Predigt am Christtag 2006 (Wortlaut)

Liebe Brüder und Schwestern! Der Prolog des Johannesevangeliums führt uns direkt zum unergründlichen Geheimnis, das uns am Hochfest der Geburt des Herrn vor Augen gestellt wird. Gott ist Mensch geworden. Er hat unter uns gewohnt. Johannes bekennt: "Wir haben Seine Herrlichkeit gesehen".

Wir werden es nie ganz fassen können, was es bedeutet, und dennoch ahnen wir, dass sich durch dieses Geheimnis für unser eigenes Leben die wichtigste Perspektive eröffnet. "Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, Er hat Kunde gebracht."

Es ist nicht leicht für uns, dem Geheimnis der Menschwerdung des Gottessohnes näher zu treten. Für keinen Menschen ist es leicht. Er kommt aus einer Wirklichkeit, die wir nicht kennen. "Niemand hat je Gott gesehen."

Von Anfang an war es so: Die einen haben an Ihn geglaubt, die anderen haben nicht an Ihn geglaubt. Zu Seinen Lebzeiten waren es nur sehr wenige, die ihm Glauben geschenkt haben. Später hat sich der Glaube an Ihn und durch Ihn an den Vater, in der ganzen Welt verbreitet. Es gab aber auch unter jenen, die an Ihn glaubten, immer wieder Rückfälle in den Nicht-Glauben.

"Er kam in Sein Eigentum, aber die Seinen nahmen Ihn nicht auf", das bezieht sich nicht nur auf den historischen Augenblick der Menschwerdung oder die Jahre Seines irdischen Lebens.

In unserer Zeit ist es einerseits in einem gewissen Sinn schwieriger zu glauben und andererseits - ebenfalls in einem gewissen Sinn - dringender denn je.

Schwieriger ist es unter anderem, weil im modernen Lebensstil Tag für Tag so viele Bilder, Nachrichten und Eindrücke auf uns einwirken, dass wir oft wie betäubt sind. Ich möchte es mit einer intensiven und längeren Reise vergleichen, an deren Ende oder schon während deren Verlaufes wir sagen: Jetzt habe ich so viel gesehen und erlebt, ich kann nichts mehr aufnehmen. So bekommen viele keinen Zugang zum transzendenten Gott und zu seinen Geheimnissen. Ihr Herz und ihr Verstand sind schon von anderem erfüllt.

Schwierig ist es auch, weil der moderne Lebensrhythmus uns fesselt. Wir sagen: "Ich habe keine Zeit", z.B. für eine Einkehr, eine Fortbildung oder Lektüre. Eine andere Frage ist freilich, ob dies wahr ist, wenn wir bedenken, wie viel Zeit wir anderem widmen, das wir gerne tun oder das uns einfach wichtiger erscheint. Das kann ein Hobby sein, ein Ausgleich oder eine bestimmte Arbeit. Dem Konsumverhalten kommt in der Auswahl dessen, was wir tun oder nicht tun, sicher eine besondere Bedeutung zu. Wir nehmen uns nicht Zeit, um nachzudenken und sättigen die tieferen Sehnsüchte mit Irdischem ab. Glaube kann da schwer erwachen.

Heute scheint uns außerdem alles oder fast alles machbar. Es bestehen viele Möglichkeiten zur Selbstentfaltung. Die großen medizinischen und technischen Fortschritte erlauben immer mehr Eingriffe, auch bezüglich unserer Gesundheit, sogar solche, die den Anfang und das Ende des Lebens betreffen. Der Mensch ist versucht, "alles selbst in die Hand zu nehmen". Da ist der Glaube schwerer. Er scheint fast keinen Raum zu haben bei einem intelligenten, modernen Menschen. Der heutige Mensch ist versucht, selbst zu bestimmen, was richtig oder falsch, gut oder schlecht ist.

Freilich sind auch die Bedrohungen größer. Heute beginnen immer mehr Menschen mit einer neuen Klarheit den Satz des Evangeliums zu hören: "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an der Seele aber Schaden leidet?". Nicht wenige erfahren mitten im Wohlstand und bei aller Freizügigkeit, die man sich gegönnt hat, innere Leere und eine wachsende Unzufriedenheit, die oft tief im Herzen sitzt. Die Werke der Liebe gelingen nicht. Heute, am Ende des zweiten Jahrtausends sind die Grenzen des menschlichen Fortschritts deutlicher bewusst als in den vergangenen Jahrzehnten. Viele halten nach neuen Perspektiven - auch religiöser Art - Ausschau.

Wir sind eingeladen, Weihnachten ganz bewusst zu feiern. Es ist das Fest, das wie kein anderes die Nähe Gottes bewusst macht. Ein Weg wird uns eröffnet. "Das wahre Licht, das die Menschen erleuchtet, kam in die Welt".

Unsere Blindheit für Gott, unser Geblendetsein durch die vielen Bilder, die auf uns einwirken, können überwunden werden. Es tut uns wohl, wenn wir in uns gehen, vor allem zur Krippe, manche überflüssige "Bilder" abschalten, den Glauben erwecken, bzw. um ihn bitten. Er, Jesus, hat viele Blinde geheilt, auch Taube und Lahme, sogar Aussätzige.

Unsere Leere kann erfüllt werden. Die hl. Karmelitin Elisabeth von der heiligsten Dreifaltigkeit hat einmal geschrieben, man solle nie banal leben und das werde dann vermieden, wenn man im Bewusstsein der Gottesgegenwart. mit Christus lebe. Wir sollten das Verlangen haben, Ihn an diesem Weihnachtsfest aufzunehmen. Das ist freilich oft nur dann möglich, wenn wir unser Leben neu ordnen, für Gott Platz schaffen. Vielleicht könnten wir in unserem eigenen Herzen eine Krippe bereitstellen, indem wir uns für Gottesdienst, für Gebet und insbesondere auch für jene, die an unserer Seite sind, Zeit nehmen.

Johannes bekennt: "Wir haben Seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit."

In Ehrfurcht vor Gott, im Glauben an Christus lernen wir Lieben. lernen wir den Weg zur Freude und zum inneren Frieden.

So wünsche ich Euch allen. liebe Brüder und Schwestern, ein frohe Weihnachtsfest mit Zugang beim Vater durch den Sohn. der geboren aus die Jungfrau Maria. zu uns gekommen ist. Ihre Fürsprache wird uns beistehen.