Predigt am Pöstlingberg zu 30 Jahre Fristenlösung (Wortlaut)

(Predigt Bischof DDr. Klaus Küng am 13. April 2005 am Pöstlingberg zu 30 Jahre Fristenlösung).


Liebe Brüder und Schwestern!


In den letzten 30 Jahren hat sich vieles verändert. Damals, als die "Fristenlösung" eingeführt wurde, war ein harter Kampf vorausgegangen, in dem viele entschlossen für den Schutz des Lebens eingetreten sind. Der Kampf hat mit einer Niederlage für den Lebensschutz geendet. Die Unantastbarkeit des Lebens konnte in Bezug auf die ersten Monate der Schwangerschaft nicht mehr konsequent verteidigt werden. Aufrecht blieb, dass Abtreibung ein Vergehen darstellt, auch wenn dieses Vergehen bis zu einer bestimmten Frist nicht strafrechtlich verfolgt wird. Die damals versprochenen flankierenden Maßnahmen sind nie verwirklicht worden.


Inzwischen ist die Entwicklung weiter gegangen: Viele sind heute - auch wenn dies formalrechtlich nicht stimmt - der Überzeugung, dass Abtreibung erlaubt sei. Manche fordern sogar, dass Abtreibung überhaupt aus dem Strafrecht entfernt wird; sie möchten im Gesetz verankern, dass jede Frau auf Abtreibung ein Recht hat.


Damals und in den nachfolgenden Jahren wurden viele großartige Einrichtungen für Behinderte geschaffen, die eine echte Errungenschaft der Menschlichkeit darstellen; heute müssen wir sagen, dass man in einigen Jahren diese Einrichtungen voraussichtlich nur mehr zu einem geringen Teil brauchen wird, weil durch die pränatale Diagnostik Behinderungen frühzeitig erkannt werden, was in einem hohen Prozentsatz den Abbruch der Schwangerschaft, d.h. die Tötung des vermutlich oder sicher behinderten Kindes auslöst.


Vor 30 Jahren gab es noch keine künstliche Befruchtung. Inzwischen sind durch Invitro-Fertilisation viele Kinder gezeugt und geboren worden. Schrecklich dabei ist, dass jedes auf diese Weise lebend geborene Kind mehrere tote Geschwister hat und dass tausende Embryonen überzählig sind und eine zeitlang - nach neuem österreichischem Gesetz bis zu 10 Jahre lang - eingefroren aufbewahrt werden. Diese Embryonen stellen ein begehrtes Gut dar: Manche Forscher schauen auf sie mit Habgier, weil sie für die Gewinnung von Stammzellen und anderes sehr nützlich sind. Es besteht die Gefahr, dass heute menschliches Leben wie ein Produkt behandelt wird.


Vor 30 Jahren wurde die Verhütung stark verbreitet; der Pillenknick trat ein, der Anfang eines Problems, das inzwischen schon deutlich bewusst ist: Die Vergreisung Europas. Eine der großen Fragen heute und morgen. Dazu kommt, dass in den letzten Jahren immer häufiger auch "die Pille danach" zum Einsatz gelangt. Man spricht von Notfallverhütung. In Wirklichkeit handelt es sich um die hormonale Einleitung einer Abbruchblutung nach vollzogenem Geschlechtsverkehr, sodass für den Fall einer Empfängnis die Einnistung der befruchteten Eizelle verhindert wird, was eine Abtreibung im frühesten Stadium der Schwangerschaft bedeutet.


Vor 30 Jahren war Euthanasie kein Thema und bis jetzt besteht unter den politischen Parteien Konsens, dass die Förderung der Hospizbewegung und der Palliativmedizin der richtige Weg ist. Trotzdem will die Diskussion bezüglich "Sterbehilfe" im Sinne von Euthanasie nicht abreißen und es besteht die große Gefahr, dass sich auf der EU-Ebene die Einführung der Euthanasie durchsetzt.


Wir befinden uns also in einer bezüglich Lebensschutz ohne Zweifel dramatischen Situation.
Es ist richtig, wenn wir wie die Zuhörer des hl. Petrus die Frage stellen: "Was sollen wir also tun, Brüder?"
Petrus antwortet: "Kehrt um, und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden" (vgl. Lesung Apg. 2,14a. 36-42)


Wir aber sind schon getauft und müssen uns fragen, wie es möglich war, dass es im Lebensschutz und anderen wichtigen Belangen des gesellschaftlichen und des christlichen Lebens zu einer solchen Talfahrt gekommen ist. In der Tat empfinden wir im Hinblick auf die Tatsache Ohnmacht, dass gewisse Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche manchmal anscheinend unbeeinflussbar in negativer Richtung fortschreiten.


Da ist es sicher angebracht, dass wir unser Herz zu Gott erheben und Maria, die Quelle des Lichtes und Lebens, um Fürsprache bitten und erkennen, dass es gegen alle Hoffnung doch auch Grund zur Hoffnung gibt. Man brauchte in der vergangenen Woche nur den Fernsehapparat aufzudrehen. Wie erklärt es sich, dass 4 Millionen Menschen zum Begräbnis des Hl. Vaters nach Rom gefahren sind, dass dort alle friedlich beisammen waren und auch friedlich wieder heimgefahren sind. Die Erklärung ist die Sehnsucht der Menschen, deren Liebe geweckt worden ist.


Es ist nötig, auf Gott zu bauen und sich für einen erneuten und erneuernden Einsatz für die Verbreitung des Reiches Gottes, insbesondere für das Evangelium des Lebens bereit zu machen.


Vielleicht ist es erforderlich, dass wir - wie Jesus zu Nikodemus gesagt hat - neu geboren werden. Wir sind zwar schon getauft, vielleicht aber muss die Taufgnade erneuert, die Liebe stärker entfacht werden. Die Gnade dafür wird uns sicher nicht fehlen, wenn wir sie zu empfangen bereit sind.


Vielleicht müssen wir stärker aus uns herausgehen. In den letzten Jahren ist so manches gewachsen: Mehrere Initiativen für das Leben, auch Jugendbewegungen, die für das Leben eintreten, sind entstanden; Hilfestellungen für Frauen in Not und für die Kinder sind entwickelt worden; Beratungseinrichtungen. Das alles ist noch entwicklungsfähig, kann, muss zu einer großen Bewegung werden. Wir müssen uns für die Kinder stark machen, für die Familie. Wir müssen den Menschen vor Augen führen, wofür sie da sind, sie auf Christus aufmerksam machen und auf das ewige Leben. Das Bewusstsein der eigenen Berufung - jeder Mensch ist von Gott berufen lieben zu lernen - stellt den besten Schutz des Lebens dar, es führt auch zur Bejahung des Lebens, auch konkret zur Bejahung von Kindern, ebenso zur Bejahung des Leidens, wenn es zuteil wird. Welch großartiges Vorbild hat uns der verstorbene Papst vermittelt! Vereint mit Christus und untereinander eins können wir die Welt verändern! Für das Leben einzutreten ist nicht nur eine Frage einiger "Spezialisten", auch nicht nur der Bischöfe, es ist eine Pflicht aller, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind.


Aus der Apostelgeschichte hörten wir die Aussage: "Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten." Das stellt auch für uns ein gültiges Programm dar, es begründet unsere Hoffnung und bedeutet einen großen Auftrag. Fassen wir von neuem feste Entschlüsse. Maria wird uns mit ihrer Fürsprache beistehen.