Predigt bei der Vollversammlung der Bischofskonferenz in Großrußbach Nov. 2008

Eminenz, liebe Mitbrüder im Bischofs-, im Priester- und Diakonenamt, liebe Brüder und Schwestern!

Die liturgischen Texte der Messe vom Tag enthalten eine Botschaft, die uns zwar vom Anfang bis zum Ende ganz vertraut ist, aber dennoch Brisanz hat, wenn sie in ihrer Konkretheit betrachtet und die gegenwärtige Situation von Kirche und Gesellschaft mit ihr konfrontiert wird.

Der hl. Paulus schreibt den Philippern: „Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil.“ Er erwartet von ihnen, dass sie Gott mit einer uneingeschränkten Offenheit begegnen. So sind ja wohl die Worte zu verstehen: „Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus.“ Er verlangt von ihnen eindeutigen Gehorsam: „Tut alles ohne Murren und Bedenken, damit ihr rein und ohne Tadel seid, Kinder Gottes ohne Makel mitten in einer vordorbenen und verwirrten Generation, unter der ihr als Lichter in der Welt leuchtet.“ Da ist keine Rede von Anpassung an die gängigen Trends, da wird die Botschaft nicht relativiert, im Gegenteil, Paulus fordert auf: „Haltet fest am Wort des Lebens, mir zum Ruhm für den Tag Christi, damit ich nicht vergeblich gelaufen bin oder mich umsonst abgemüht habe.“ Er ist sich seiner hohen Verantwortung als Apostel bewusst, weil er vom rettenden Charakter des Evangeliums überzeugt ist. Das lässt ihn weder ruhen noch schweigen.

Im Tagesgebet war die Bitte ausgesprochen: „Erhöre die Bitte deines Volkes, mach uns hellhörig für unseren Auftrag in dieser Zeit und gib uns die Kraft, ihn zu erfüllen.“

Welches ist unser Auftrag? Ich habe manchmal den Eindruck: Jede Gemeinde möchte ihren Pfarrer, die Gottesdienste sollten wie gewohnt weitergehen, die verschiedenen Gewohnheiten eingehalten werden und wir – Bischöfe und Priester – versuchen, diese Dienste möglichst zu gewährleisten, auch wenn sich die Lebensverhältnisse seit der Gründung der Pfarren völlig verändert haben und nicht zu übersehen ist, dass die kirchliche Situation eine andere geworden ist. Ob wir wahrnehmen, was Gott uns damit sagen will? Was würde wohl Paulus sagen?

Im Evangelium hörten wir die Worte Jesu über die Ernsthaftigkeit der Nachfolge, die er erwartet. Sie setzt voraus, dass Gott wirklich in allem den Vorrang hat, sogar in den familiären Bindungen, obwohl klar ist, dass eine Hinwendung zu Gott immer das Erwachen der Liebe zu den Anderen hervorruft. Aber nichts darf abhalten oder wegführen von der Liebe Gottes, auch nichts in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, Kindern und Eltern oder zwischen den Eheleuten selbst. Wir können es geradezu beobachten, was geschieht, wenn die Menschen aufhören zu beten, die Gebote Gottes nicht beachten: dann zerbrechen die Familien, leiden alle Schaden.

Jesus spricht als Voraussetzung der Nachfolge von der Kreuzesliebe. Manchmal denke ich an ein Gespräch mit einem rumänischen Bischof Anfang der 90er Jahre, relativ kurz nach der politischen Wende in seinem Land. Er war gekommen, weil mehrere Priester seiner Diözese bei uns zu arbeiten anfingen. In einer Begegnung mit Diözesanpriestern fragte jemand den Bischof, wie er es sich erkläre, dass er in seiner Diözese so viel Priesternachwuchs habe und wir so wenig. Er gab zur Antwort, seines Erachtens hänge dies damit zusammen, dass sie schwere Zeiten hinter sich haben und es ihr Bemühen war, unter dem Kreuz auszuharren, und dass sie auch jetzt wachsam seien, das Kreuz nicht wegzustellen. Es stehe ihm nicht zu, die Kirche des Westens zu beurteilen, er habe aber den Eindruck, der Priestermangel im Westen habe zu tun mit diesem Aspekt.

