrt zum Grab zurück. Das ist vielleicht ein erster Punkt, den wir betrachten sollten: sie begibt sich an den Ort ihrer Sehnsucht. Vor allem die Hl. Katharina von Siena hat die Bedeutung der Sehnsucht für die Entfaltung und das Wachstum des christliche Lebens hervorgehoben. Es ist gut und richtig, wenn wir Sehnsucht nach Glauben haben, Sehnsucht nach Begegnung mit Christus, nach Umgang mit ihm, nach innerem Frieden, nach Änderung des Lebens, nach größerer Liebe. Vielleicht ist es auch für uns wichtig, den Ort der Sehnsucht aufzusuchen, in uns zu gehen. Möglicherweise unter Tränen, wie es Maria von Magdala getan hat.

Sie beugte sich in die Grabkammer hinein. Engel fragen sie: "Frau, warum weinst du?" Und als sie zum ersten Mal Jesus sieht, ist ihr Blick getrübt, und sie kann ihn nicht erkennen, wie es uns wahrscheinlich allen oft geschieht, was nicht mutlos machen darf. Bei Maria von Magdala erwacht der Glaube, als er sie mit ihrem Namen anspricht. Auch das muss uns zu denken geben. Vielleicht sollen wir mehr horchen, offen sein dafür, dass er uns anspricht, in der Gewissheit, dass er sich jedem Menschen zuwendet, auch wenn die Lebensgeschichten noch so verschieden sind und unterschiedlich verlaufen.

Maria von Magdala will ihn berühren, er aber sagt: "Halte mich nicht fest." Er sagt zu ihr, er sei noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Bei späteren Begegnungen wird sich Jesus anders verhalten. Den Jüngern wird er seine Hände und seine Seite zeigen und ihnen sagen, dass sie ihn angreifen und mit ihm essen sollen, damit sie erkennen, dass er kein Gespenst ist, sondern ein Mensch mit Fleisch und Bein. Und den Jüngern von Emmaus gehen beim Brotbrechen die Augen auf.

Für uns sind das alles wichtige Hinweise für das Erwachen eines froh machenden, verwandelnden Osterglaubens. Wir müssen ihn suchen, auf ihn hören, ihn berühren, mit ihm essen. Vielleicht sollen wir ihn in aller Einfachheit bitten, er möge uns helfen, gesund machen, uns den Frieden und die Freude schenken.

Schließlich sollten wir auch nicht übersehen, dass Maria von Magdala vom Herrn selbst beauftragt wird, den Jüngern zu sagen, dass sie ihn gesehen hat, dass er lebt, dass er ihnen nach Galiläa vorausgeht. Das gehört immer zur Osterbotschaft. Es genügt nicht, dass wir selber die Freude im Herzen tragen, wir müssen auch die Dringlichkeit erkennen, es den anderen weiter zu sagen, was wir selbst erfahren haben.

Wenden wir uns an Maria. Sie möge für uns Fürsprache einlegen, damit wir österliche Menschen sind mit einem tiefen Glauben an Christus, mit einer festen Hoffnung auf seinen Beistand und einer großen Liebe, die er in unseren Herzen entzündet.