Predigt bei der Amtsübernahme (Wortlaut)

Bischof DDr. Klaus Küng Eminenz, lieber Herr Kardinal,
hochwürdigster Herr Nuntius,
liebe Mitbrüder im Bischofs-, im Priester- und im Diakonenamt
sehr geehrter Herr Landeshauptmann, Herr Landtagspräsident,sehr geehrter Herr Minister,
liebe Brüder und Schwestern
Die Texte des 1. Adventsonntag bieten gute Leitlinien für diese Feier, die vor allem dann mit Freude zu erfüllen vermag, wenn sie echt adventlich geprägt ist, d.h. gekennzeichnet durch die Hoffnung auf den "Adventus Domini", auf das Kommen des Herrn. In der ersten Lesung hörten wir aus dem Buch des Propheten Isaias die Worte: "Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs."
Eine Aufforderung zum Aufbruch, zu einem Aufbruch der eigentlich dringend notwendig ist; Zielrichtung ist der Berg des Herrn.

Wichtig ist auch die Bitte, die der Prophet damit verbindet: "Der Herr (Er) zeige uns den Weg". Nicht, als ob alles unklar oder unbestimmt wäre. Um auf dem richtigen Weg zu gehen, müssen wir uns auf jeden Fall auf dem Weg des Evangeliums - vereint mit der Weltkirche - bewegen. Und wir brauchen den Beistand des Hl. Geistes, um in den Umständen unserer Gesellschaft, unserer Zeit, unserer Kirche persönlich und gemeinsam dem Glauben an Christus zu entsprechen.
Alle sind angesprochen, alle sollen mitbeten und mitgehen. Genau das ist der Wunsch, der große Wunsch dieser Stunde. Der Prophet sagt: "Viele Nationen machen sich auf den Weg".

Nicht überhört werden darf die Ankündigung des Propheten: "Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, und übt nicht mehr für den Krieg". Eine prophetische Ansage, die zwar vollgültig erst auf die messianische Zeit bezogen, aber auch für die Gegenwart sehr wichtig ist: Für mich verbindet sich mit diesem Hinweis einer der großen Bitten an Gott und alle Beteiligten, wenn ich in dieser Stunde an meine neue Diözese denke.
Auf uns angewandt bedeutet das, nicht im Streit miteinander leben, sondern sich der dringenden Aufgabe der Aussaat des Gotteswortes, der Bebauung des Ackers unserer Gesellschaft und dieses unseres Landes, auch unserer Kirche, mit allen Kräften zuzuwenden. Es bedeutet, unserer Sendung als Mensch und Christ zu dienen. Zu diesem Dienst sind wir berufen. So lautet auch mein Wahlspruch "Serviam". In den Psalmen wird das noch präzisiert: \"in laetitia\" - gerne will ich dienen.

Ein anspruchsvolles Programm, das mit wenigen Worten skizziert ist. Ein Programm für alle Beteiligten, auch für mich, eine große Herausforderung. Als neuer Diözesanbischof bitte ich in dieser Stunde Sie alle, dieses Programm mitzutragen, hinauf zum Berg des Herrn, und zwar ohne Kriegsbeil, mit Frieden im Herzen. Wenn es uns gelingt zu erreichen, dass alle da mittun, dann kann es ein fruchtbarer Advent werden, eine Wegbereitung für das Kommen, für die Geburt, für das Wirken des Herrn in unseren Herzen und in den Herzen vieler Menschen. Damit auch für das Kommen des Herrn in unserem Land, unserer Kirche.

Auch die Worte des heiligen Paulus aus der zweiten Lesung sind eine Einladung, die uns alle angeht. Er schreibt: "Bedenkt die gegenwärtige Zeit: die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf; die Nacht ist vorgerückt, der Tag bricht an." In der derzeitigen Situation von Gesellschaft und Kirche erhalten diese Worte - zusätzlich zu ihrer ursprünglichen und immer gültigen Bedeutung einen aktuellen Akzent: In vielen Ländern Europas christlicher Tradition hat sich meines Erachtens in den letzten Jahrzehnten bei einem größeren Teil der Bevölkerung durch das Zusammenwirken mehrer Faktoren die Glaubenspraxis gelockert, die Folgeerscheinungen sind unübersehbar.

Wo der Glaube nachlässt, treten Zeichen der Unerlöstheit in Erscheinung, obwohl materiell alles da ist, was man braucht, und auch mehr als das, werden Lebenskrisen häufiger. Familien zerbrechen trotz aller Möglichkeiten von Beratung und vielfachem Beistand. Sozialfälle treten auf, obwohl man eigentlich nur schwer verstehen kann, warum. Dies und vieles andere ist auch nicht wirklich überraschend. Und nach meinem Eindruck sind die Gründe bewusst. Es sind die Folgen falscher, man könnte auch sagen, unglücklicher Lebensweisen. Zugleich regen sich in den Herzen der Menschen Sehnsüchte. Es besteht - vielleicht unbewusst - eine Suche nach dem, was Hilfe und Heilung bringen kann, nach dem Religiösen, nach Gott. Es besteht die Chance, dass eine Wende eintritt. Es müsste nur in der Kirche, im Wort Gottes, in den Sakramenten Christus aufgezeigt und vorgelebt werden: Voraussetzungen, um ihm wirklich begegnen zu können. Advent ist: die Zeit sehnsüchtiger Ausschau, Zeit der Hoffnung, der Hoffnung auf das Kommen des Herrn, auch Zeit einer neuen Bereitschaft, sich seinem Wirken zu öffnen.

