Predigt Familienwallfahrt 2006 (im Wortlaut)

Hochwürdigster Herr Abt!
Lieber Herr Generalvikar!
Liebe Mitbrüder!
Liebe Familien!
Liebe Brüder und Schwestern!

Diese wunderbare Kirche am Sonntagberg vermag wie kaum ein anderer Ort nicht nur durch ihre großartige Harmonie in der Architektur Prandtauers bzw. Munggenasts, sondern vor allem durch die Botschaft, die sie vermittelt, bewusst zu machen, dass Gott groß ist. Für uns ist er unbegreiflich. Zugleich aber empfangen wir den Hinweis, dass dieser Gott nahe bei uns ist, weil er seinen Sohn und den Heiligen Geist in die Welt gesandt hat. Auch das können wir nicht begreifen: dass er durch das Geheimnis der Kirche uns so nahe kommt.

Bei der aufmerksamen Betrachtung des prachtvollen Hochaltars mit seinen Einzelheiten wird das, was den Sonntagberg charakterisiert - der Gnadenstuhl mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist - in einen weiteren Bezug gebracht. Unter dem Gnadenstuhl steht das Lamm, das geopfert wird; dann folgt weiter unten das Zeichen des dreifaltigen Gottes. Es wird zum Ausdruck gebracht: Gott selbst ist Mensch geworden durch den Heiligen Geist, damit das Werk der Erlösung vollzogen wird, damit seine Liebe Wurzeln fasst, damit seine Liebe verbreitet wird und die Menschen gerettet werden. Darunter ist dann der Tabernakel. Dort ist das Wohnhaus Gottes, könnte man sagen. Dies ist die Botschaft, dass er da ist, dass er uns ganz nahe ist. Wir müssen nicht mit den Augen eine Anstrengung unternehmen, um ins Unendliche vorzustoßen, sondern in gewisser Weise ist Er, der Unsichtbare, für unsere Sinne erfassbar.

In geheimnisvoller Weise ist er da, ganz nahe bei uns. Ja, wir können uns sakramental mit ihm vereinen.

Es ist richtig, wenn wir mit den Anliegen der Familie sozusagen mit Vorliebe auf den Sonntagberg gehen. Denn, wie es in der Hl. Schrift heißt und es der Heilige Vater gleich am Anfang seines Pontifikates betont hat: „Deus Caritas est“ – „Gottes Wesen ist die Liebe“. Aus Liebe hat er die Welt und insbesondere den Menschen erschaffen. Und er schuf uns, wie es in der Genesis heißt, als sein Abbild. Und so sind wir alle, ist jeder Mensch zur Liebe bestimmt. Das ist unser aller Berufung: Gott, die anderen, aber auch uns selber lieben zu lernen. Lieben lernen, wie Gott liebt, das ist das Wichtigste im ganzen Leben. Es ist richtig, wenn wir, Jung und Alt, auch uns gegenseitig zurufen: Habt Mut! Wir sind in unserem Verlangen nach Liebe, die jeder im Herzen trägt, in unserem Verlangen nach Wachstum, nach Reifung in dieser Liebe nicht nur auf uns selbst angewiesen - auch nicht nur auf das Wollen, auf das Lieben anderer. Gott ist mit uns. Gott hilft uns, Gott hat seinen Sohn gesandt. Der Hl. Geist erleuchtet den Verstand, damit wir die Wege der Liebe erkennen. Er beflügelt unser Herz, damit wir die Wege der Liebe beschreiten und auf ihnen bleiben, auch dann, wenn der Weg schwieriger und anspruchsvoller wird. Er öffnet unsere Augen und Ohren für Jesus, der uns den Weg der großen Liebe gezeigt hat, der selbst der Weg ist. Er sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er ist der Weg, der zu dieser großen Liebe führt.

Wenn wir uns Gott zuwenden, empfangen wir in unseren Sehnsüchten, auch in unseren Verletzungen und in unseren Schwierigkeiten Trost und Ermutigung. Heute, wo so viele Familien zerbrechen, besteht die Gefahr zu denken: Wahre Liebe sei nur wenigen beschieden. Sie sei sozusagen eine reine Glückssache. In der Tat ist es großes Glück, wenn man sie findet, das kann und wird einmal die Seligkeit sein. Wahr ist, dass Jesus vom schmalen und steilen Weg spricht, der nach oben führt. Wahr ist, dass Bemühen nötig ist - es ist nicht bloß Romantik. Wahr ist auch, dass Jesus jedem, der es möchte, beisteht. Man darf sogar sagen, ohne Ausnahme. Denn Gott will, dass alle gerettet werden. Und er öffnet den Weg zur großen Liebe.

