Nikolaus
 
 

Predigt am Hochfest von Weihnachten 2008 im Dom (im Wortlaut)

Liebe Brüder und Schwestern! In der Botschaft des Festtagsevangeliums kommt der Satz vor: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Stört nicht dieses Wort den Weihnachtsfrieden, trübt es nicht den Festtag?
Wir können diese Frage von uns wegschieben, indem wir sagen: Damals haben sie ihn nicht erkannt. Wir können auch auf so manche traurige Geschichtsperiode verweisen, nicht nur im Bezug auf fremde Völker, die die Botschaft des Glaubens nicht empfangen haben; auch in der Kirche gibt es einige dunkle Stellen, die vermuten lassen: „die Seinen nahmen ihn nicht auf.“
Aber dürfen wir die Frage wirklich von uns wegschieben? Sollten wir nicht doch auch die Gegenwart betrachten? Wie sieht es jetzt mit der Bereitschaft aus, ihn aufzunehmen? – Viele stehen abseits; und wie nehmen wir ihn auf? Wie steht es mit meinem eigenen Christsein? Inwieweit habe ich mich durch seinen Einfluss tatsächlich innerlich verändert? Inwieweit glaube ich, dass er – der Sohn des Vaters – geboren wurde aus der Jungfrau Maria und da ist, gegenwärtig in der Kirche, im Wort der Schrift, im Sakrament, in meinem eigenen Herzen, wenn ich ihn empfangen habe? Kann ich ruhigen Gewissens sagen: Ich habe ihn aufgenommen?
Der heilige Bernhard von Clairvaux hat einmal ausgerufen: „Wir haben die frohe Botschaft vernommen: Jesus Christus, der Sohn Gottes ist und geboren in Bethlehem, der Stadt in Judäa. Die Botschaft lässt mich erschaudern. Mein Geist entzündet sich in meinem Innern…“ Können wir da mitgehen? Wie ruhig müssten wir dann sein, wie fröhlich, wie zuversichtlich und liebevoll zu allen Menschen!
Am Weihnachtstag werden wir von der Liturgie aufgefordert, beim Credo nieder zu knien, sobald die Worte kommen: „Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.“ Es ist ein wichtiger Hinweis, als Zeichen der Erfurcht und des Glaubens. Vielleicht ist der Glaube, dass er wahrer Gott und wahrer Mensch ist, überhaupt das Wichtigste am heutigen Festtag. Wir sollten nicht übersehen, dass Gott und seine Geheimnisse viel größer und tiefer sind, als sie unser Verstand zu fassen vermag. Der Evangelist bekennt: „Niemand hat je Gott gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“
Wahrscheinlich sollten wir viel mehr um Gnade bitten und Hilfe von Gott, damit der Glaube an den Sohn Gottes in unseren Herzen aufleuchtet und wir viel mehr auf ihn und seine Kraft bauen als auf uns und unsere Kraft. Von diesem Bewusstsein kommt der Frieden, der von Weihnachten ausgeht. Wir bauen darauf, dass uns der Vater den Sohn gesandt hat; dass wir nicht allein sind; dass er uns in allem beisteht, auch in unserer Schwachheit, auch dann, wenn wir versagt haben.
In der geheimen Offenbarung heißt es: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an. Wenn einer meine Stimme hört, mir die Tür öffnet, werde ich bei ihm eintreten.“ Gott ist Mensch geworden und klopft an unserer Tür an. Er kommt aber nicht als Fordernder. Er kommt als kleines Kind, wehrlos, demütig, zur Liebe einladend. Liebe ist das Merkmal seines ganzen Lebens: er tritt aus Liebe zu den Menschen für die Wahrheit ein, selbst dann, wenn dies Widerspruch auslöst; er heilt Kranke, seine Hilfe verweigert er niemals, er prüft nur mach mal die Ehrlichkeit und den Glauben jener, die um seine Hilfe bitten. Er gibt sein Leben hin zur Rettung aller Menschen und sagt, dass keine Liebe größer ist als jene, die ihr Leben für die Freunde hingibt.
Er nimmt uns nicht die Freiheit. Im Gegenteil, er sagt: „Die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8,32) und Paulus schreibt den Galatern: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1).
Wenn wir möchten, dass das Licht, das wir von der Weihnacht her empfangen, in uns wächst und bleibt, dann müssen wir uns Gott zuwenden, insbesondere dem Mensch gewordenen Gott und auf seine Stimme hören. Vor Pilatus, angesichts des Todes, sagt er: „jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“ (Joh 19,37). Es ist gut, sich zu fragen: Höre ich auf ihn? Höre ich auf ihn in allen Bereichen meines Lebens? Das ist wichtig für die Erfahrung von Weihnachten.
Dazu gehört immer auch, ob wir um Nächstenliebe bemüht sind, beginnend bei jenen, die an unserer Seite sind.
Auch die Erwägung, die Johannes in seinem ersten Brief anführt, darf nicht übersehen werden: „Schon leuchtet das wahre Licht. Wer sagt, er sei im Licht, aber seinen Bruder hasst, ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht.“ Wenn wir möchten, dass das Licht in uns entzündet wird, wird es daher nötig sein, uns den anderen zuzuwenden. Wir müssen verzeihen und verstehen lernen, Abneigungen abbauen, Frieden schließen, Liebe schenken wie es der Mensch gewordene Gottessohn uns gezeigt und gelehrt hat.
Friede sollte sich in unseren Herzen und in unserer Umgebung ausbreiten, wenn wir das Weihnachtsfest ernst nehmen. Bitten wir in diesen Tagen um den Heiligen Geist, wenn wir die Worte sprechen: „und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ und bemühen wir uns, seine Liebe in unseren Herzen zu tragen. Wenn das der Fall ist, wird er selbst das Licht anzünden bei uns und durch unsere gelebte Liebe auch bei den anderen. Es wird eine wahrhaft frohe Weihnacht sein. So werden wir ihn aufnehmen.
Maria und Josef werden uns beistehen, sie sind uns in ihrer totalen Offenheit für die Pläne Gottes ein Vorbild, sie zeigen uns, wie man dieses Kind aufnimmt, möge uns ihre Fürsprache beistehen.