Predigt Chrisammesse 2008 (im Wortlaut)

Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst
Liebe Brüder und Schwestern!

Die Chrisammesse, zu deren Feier wir mitten in der Karwoche aus allen Teilen der Diözese zusammenkommen, ist ein großer Trost und Ansporn für unsere Wirksamkeit als Bischof, Priester, Diakon, als Christen in dieser unserer Zeit mit all ihren Bedrängnissen und Herausforderungen.
Bei der Chrisammesse wird uns das Wort des Propheten zu betrachten vorgelegt: "Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt."
Es bezieht sich auf Christus und auf jeden Christen. Unsere Wirksamkeit ist grundgelegt in der Menschwerdung des Gottessohnes, der durch sein Blut Himmel und Erde miteinander versöhnt, die Aussendung des Heiligen Geistes erreicht und seine Vollmacht den Aposteln übertragen hat. Im Mittelpunkt der heiligen Handlung steht am heutigen Tag die Weihe der heiligen Öle. Alle, die mit ihnen gesalbt werden, nehmen der je eigenen Berufung und den eigenen Charismen entsprechend an seinem Priester-, Propheten-, und Königsamt teil. Wir glauben und bekennen: Er selbst wird durch die Kirche und ihre Glieder gegenwärtig. Freilich: Es wird uns gerade auch bei dieser Feier bewusst gemacht, dass seine Vergegenwärtigung, seine Wirksamkeit - weil er es so wollte und so will - doch auch von unserem Mittun irgendwie abhängt.

In unserer Zeit haben nicht wenige Christen, denen die Kirche und die Menschen ein Anliegen sind, eine nicht geringe Sorge um die Zukunft. Älter werdende Priester und ihre Gemeinden fragen sich: Wer wird nachkommen? Werden wir in Zukunft einen Pfarrer haben? Wie soll es gehen, wenn ein Priester mehrere Pfarren zu betreuen hat, vor allem, wenn es größere sind?
Nicht wenige sind der Meinung, die Kirche müsse die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt verändern. Sie denken, dass es verheiratete Priester geben sollte, vielleicht auch Frauen, die priesterliche Dienste wahrnehmen. In Wirklichkeit liegen die Schwierigkeiten, die für die derzeitigen Probleme auslösend sind, nicht so sehr im strukturellen Bereich, d.h. an der Zahl der Pfarren und an der Zahl der Priester, sondern in tieferreichenden Zusammenhängen. Die veränderten Lebensbedingungen und vor allem die heutigen Denkweisen setzen uns zu.

Der Heilige Vater hat vor kurzem vor den Gefahren des "Säkularismus" und vor dem "Hochmut der Vernunft" gewarnt, die nach seinen Worten selbst die Kirche nicht verschonen. Der Papst sagte, die Säkularisierung stelle das Leben der Gläubigen und der Hirten auf eine harte Probe. Sie führe die Menschen dazu, so zu leben, als ob es Gott nicht gebe. Sie habe auch die Kirche erfasst. Die Säkularisierung begünstige in den Gläubigen und in den Hirten ein "Abtriften in die Oberflächlichkeit und den Egoismus". Sie sei eine Sicht der Welt und des Menschen "ohne Transzendenz - Bezug", sie dringe in jeden Aspekt des Lebens ein und verführe zu einem Denken, in dem Gott ganz oder teilweise dem Bewusstsein des Menschen entschwinde. Diese Haltung bewirke eine Art Selbstgenügsamkeit und verschließe sich auf der Suche nach der Wahrheit, die einen selbst übersteigt. Es bestehe die Gefahr einer "geistlichen Verkümmerung".

Wir erleben das alle ganz hautnah und schmerzhaft bei Jung und Alt, nicht bei allen, aber bei vielen. Bei jungen Menschen ist diese Entwicklung oft geradezu dramatisch, weil es ihnen an Vorbildern fehlt und weil die vom Glauben und der Glaubenspraxis ablenkenden Einflüsse vielfältig und massiv sind. Sie sind nicht vorbereitet, um Widerstand zu leisten.

Angesichts dieser Entwicklungen fühlen wir uns weitgehend ohnmächtig. Viele von uns haben es in den vergangenen Jahren miterlebt: Trotz aller Bemühung ist es dazu gekommen. Und wie soll es besser werden, wenn die Zahl der praktizierenden christlichen Familien bereits sichtbar kleiner geworden ist und nun auch die Zahl der Priester stärker zu sinken beginnt?

