Predigt am Gedenktag des hl. Josefmaria Escriva (im Wortlaut)

Liebe Brüder und Schwestern!

Die großen Fragen, die uns in der Kirche heute angesichts der ständig fortschreitenden, immer mehr Menschen, auch viele Gläubige erfassende Säkularisierung beschäftigen, lauten: Worin besteht die Aufgabe und die Wirksamkeit der Laien, worauf beruht sie und welche Rolle hat der Priester?

Dem hl. Josefmaria Escriva sind mit großer Klarheit wesentliche Ansätze für eine Antwort auf diese Fragen zuteil geworden.

Für ihn war ein Schlüsselerlebnis der 2. Oktober 1928. Er betreute zu dieser Zeit unheilbar Kranke in Spitälern und verwahrloste Kinder in den Randbezirken Madrids. Er war erst seit 2 Jahren Priester, also blutjung und hatte doch bereits so manches von der Not der Priester damals mitbekommen, auch die Spannungen in der Gesellschaft leidvoll erfahren. Er zog sich an jenem 2. Oktober für einen Tag in ein Einkehrhaus zurück, er wollte beten und nachdenken. Er ging seine geistlichen Aufzeichnungen durch, die in der Seminarzeit und in den Jahren danach entstanden waren, und auf einmal wurden ihm manche Zusammenhäng bewusst: "er sah", so drückte er sich später aus, wenn er sich auf jene geistliche Erfahrung bezog, "Menschen, die in der Welt leben (also keine Ordensleute waren), Angehörige aller Rassen und Nationen, Berufstätige aller Art, die Christus konsequent nachfolgen und mit ihm verbunden wirksam sind.

Ab jenem Zeitpunkt begann er neben seiner gewohnten priesterlichen Arbeit junge Leute um sich zu sammeln, zunächst nur Burschen und Männer, sehr bald auch Mädchen und Frauen. Er ermutigte sie zu einer radikalen Lebenshingabe an Gott und zum herzhaften Einsatz im Apostolat.

Das Opus Dei hat sehr klein begonnen und mit großen Schwierigkeiten: Manche hielten ihn für einen Schwärmer, andere betrachteten sein Ansinnen für abwegig, weil sie der Meinung waren, dass jemand in ein Kloster eintreten soll, wenn er in einer solchen Weise Gott dienen will. Später kamen noch andere Missverständnisse hinzu.

Das Opus Dei hat sich nach und nach ausgebreitet, es ist groß geworden, heute ist es in allen Kontinenten tätig.

Anfangs war der hl. Josefmaria der einzige Priester im Opus Dei. Bald erkannte er die Notwendigkeit von Priestern, die aus der gleichen Spiritualität hervorgingen und Verständnis für Menschen hatten, die mitten in der Welt lebend um eine Ganzhingabe des Lebens an Gott bemüht sind. Am 25. Juni 1944 wurde mit Erlaubnis des Heiligen Stuhles die ersten drei Priester des Opus Dei geweiht. Sie standen ganz im Dienste der Anderen und des Apostolates. Manchmal erklärte er ihre Aufgabe wie Jesus, der beim Fischfang seiner Jünger am Ufer steht.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Josefmaria Escrivá erkannte den universalen Charakter des Rufes Gottes, der an alle Getauften und Gefirmten ergeht.

Er erkannte mit großer Klarheit, dass die Sendung der Kirche nicht nur eine Aufgabe der Apostel, deren Nachfolger und engen Mitarbeiter ist, sondern aller Getauften und Gefirmten.

So kann die Kirche überall gegenwärtig werden, in einer Fabrik, an einer Universität am Marktplatz oder auf einem Berg, auch wenn dort weit und breit keine Kirche ist und kein Priester.

Er lehrte: Jeder Christ soll Christus sein (das gilt für Männer und Frauen, für Jung und Alt). Von der Gegenwart Christi in den Herzen der Christen stammt die Fruchtbarkeit eines Lebens, eines Einsatzes. Josefmaria sagte, dass es nicht ein Privileg des Priesters ist, Christus zu vergegenwärtigen. Aber es braucht den Priester, damit Christus auf dem Altar und in den Herzen der Gläubigen durch die Verkündigng des Gotteswortes, durch das sakramentale Geschehen und durch die Führung zu Christus hin zur Welt kommt.

Er betonte - bei Laien und Priestern - als Voraussetzung jeder wahren Fruchtbarkeit die Notwendigkeit des geistlichen Lebens. Ein Eisen, das erkaltet ist, kann seine Umgebung nicht erwärmen, wiederholte er manchmal.

Josefmaria Escrivá erkannte die Bedeutung der Arbeit im Leben jedes Christen, der im Beruf stehend Gott und den Anderen dient. Er bezeichnete die Arbeit als Achse der Heiligung, als Leuchter, auf dem das Licht Christi erstrahlen soll, auch als Gelegenheit, vielen Menschen zu begegnen bzw. dass viele Menschen Christus begegnen.

Alle diese Einsichten sind vom II. vatikanischen Konzil als richtig bestätigt und für die ganze Kirche als wichtig verkünder worden. Der hl. Josefmaria war zunächst sehr froh über diese Aussagen des Konzils, dann aber traurig, als er miterlebte, wie viele Priester und Ordenleute durch ein Missverständnis des Konzils verunsichert und verweltlicht wurden und wie das Laienapostolat oft flach, einseitig und nicht selten zu klerikal verstanden wurde.

Es ist richtig, wenn wir am heutigen Gedenktag ihn um Fürsprache bitten. Die Kirche verfügt über ein großes Potential an Wirksamkeit, wenn sie in den Seelen der Gläubigen erwacht, wenn Christen zu Christusträgern werden und wenn die Priester ihre Aufgabe dementsprechend wahrnehmen. Das bringt eine große Hoffnung mit sich.

Der hl. Josefmaria hat Maria sehr verehrt. Bitten auch wir sie um ihre Hilfe.