Predigt am Christtag

Liebe Brüder und Schwestern! Ein großes Geheimnis ist im Tagesgebet des weihnachtlichen Hochfestes ausgedrückt. Für uns ist es nicht ganz fassbar: "Du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wieder hergestellt. Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat."

Wir sollen teilhaben an der Gottheit des Sohnes? Wie kann das gemeint sein? Wie soll das möglich sein? An die Worte der Weihnachtsbotschaft sind wir gewohnt, aber wer begreift sie?

Es ist mir auch schon passiert, dass mir jemand gesagt hat: "Ich habe den Eindruck, Sie reden von einer anderen Welt!" - ich habe immer dann gedacht und manchmal auch gesagt: Vielleicht ist es schwer verständlich, was ich sage? Vielleicht war es schlecht ausgedrückt? Vielleicht sprach ich aber tatsächlich von einer anderen Welt: Von Gott und seinen Geheimnissen, die in unsere Welt und in unser eigenes Leben hineinreichen und daher auch "unsere" Geheimnisse sind.

Wie lautet die Weihnachtsbotschaft? : Heute betonen viele an Christus und am Christentum das Menschliche. Sie sagen, das Entscheidende, Wesentliche des Christen bestehe darin, dass er wahrhaft Mensch sei. Demnach betrachten sie Christus allem anderen voran als höchstes Vorbild.

Diese Betrachtungsweise ist nicht unrichtig. Trotzdem besteht die Gefahr, dass die Glaubenswirklichkeit auf diese Weise verkürzt wird. Christus ist ein Mensch - uns in allem gleich, außer in der Sünde -, aber er ist auch wahrer Gott. "Und das Wort ist Fleisch geworden", haben wir vorher aus dem Johannesevangelium vernommen.

Die Weihnachtsbotschaft lautet: Gott ist Mensch geworden, um uns in seine Nähe zu rufen. Auf uns angewandt bedeutet die Botschaft nicht bloß die Ermahnung: "Werde Mensch! Lebe menschlich!", sondern "Empfange Gottes Leben!".

Heute wird viel von Selbstverwirklichung geredet. Sie mag ihre Bedeutung haben, muss aber richtig verstanden werden. Der Mensch kann nicht sein volles Glück finden, wenn er sich in sich selber verschließt. Es genügt auch nicht, wenn er an sich arbeitet und die eigenen Anlagen entfaltet. Er muss sich für Gott öffnen, erst dann wird er wahrhaft Mensch. Das hängt damit zusammen, dass Gott ihn erschaffen hat, und zwar als sein Abbild. Er ist gerade deshalb zur Liebe bestimmt, weil Gottes Wesen die Liebe ist. Zugleich erklärt das wohl auch, warum der Mensch in der Welt so schwer Erfüllung findet: Nur Gottes Liebe ist unendlich. Alle diese Zusammenhänge machen uns erst recht bewusst, warum durch die Menschwerdung des Gottes Sohnes das große Licht erstrahlt, das alle erleuchtet.

Die Kirchenväter sprechen von einem "wunderbaren Tausch". Gott wird Mensch, um den Menschen zu vergöttlichen. Der hl. Gregor von Nazianz hat das sehr schön mit den Worten ausgedrückt: "Gott nimmt die Armut meines Fleisches an, damit ich den Reichtum seiner Gottheit empfange". Wie ist das zu verstehen? Es übersteigt unsere Vorstellungen und dennoch sind diese Aussagen nicht bloß bildhaft.

Wenn wir den Menschen Jesus hören, vernehmen wir Gottes Stimme; wenn wir ihn und sein Leben betrachten, stoßen wir auf das Geheimnis des Sohnes, der zum Vater führt; wenn wir aufgrund seines Erlösertodes die Vergebung unserer Sünden erlangen, sind wir befreit von dem, was uns von Gott getrennt hat. Ihn selbst können wir empfangen, es ist ein unermessliches Geschenk. Ihn können wir aufnehmen in Wort und in Brot. Seine Liebe - es ist die in Christus sichtbar gewordene Liebe Gottes - kann in unseren Herzen Fuß fassen. Wir können dadurch lieben lernen. Ganz neue Horizonte eröffnen sich für unser Leben, auch im Alltag, im Umgang mit den anderen, in unserer Arbeit, in allen Situationen des Lebens. Wir lernen unser Leben mit den Augen Christi betrachten und es mit einer von ihm und seinem Geist inspirierten, allmählich wachsenden Liebe bewältigen.

Durch die Taufe, die uns mit dem menschgewordenen Gottes Sohn verbunden hat, wurde ein erster Keim seines Lebens in unsere Wiege gelegt. Es ist ein göttlicher Keim, den wir da empfangen haben. Dieser Keim wurde und wird durch Gebet, durch Empfang der Sakramente, durch Offenheit für die Regungen des Heiligen Geistes, der Christus hervorruft, durch unser Mittun entfaltet. Wir können Christus ähnlich und vereint mit ihm fähig werden, mit Gott zu leben. Wenn das konsequent geschieht, werden wir allmählich reif für das ewige Leben.

Unser Leben kann also durch Christus, in ihm und mit ihm zutiefst verändert werden. Johannes ruft uns zu: "Aus seiner Fülle haben wir empfangen."

Es ist daher wichtig, wenn wir in diesen weihnachtlichen Tagen das Kind, das in der Krippe liegt, verehren. Es ist angebracht, unser Knie zu beugen, wenn wir beim Credo sprechen: "Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden." Wir dürfen Mut fassen, weil wir in unseren Zielsetzungen, auch in unseren Mühen nicht nur auf unsere eigenen Kräfte angewiesen sind. Gott ist mit uns. Dankbar dürfen wir seine Nähe erfahren: Grundgelegt in seinem Leben auf Erden, wird uns diese seine Nähe, er selbst durch die Kirche und durch die ihr innewohnenden Heilsgeheimnisse geschenkt.

Es ist eine schöne Geste, wenn wir beim Gebet "Der Engel des Herrn" an unsere Brust klopfen, sobald die Worte kommen: "Und das Wort ist Fleisch geworden". Damit bringen wir zum Ausdruck: Er ist geworden wie ich und es ist wichtig, dass ich mit ihm eins bin: Im Alltag, damit ich nicht oberflächlich dahinlebe, sondern Gottes Gegenwart bedenke; in meinen Freuden und Hoffnungen, damit ich mit ihm den Vater im Himmel lobe und preise; auch in meinen Sorgen und Leiden, damit ich mir vor Augen halte, dass er mir in allem, auch im Leiden vorangegangen ist und mich immer seine Hilfe begleitet. Der Sinn unseres Lebens leuchtet auf, unsere Berufung wird deutlich, wir erkennen den Weg, der zum Ziel führt, und haben Hoffnung, ihn gehen zu können, denn Gott hat uns seinen Sohn gesandt und den Heiligen Geist, der uns beisteht.

Benützen wir Maria und Josef als Ratgeber und Fürsprecher, dann werden wir nicht fehlgehen und Christus wird mit uns sein.