Mir scheint, dass es uns im gemeinsamen religiösen, kirchlichen Leben manchmal ähnlich ergeht wie im persönlichen: Es kommt ein Punkt, in dem ein echter Neuanfang erforderlich ist.

Worin könnte er bestehen?
Zunächst wird es gut sein, wenn wir die Worte der Geheimen Offenbarung (2. Lesung) auf uns wirken lassen: ".. er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten.. Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut; er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott, seinem Vater."
Und aus dem Buch der Propheten hörten wir: "Ihr alle werdet "Priester des Herrn" genannt, man sagt zu euch "Diener Gottes". Und dann hieß es: " Ich bin treu und gebe ihnen den Lohn, ich schließe mit ihnen einen ewigen Bund."

Was ist nötig, damit wir durchhalten, ohne müde und resignativ zu werden und damit eine positive Entwicklung einsetzt?
Der jetzige Heilige Vater hat 1978 kurz nach der Wahl Johannes Pauls II. bei einer Ansprache für Priester in Südamerika von Gesprächen erzählt, die er vor der Papstwahl mit anderen Kardinälen geführt hat. Thema der Gespräche war die Überlegung, welche Eigenschaften der zukünftige Papst haben sollte. Ein Punkt kam immer vor: Jeder sagte, der zukünftige Papst brauche kein Genie zu sein, müsse nicht alles können, er müsse vor allem ein Mann Gottes sein.

Was für den Papst unerlässlich ist, gilt auch für den Priester heute und morgen, für alle, die in der Verkündigung mitwirken: Es braucht Menschen, die tief in Gott verwurzelt sind. Von Gott kommt die Kraft, von Gott kommt die Erlösung.
Daher wird es - unabhängig davon, ob ein Priester eine oder fünf Pfarren zu betreuen hat - unbedingt erforderlich sein, sich die Zeit für Gebet zu reservieren, die Dinge so zu ordnen, dass die Eucharistie mit Ruhe und Hingabe gefeiert werden kann. Da müssen auch die Gläubigen manche Anstrengungen auf sich nehmen. Das Stundengebet muss Platz haben. Es wird unsere große Aufgabe sein, und die Aufgabe vieler, auch die anderen zum Gebet anzuhalten und sie zu lehren, wie man betet, wie man den Weg zur erfrischenden Stille mit Gott findet.

Ich bin überzeugt davon, dass es nötig ist, wie von Neuem Christus zu entdecken. Vor einiger Zeit vertraute mir ein Priester an, dass ihm bei einer Eucharistiefeier die innere Regung gekommen ist: "Wenn es wahr ist, dass Du da bist, wovor fürchte ich mich dann?" Wir werden gut daran tun, den anderen zu sagen, wie segensreich es ist, wie wohl es tut, wenn man eine ehrliche, von Reue erfüllte Beichte ablegt. Es ist eine Quelle der Erneuerung, die wir selbst auch brauchen. "Durch seine Wunden sind wir geheilt." Es wird notwendig sein, uns Zeit zu nehmen für das Wesentliche und Zeit zu sparen in so manch Anderem, das nicht so wesentlich ist. Von sehr großer Bedeutung wird es auch sein, ernsthaft Sorge dafür zu tragen, dass Christus, sein Evangelium verkündet wird und zwar so wie die Kirche es vermittelt, ohne Abstriche und ohne zu übersehen, dass eine "Spiritualität", die mit ein wenig Gefühl oder mit Esoterik verwechselt wird, keine Hilfe darstellt, sondern im Gegenteil, in eine Sackgasse führt. Dabei ist klar, dass bei dieser Aufgabe, den Glauben in aller Treue und mit Liebe weiterzugeben viele zum Mittun eingeladen sind: Die Religionslehrer, die Pastoralassistenten, Diakone und vor allem die Eltern.

Und nicht zuletzt ist von größter Bedeutung auch die Überzeugung, dass es wichtig ist, füreinander, insbesondere auch für die Mitarbeiter Zeit zu finden, füreinander da zu sein mit einem herzhaften Bemühen um Liebe und Einheit. Es muss so sein wie bei den ersten Christen, von denen die Heiden sagten: "Seht, wie sie einander lieben".
Am Ende des Evangeliums hieß es: "Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt." Seien wir zuversichtlich, folgen wir Jesus nach, seien wir treu. Es lohnt sich. Gott wird sich als treu erweisen. Auf seine Verheißung dürfen wir bauen. So möchte ich nun die Priester einladen, ihr Bereitschaftsversprechen zum priesterlichen Dienst zu erneuern.