Auch innerhalb der Kirche ist ein gewisser Nachdenkprozess in Gang gekommen. Viele merken es schon seit längerem: Aktionen allein helfen nicht weiter. Es ist notwendig inne zu halten, zu beten, das Wesentliche zu suchen, mehr hinhören auf Gott, mehr auf jenen bauen, der uns erlöst hat. Gott lehrt uns in dieser Zeit "theozentrischer", christozentrischer zu werden. In Gott, in Christus zentriert zu sein, das stellt eine große Chance dar. Das bewirkt eine neue Fruchtbarkeit, einen neuen Aufbruch. Anfänge sind hier und dort schon erkennbar. "Die Nacht ist vorgerückt, der Tag bricht an." In diese Richtung führt der Hl. Vater, wenn er in diesem Jahr dazu auffordert, sich in besonderer Weise Christus in der Eucharistie zuzuwenden. Es geht darum zu entdecken, dass Gott uns nahe ist, dass er durch Christus da ist, unter uns zugegen, greifbar, dass er uns auf allen unseren Wegen beisteht, auch unsere Wunden heilt. Es wäre mir ein Herzenswunsch, wenn wir auf diese Weise die persönliche Erneuerung und die Erneuerung der Kirche anstreben. Die Nacht ist vorgerückt, der tag ist nahe.

Aber die vielen Kirchenskandale, die das Vertrauen der Gläubigen erschüttert haben!? - Ja, das ist schon bedrückend, schmerzhaft und schwer, dennoch gibt es Hoffnung.

Irgendwie ist uns allen bewusst, dass nur ein Weg aus der Krise herausführt: es ist der Weg der Wahrheit - nur die Wahrheit macht frei -, man muss der Wahrheit, auch im Sinne der Aufrichtigkeit sich selber und den anderen gegenüber, ins Auge schauen und es ist auch notwendig, dass die Kirche den Gläubigen, jenen, die Unrecht erfahren haben, auch jenen, die beschuldigt werden, Gerechtigkeit zuteil werden lässt, ohne zu vergessen, dass Barmherzigkeit dazugehört. Die Möglichkeit zu Umkehr, Bewährung und Neuanfang sind Wesensbestandteile einer christlichen Betrachtungsweise des Lebens. "Legt als neues Gewand den Herrn Jesus Christus an", ruft uns der heilige Paulus in dieser Stunde zu.

Ebenso muss auch das Wort des Herrn im Evangelium in unseren Herzen Eingang finden: "Seid wachsam!", sagt er. Es ist nicht zu übersehen, dass manche Entwicklungen, die in unserer Gesellschaft vorkommen, zum Teil aus Mangel an Wachsamkeit auch in der Kirche wirksam sind. Es betrifft uns alle, jene, die die Hirten sind, es sein sollen, ganz besonders. Die Vorfälle der Vergangenheit zeigen: Wir müssen aufwachen, wachsam sein, wachsamer werden als bisher, damit vorhandene Missbräuche behoben und durch entsprechende Maßnahmen in Hinkunft möglichst vermieden werden.

Soll jetzt alles anders werden? War also alles Bisherige falsch? So etwas zu sagen, sei weit entfernt von mir. Mit großem Respekt betrachte ich die Arbeit meiner Vorgänger und aller, die mit ihnen zusammen hier gewirkt haben. Ich denke insbesondere an die letzten in der Ahnenreihe der Diözesanbischöfe und beginne mit dem ehrwürdigen Bischof Memmelauer, dem Koadjutor König, Bischof Zak, Weihbischof Stöger, Bischof Krenn, Weihbischof Fasching. Weiterhin sind es viele in der Diözese St. Pölten, die trotz aller Schwierigkeiten und Turbulenzen, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat, zum vollen Einsatz bereit sind. Ich danke in dieser Stunde allen, die sich in der Vergangenheit bemüht haben, auf deren Arbeit wir jetzt aufbauen können, und ich danke allen, die jetzt und in der Zukunft zum Mittun bereit sind.

Es freut mich die Anwesenheit so vieler Priester, Diakone, Pastoralassistenten. Das gibt mir Hoffnung! Es freut mich die Anwesenheit der Äbte, so vieler Ordensleute, Brüder und Schwestern, sie sind ein wichtiger, wertvollen und unersetzlicher Bestandteil unserer Diözese. Es freut mich, dass so viele Gläubige aus der ganzen Diözese, viele junge Menschen, viele ältere mit dabei sind. Jede Einzelne, jeder Einzelne ist nötig!

Es freut mich auch die Anwesenheit vieler Politiker, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, besonders freut mich, dass Vertreter anderer christlichen Bekenntnisse an dieser Feier teilnehmen: es ist so wichtig, dass wir mit einem großen Respekt voreinander, auch vor den unterschiedlichen Auffassungen in allem, in dem es uns möglich ist, eins sind und zusammenwirken.

Alle zusammen sind wir stark! Mit Gottes Hilfe wird es trotz aller persönlichen Schwächen und trotz Versagen möglich, die Sendung der Kirche in unserer Zeit zu verwirklichen, dem "Adventus Domini" den Weg zu bereiten.

Die Heiligen Hippolyt, Altmann, Leopold und die Gottesmutter Maria, der dieser Dom (Bischofskirche) geweiht ist, mögen uns und werden uns mit ihrer Fürsprache beistehen.