Nikolaus
 
 

Predigt bei der Christmette am 24. Dezember 2008 (im Wortlaut)

Liebe Brüder und Schwestern!

Ein Chorregent in der Stadt Steyr litt an der „hinfallenden Krankheit“, wie man sie damals (im 17. Jhdt) nannte. Heute würde man sagen, dass er ein Epileptiker war.
Im Stift Melk hatte er die Verehrung des Jesuskindes kennen gelernt und so stellte er für seine persönliche Andacht in die Höhlung einer Tanne mittlerer Größe ein Bild der heiligen Familie.
1694 hörte er von einem Bildnis des Jesuskindes, das einer gelähmten Nonne Heilung gebracht hat. Er ließ sich aus Wachs eine getreue Nachbildung anfertigen. Es handelt sich um ein Kind, das in der einen Hand das Kreuz trägt, in der anderen die Dornenkrone. Er brachte dann dieses Jesuskind zu seinem Baum und hielt vor ihm Andacht. Bald fühlte er eine heilende Kraft, die von diesem Kind ausging.
Allmählich erfuhren die Leute davon, dass der Chorregent gesund war, und sie begannen in den Wald zum Christkind zu pilgern. Die kirchliche Obrigkeit war sehr zurückhaltend vor dieser neuen Andacht, aber 1708 wurde der Grundstein für die neue Kirche gelegt, die dann sehr berühmt geworden ist, die Christkindlkirche im Ennstal.

In dieser hochheiligen Nacht strahlt zu allen Zeiten, auch in unserer, ein wärmendes, anziehendes Licht auf. Es ist eine uralte, jedes Jahr vieler Orts sich wiederholende Erfahrung. Viele kommen in dieser Nacht zum Gottesdienst, auch solche, die sonst vielleicht nicht immer dabei sind. Es ist eine besondere Hoffnung, die in dieser Nacht geweckt wird.
Gott kommt nicht mit Macht und Herrlichkeit. Er kommt als Kind. „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt“, wird vom Prophet Jesaja verkündet.
Vor einiger Zeit schrieb mir jemand: „ Für mich gibt es dieses Jahr keine Weihnachten. Meine Krippe wird leer bleiben.“ Er habe so viel falsch gemacht. – Wie ist das? Welche Voraussetzungen sind nötig, um Weihnachten wirklich feiern zu können?

Der heilige Papst Leo der Große hat dazu einmal gesagt: „Heute ist unser Erlöser geboren. Fort mit aller Trauer, da sich uns das Leben erschließt; das Leben, das die Furcht vor dem Tod besiegt, uns mit der Freude der weisen Unsterblichkeit erfüllt.“ Und der fügt hinzu „Niemand muss sich ausgeschlossen fühlen, an dieser Freude teilzunehmen, alle haben gleichen Grund zum Jubeln: da unser Herr, der Sieger über Sünde und Tod, keinen gefunden hat, der frei wäre von Schuld, ist er gekommen, uns alle zu erlösen. Es möge der Heilige sich freuen, da der Sieg naht. Es freue sich der Heide, denn es ruft ihn das Leben. Denn als die Zeit sich erfüllte, nahm der Sohn menschliche Gestalt an, um die Menschheit mit dem Schöpfer zu versöhnen.“
Die große Weihnachtsbotschaft lautet: „Fürchtet euch nicht!“ Für jeden Menschen kann Weihnachten eine wahrhaft gesegnete Weihnacht werden. Niemand muss sagen, dass bei ihm die Krippe leer bleibt.
Das hängt zusammen mit der in gewissem Sinne für jeden Menschen „greifbaren“ Nähe Gottes, die damals zu Bethlehem begonnen hat und die sich durch die Heilsmysterien der Kirche bis auf den heutigen Tag fortsetzt.
Es hängt zusammen mit dem Grund, warum Gott Mensch wird: „Er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen“, hat Josef vom Engel im Traum gehört und wir alle dürfen es hören.
Es hängt zusammen mit der persönlichen Begegnung zwischen ihm, dem Erlöser, und jedem Einzelnen von uns. Aus dieser persönlichen Begegnung entspringen Vergebung, Mut und weihnachtliche Freude.
Der Glaube an den Sohn Gottes, dessen Menschwerdung wir am Weihnachtsfest betrachten, schenkt uns Menschen Halt auch in Not und Schwierigkeiten, weil wir wissen, dass wir nicht allein sind. Dieser Glaube eröffnet neue Perspektiven, weil Christus Kunde bringt vom Vater, weil er zu uns vom ewigen Leben spricht. Wir erkennen so, dass sich der Sinn des Lebens nicht nur auf das Jetzt erstreckt. Auch schwache, fehlerhafte Menschen – wer ist nicht schwach und fehlerhaft? – dürfen angesichts der Geburt zu Bethlehem Hoffnung hegen. Auch für völlig Gestrandete und Gescheiterte gilt dies. Sogar der Schächer am Kreuz darf – trotz eines offenbar völlig fehlgegangenen Lebens – von Jesus hören: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein“. Gerade das gehört zusammen mit dem „Fürchtet euch nicht“ wesentlich zur weihnachtlichen Botschaft. „Im stille Nacht, heilige Nacht“ erklingt es: „Christus der Retter ist da.“ Der Blick auf die Krippe macht deutlich, dass er gekommen ist, um zu retten, was verloren ist. Alle Menschen ohne jede Ausnahme dürfen mit Blick auf Christus darauf hoffen, Vergebung zu erlangen, wenn diese benötigt und von ihnen ersehnt wird.
Wir sollten uns in dieser hochheiligen Nacht und in der ganzen Weihnachtszeit zur Krippe hingezogen fühlen. Wir können dabei für uns selber beten, für unsere Familien, Verwandten und Bekannten, ganz besonders für die Menschen, die in Not sind. Möge bei allen das Licht der Hoffnung durch den Glauben an den Mensch gewordenen Gottessohn angezündet werden! Mögen wir alle erfahren, dass uns Gott nahe ist, dass uns der Vater den Sohn gesandt hat, damit er uns beisteht, Vergebung der Sünde vermittelt, uns Kraft schenkt, unsere Liebe beflügelt, sodass auch anderen durch unser Christsein die Geburt Jesu bezeugt wird.
Die Hirten sagten zueinander: „Kommt, wir gehen nach Bethlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ.“ In dieser heiligen Nacht und in diesen Tagen sind wir eingeladen, zu kommen und das Kind zu verehren. Bleiben wir bei ihm, bis wir in ihm Gott entdecken „Venite adoremus“, „kommt lasst uns ihn anbeten“, dazu fordert in diesen Tagen die Liturgie auf. So wünsche ich Ihnen eine gnadenreiche Weihnacht. Der Friede möge sich ausbreiten: In unseren Herzen, in unserer Umgebung, unter allen Menschen guten Willens.