Wir sollten den Auftrag Jesu wahrnehmen, den er seinen Jüngern gegeben hat, selbst auf Jesus hören und allen zurufen, die sich nicht entschließen, die sich schwer tun, die zögern: Geht den Weg zusammen mit Jesus, dann wird er gelingen! Wagt es, Ja zu sagen: zu Gott, zueinander und auch, wenn das die Berufung ist, zu einer Berufung der Liebe in der Ehe, in der Familie. Wagt es, den Schritt zu tun im Vertrauen auf die Hilfe des Herrn, der jedem beisteht! Jedem ist es möglich! Es ist ein Irrtum zu meinen, dass Ehe, so wie sie von der Kirche dem Evangelium entsprechend verkündet wird, ein überhöhtes Ideal sei. Gott weiß um unsere Schwierigkeiten, er rechnet mit ihnen.

Gestern hatte ich im Rahmen eines Pfarrbesuches unter anderem eine Andacht in einer kleinen Kapelle, es ist eine alte Dorfkapelle. Die Geschichte hat an ihr ihre Spuren hinterlassen, sie hat viele schadhafte Stellen und ist renovierungsbedürftig. Als wir in der Kapelle versammelt waren, alle dicht gedrängt, sagte ich ihnen: Eure Kapelle ist wirklich schön. Ich verstehe, dass alle sie gerne haben. Aber da sind ein paar Risse. Alle haben geschmunzelt. Ich sagte, mich stören sie nicht, weil ich von Euren Plänen weiß. Sie wollen die Kapelle nächstes Jahr renovieren. Ich sagte, das ist wie ein Symbol für unser Leben: Wer seinen Weg geht, wird früher oder später merken, dass sich Risse bilden, auch in einer Familie, in der man sich liebt. Der Alltag setzt uns zu, die Verschiedenheit der Charaktere und der Aufgaben, das ist nicht einfach. Das gehört zum Leben - und gerade deshalb, so könnte man sagen, ist Gott da, ist der Erlöser da, der uns diese Botschaft bringt: dass Gott ein Vater ist, der Himmel und Erde miteinander versöhnt hat, und auch in uns Heilung herbeiführt; der vor allem den Frieden bringt, die zu größerer Liebe befähigt. Diese Erkenntnis ist oft der Anfang, der dazu führt, dass in einer Ehe die Risse gekittet werden und der Weg mit erneuter Zuversicht weitergeht.

Bei diesen Kapellenbesuch habe ich auch gesagt, dass es bei den Renovierungen manchmal Überraschungen gibt. Oft entdeckt man – wenn man die oberen Schichten entfernt - unter dem Putz verborgene Fresken. Auch im Streben eines Ehepaares, einer Familie mit Menschen, die verschieden sind, die miteinander den Weg gehen, lassen sich, wenn man sich von Jesus führen lässt und vom Heiligen Geist, die Schönheiten jenes Schatzes entdecken, den wir alle auf dem Grunde unseres Herzens tragen. Freilich, gerade Jesus führt uns dazu, dass wir aufeinander Rücksicht nehmen, dass wir irgendwo die eigenen Schwächen und Fähigkeiten des anderen und beachten, dass wir einen Weg im Miteinander suchen. Gerade dadurch entsteht die größere, tiefere Liebe zueinander, indem wir in den verschiedenen Situationen Antwort geben auf das Rufen des Herrn, das durch den anderen zu uns gelangt, sehr oft ganz direkt durch ihn. Es ist ein Ruf, Jesus nachzufolgen, ihn in unseren Herzen aufzunehmen und gerade deswegen umeinander bemüht zu sein: freundlich, zum Frieden bereit, bereit zu einem neuen Anfang. Und so kommen wir einander entgegen, vermeiden, was zum Zorn reizt, bereiten einander Freude, auch noch nach Jahren. So kann auch die Liebe wieder erwachen, wenn sie beinahe erloschen oder sehr zurückgegangen scheint. Sie kann wie neu aufflammen. Das führt dazu, dass auch ein älterer Mensch wieder jung wird, weil er das Geheimnis wahren will, bei sich und bei den anderen, und diesem Geheimnis nachgeht.