Ist es nicht so, dass bei uns manche noch immer zu meinen scheinen, alles müsse leicht gehen, wenn möglich lustig und einfach sein? Ist es verwunderlich, dass die Früchte einer seelsorglichen Arbeit nur spärlich sind, wenn die Bedeutung des Kreuzes in der Nähe des Altares, aber auch im Leben jeder Familie, jedes Christen nicht mehr bewußt ist? Ohne Aufschauen zu diesem Christus am Kreuz, ohne Bereitschaft zu Selbstüberwindung und Opfer gibt es keine wirkliche Nachfolge, entsteht auch keine dauerhafte Haltung des Gebetes, kommt es zu keiner echten Reifung der Persönlichkeit, zu keinem Wachstum in den Tugenden, zu keinem echten Christsein mit Fähigkeit zu Liebe.

Jesus bringt dann die beiden Beispiele vom Turmbau und vom Kriegszug, um deutlich zu machen, wie die Menschen in anderen Belangen sehr wohl überlegen, was sie tun müssen, um erfolgreich zu sein, um ihr Ziel zu erreichen oder um sich vor Gefahren zu schützen. Damit ist die Frage verbunden, die wir heute ohne Zweifel den Menschen vorlegen und der wir uns selbst stellen müssen: Alle haben eine große Sorge, dass die Kinder gut ausgebildet sind, Sprachen lernen, Kurse besuchen. In jeder Berufssparte ist Fortbildung von großer Bedeutung. Ohne sie kann man nicht mithalten. Wir müssen fragen: Was tut ihr, damit ihr das ewige Leben gewinnt, wie helft ihr euren Kindern, damit sie dieses Ziel ernsthaft ins Auge fassen, wie schützt ihr euch und eure Kinder vor den Gefahren, die überall, auch im eigenen Haus vorhanden sind? Es sind Gefahren, die einem christlichen Leben großen Schaden zufügen können, wenn sie nicht erkannt werden. Ich denke da zB an Gewalt und Pornographie in Internet und Fernsehen. Alle müssen wir uns fragen: Setze ich die Mittel ein, um wirklich christlich zu leben? Was tue ich, damit auch die anderen sich nicht von manchen Trends erfassen lassen, die von Gott wegführen, mit einem echten Christsein nicht vereinbar sind?

Jesus nennt als logische Konsequenz dieser Sorge um das Ewige Leben die Losgelöstheit vom Materiellen. Ganz im Gegensatz zu dem, was heute für viele Menschen geradezu das Hauptkriterium der Lebensgestaltung zu sein scheint: Im Vordergrund stehen Wohlstand und Lebensqualität, Gesundheit und Erfolg. Für Gott findet sich – wenn überhaupt – höchstens ein Platz am Rande: Sofern man Zeit hat, kommt man; sofern Geld übrig bleibt, hilft man; wenn es leicht geht, tut man mit.

Kehren wir nochmals zur Bitte des Tagesgebetes zurück:“Mach uns hellhörig für unseren Auftrag in dieser Zeit und gib uns Kraft, ihn zu erfüllen.“

Papst Johannes Paul II. hat uns nach Beendigung des großen Jubiläums im Jahr 2000 als Auftakt in das 3. Jahrtausend den Auftrag Jesu zugerufen: “Duc in altum“. Er legte in seinem Apostolischen Schreiben „Tertio Millennio ineunte“ ein Programm dar, das für alle Diözesen in der ganzen Welt eine Grundlage darstellt. Papst Benedikt XVI. gab uns bei seinem apostolischen Besuch als Leitbild „Auf Christus schauen“.

Es mag sein, dass es in Hinkuft nicht möglich ist, in jeder Kirche an jedem Sonntag eine Eucharistiefeier zu haben. Es kann sein, dass nicht alles so wie bisher weitergehen kann. Es ist auch gar nicht klar, dass das nicht in jedem Fall gut ist. Klar ist jedoch, dass wir und alle Gläubigen Christus suchen sollen: seine Kraft, seinen Geist, seine Botschaft, seinen Weg. Klar ist, dass auch in Hinkunft Orte des Glaubens entstehen müssen, die anziehen, die Heimat und Halt geben, Ausgangspunkt von Christen sind, die das Licht in ihre Häuser tragen, in ihre Arbeitsstätten. Klar ist ebenso, dass jeder Einzelne, der wirklich ein Christ sein will, der möchte, dass seine Familie eine christliche Familie ist, initiativ, aktiv, oft auch ein wenig kreativ sein muss. Nur gelegentlich bei einer frommen Veranstaltung dabei sein, ist zu wenig. Und dringend notwendig ist es, dass Christen in Gesellschaft und Politik sich zu Wort melden, Sauerteig sind in allen Wirklichkeiten des menschlichen Lebens, sodass unsere Heimat mit ihrer reichen, vielfältigen christlichen Kultur auch in Zukunft christlich bleibt.

Möge uns die Fürsprache Mariens und aller Heiligen beistehen.