Pilgerreisen boomen

Der Gottesdienstbesuch nimmt vielerorts ab und Religion und Kirche scheinen ihren Stellenwert in unserer Gesellschaft mehr und mehr einzubüßen. Und doch: Pilgerreisen "boomen" und das alte Wallfahrtswesen liegt wieder neu im Trend. Mariazell etwa verzeichnet, vorsichtig geschätzt, pro Jahr ungefähr eine Million Pilger. "Fußwallfahrten nehmen zu", bestätigt Pater Karl Schauer, Superior der Benediktinergemeinschaft in Mariazell, "und immer mehr Pilger kommen auch mit dem Fahrrad." Ein anderer österreichischer Pilgerweg ist auch überaus beliebt: Den Weg von Ferleiten an der Großglockner Hochalpenstraße bis Heiligenblut nehmen alljährlich am 28. Juni bis zu 5.000 Wallfahrer in Angriff.
Beim Phänomen Pilgern gibt es keine Altersgrenzen. Jugendliche suchen eine solche Erfahrung nicht nur bei Taizetreffen und Weltjugendtagen, und die mobilen, aktiven Pensionisten tragen nicht unwesentlich zu den Besucherströmen an Wallfahrtsorten bei.

Gott ist überall erfahrbar

Nicht immer sind Wallfahrten allein von religiösen Gedanken getragen. Manch einer pilgert nach Rom, um auch das touristische Programm zu genießen. Es gibt Kreuzfahrten nach Santiago de Compostela, die Rosenkränze und Sonnenbäder an Deck, Gottesdienste und Whisky an der Bar miteinander verbinden. Das, die Kommerzialisierung mancher Pilgerorte und ausufernde Wundergläubigkeit gaben und geben immer wieder Anlass zu Kritik am. Pilger- und Wallfahrtswesen. Zugleich gibt es dagegen auch den Einwand, dass Gott überall erfahrbar ist und nicht nur an bestimmten Gnadenorten.

Hintergründe für "boomen" und Trend

Ein Grund für die große Popularität der Wallfahrten liegt wahrscheinlich in der Kombination aus Gemeinschaftserlebnis und persönlich gelebter Spiritualität des Einzelnen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche als pilgerndes Gottesvolks dargestellt: Zusammen unterwegs sein, einander stärken und auf ein gemeinsames Ziel zugehen sind wesentliche Elemente einer Pilgerfahrt wie auch der Kirche als Ganzer. Gerade dort, wo das pfarrliche Leben - manchmal aufgrund von Personalmangel - geschwächt ist, kann die Wallfahrt die Gläubigen wieder neu zusammenführen und die Gemeinschaft stärken. Andererseits nehmen viele Menschen beim Wallfahren ihre individuellen Anliegen und Sorgen mit, um sie vor Gott und vor die Gemeinschaft der Heiligen zu bringen. Sie finden besonders im Gehen Zeit und Stille für ihr persönliches Gebet. Nicht selten wird so der Weg bedeutsamer als das Ziel.

Pilgerfahrt als Abbild des Lebens

Die Erfahrungen der Pilger decken sich mit anderen Lebenserfahrungen, wodurch die Pilgerfahrt zum Abbild des Lebens wird: aufbrechen in das Unbekannte, Wegstationen durchgehen, sich auf Begegnungen mit Fremden einlassen, Rast machen, sich stärken und sich wieder aufmachen - immer das Ziel vor Augen. Das Wahrnehmen der Natur schenkt zudem Ruhe und schärft die Sinne für die Schönheit der Schöpfung - und manchmal auch für den Schöpfer. Das Wallfahren allein macht noch keinen Heiligen. Wenn aber am Ende der Wallfahrt etwas bleibt und weitergeht, dann wird sie christliches Leben und Glauben vertiefen.

Aus Kirchebunt vom 3. August
Foto: F. Bertl