Letztlich ist es das Geheimnis Gottes, letztlich ist es jene Sehnsucht, die der Herr in unser Herz gelegt hat. Letztlich ist es die Fährte, der wir folgen müssen, alle miteinander. Auch jene, die den Zölibat leben, gehen einen Weg der Liebe, in anderer Form. Er ist der Weg einer ganz besonders großen Liebe.

Alle sollten wir außerdem bedenken: „Jesus ist nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder“. Er heilt, wenn man ihn darum bittet, von jeder Krankheit, sogar von Aussatz, selbst Tote kann er zum Leben erwecken und es gibt keine Szene im Evangelium, in der der Herr nicht früher oder später das Bitten, das demütige, aufrichtige Bitten eines Menschen erhört. Manchmal dauert es etwas länger, manchmal muss man hinter ihm herlaufen, manchmal muss man stärker anklopfen. Vor allem muss man entdecken, dass er da ist, uns nahe und für jeden erreichbar.

Wenn wir sagen: Ich habe große Probleme, große Schwierigkeiten, dann ist es umso wichtiger, zu kommen und zu suchen. Freilich, wer sich auf Jesus einlässt, wer an seiner Hand den Weg der Liebe sucht, wird die Erfahrung machen, dass er immer das Herz weit macht, damit wir JA sagen zueinander, JA sagen auch zu uns selbst, so wie wir sind und uns nicht damit abfinden, dass wir gewisse Fehler haben, sondern immer wieder bemüht sind.

Wir müssen aber auch JA sagen zu unseren Aufgaben. Bei einem Ehepaar führt die Liebe Jesu ganz gewiss dazu - das zeigt auch die Beobachtung - dass sie entdecken, wie groß der Schatz der Kinder ist. Die Liebe Jesu bewirkt, dass sie JA zum Leben sagen. Sie macht ihnen bewusst, dass es eine Verantwortung für die Gesellschaft, für die Kirche und für die Kinder selber bedeutet. Kinder brauchen Geschwister und der Herr hat uns ein großes Herz geschenkt, das fähig ist zu einer großen Liebe, und das bedeutet bei einem Ehepaar in der Regel Ja zu mehreren Kindern.

Gerade, wer an der Hand Jesu das Leben meistert, so gut es ihm/ihr möglich ist, bemerkt, dass es nicht bloß auf das Fortkommen im Beruf ankommt, dass es nicht nur davon abhängt, froh zu sein, wenn man Wohlstand hat oder dieses und jenes besitzt. Man meint oft, dass man alles haben müsse. Es gibt auch andere Werte, die Freude, Frieden und Fröhlichkeit vermitteln. Wie verändern Kinder die Familien! Die Gesichter werden fröhlich! Ich will damit nicht sagen, dass es nicht oft auch schwierig ist und dass es nicht auch Probleme gibt. Ich glaube, wir alle sollen auch daran denken, dass bei jedem, der auf den Heiligen Geist hört und mit Jesus den Weg geht, das Herz sich verändert, das ganze Leben anders wird.

Vielleicht sagt aber jemand: JA, das ist alles schön und recht, aber bei uns ist alles zerbrochen. Auch in dieser Situation ist es wichtig und grundlegend, Gott zu suchen, zu beten und zu bitten.

Ich denke manchmal an eine Frau, der ich begegnet bin - ich weiß nicht, wo sie jetzt ist. Sie hat sich einmal an mich gewendet und mir kurz ihr Leben beschrieben. Sie war verheiratet, sie meinte glücklich verheiratet zu sein und hatte drei Kinder. Sie hat den Glauben, das Christentum, mehr oder weniger praktiziert, nicht sehr genau, und ihr Mann gar nicht. So sind einige Jahre vergangen, bis eines Tages plötzlich - sie waren schon mehr als 20 Jahre verheiratet - ihr Mann kam und sagte: Es tut mir leid, aber ich habe jemanden kennen gelernt und ich will mich scheiden lassen. Sie war wie aus allen Wolken gefallen und konnte es nicht fassen. Es brach eine ganze Welt in ihr zusammen.

Sie hatte dann auch Schwierigkeiten mit ihrer Schwiegermutter, die sie immer sehr geliebt hat und mit der sie beste Verhältnisse und Beziehungen hatte. Sie hat mit ihr gebrochen, weil sie merkte, dass der Ex-Mann weiterhin zu ihr kam. Sie weinte Tag und Nacht, ein Jahr lang. Die Kinder, die vorher gute Schüler waren, ließen in ihrer Leistung nach und bekamen große Probleme. Nach etwa einem Jahr kamen Freunde zu ihr und sagten: Willst du nicht mitkommen? - Wohin? - Zu Exerzitien, zu Besinnungstagen - Ich, was soll ich da? Sie überredeten sie: Komm doch! Sie ging schließlich mit. Das war für sie wie eine Sternstunde. Sie begann die Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Sie merkte, dass es so – mit einem unaufhörlichen Weinen und Klagen - sinnlos war, auch für ihre Kinder. Sie erkannte, dass es wichtig ist, sich ihnen wieder zuzuwenden, dass es absurd war, mit ihrer Schwiegermutter, die im gleichen Haus einen Stock unter ihr wohnte, nicht wieder von neuem zu beginnen.

Sie begann auch nachzudenken, dass im Zusammenhang mit ihrem Mann vielleicht das eine oder andere von ihrer Seite auch nicht ganz recht war.

Es war ein völlig neuer Anfang. Die Frau sagte mir - inzwischen ist einige Zeit vergangen - "mir tut es noch immer furchtbar weh, was passiert ist. Ich liebe noch immer meinen Mann und ich kann es weiterhin nicht fassen, aber vielleicht musste es fast so kommen. Vielleicht musste es fast so sein. Ich hätte wahrscheinlich nie den Weg zu Gott gefunden".

In diesem Sinne möchte ich sagen: Immer müssen wir Gott suchen. Wenn jemand von neuem eine Beziehung eingegangen ist - wiederverheiratete Geschiedene - und ein Problem besteht: Auch sie werden den Weg finden, wenn sie ihn suchen. Vielleicht wird es einige Jahre nicht möglich sein, die Sakramente zu empfangen, weil es nicht möglich ist, die Bedingungen zu erfüllen. Aber früher oder später wird sich der Weg finden: Der Weg zu Gott, der Weg zur inneren Versöhnung, zum inneren Frieden, zu dem, was froh macht. Auch dann, wenn etwas zerbrochen ist und nicht so gegangen ist, wie man es eigentlich gewollt, erträumt und ersehnt hat.

Am Sonntagberg sind in den Fenstern des Presbyteriums vorne die Herzen Jesu und Mariens abgebildet. Das Herz Jesu wurde eröffnet von der Lanze des Soldaten: Es wird dargestellt mit dem Dornenkranz. Durch das Leiden Jesu wurde sichtbar, wie groß die Liebe Gottes ist, wie weit seine Liebe reicht. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für die Freunde hingibt. Und das Herz Mariens wird durchbohrt dargestellt, von sieben Schwertern durchdrungen, weil sie mit Jesus immer vereint war, auch am Fuße des Kreuzes. Erkennen wir, liebe Brüder und Schwestern, den Auftrag, der uns aufgegeben ist.

Wir sind hier zusammengekommen, um zu beten und zu bitten. Damit der Herr in unseren eigenen Herzen wirkt, in unseren eigenen Familien. Aber auch, damit wir hinausgehen ins Land und jeder dort, wo er kann, die anderen anredet, ihnen Mut macht, immer auch von Gott spricht, von Jesus, vom Erlöser, von der Liebe, die Gott schenkt. Davon, dass es immer eine Hilfe gibt - bei jedem, ohne Ausnahme. Erkennen wir den Auftrag, der uns gerade auch in dieser Zeit - jetzt leben wir, jetzt sind wir gerufen - aufgegeben ist! Jesus und Maria werden uns beistehen, der Heilige Geist wird uns die nötigen Regungen eingeben. Wir werden selbst zum Vater finden durch den Sohn im Heiligen Geist und den anderen beistehen, damit auch sie den Frieden finden. Amen.