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Päckchen der Hoffnung

Wenn die feuchte Kälte übers Land zieht und die Gitter vor den Fenstern mit Eis überzieht, werden die Nächte lang und einsam. Wenn dann noch von Ferne leise Advent- und Weihnachtslieder erklingen, geht die Realität in den Haftanstalten schmerzlich unter die Haut. „Es gibt viele, die diese Zeit nachdenklich stimmt“, erzählt Gefangenenseelsorger Mag. Leszek Urbanowicz von Krems-Stein. Getrennt von Familie und Freunden müssen die Inhaftierten ihre Zeit hinter Gittern verbringen. Viele von ihnen wurden von Freunden und Verwandten bereits „abgeschrieben“. Nicht abgeschrieben sind sie für die Katholische Frauenbewegung. „Egal, was diese Menschen getan haben. Sie sollen erfahren, dass andere Menschen an sie denken“, erklärt die Diözesansekretärin der katholischen Frauenbewegung, Elfi Haindl.
Jahr für Jahr initiiert sie die Weihnachtspackerlaktion, durch die jeder der Häftlinge einen keinen Weihnachtsgruß erhält: eine Tafel Schokolade, eine Packung Schnitten, einige Säckchen Löskaffee und eine Weihnachtskarte. Und dennoch - für den Empfänger ein großes Geschenk, das tief unter die Haut geht. „Ich wünsche, dass alle, die ein solches Päckchen verschenken, wenigstens einmal erleben dürfen, was ich erlebe und sehe: feuchte Augen, Tränen, stammelnde Worte des Dankes und sehr, sehr viel Herzlichkeit“, schildert Leszek Urbanowicz. Zwei Wochen lang verteilt er persönlich die Weihnachtspäckchen an die 900 Inhaftierten – für viele der einzige Gruß von „draußen“. Die Weihnachtskarten - mit einem Namen gezeichnet - weisen hin, dass dahinter ein Mensch steht der nicht verurteilt, sondern an jene denkt, die – schuldhaft oder durch andere Umstände aus der Bahn geworfen – von vielen verurteilt werden.

Lange Tradition

Seit 1979 gibt es diese „Weihnachtspackerlaktion“ für Häftlinge, Obdachlose, psychisch Kranke und Gäste der Emmausgemeinschaft. Damals wurde sie noch mit der Katholischen Jugend durchgeführt. „Etwa 51.000 Weihnachtspäckchen haben wir seitdem verpackt und verteilt“, erzählt Haindl. „Wir haben kein Recht Menschen zu verurteilen, auch wenn sie Unrecht begangen haben“, verteidigt sie diese Aktion, die zum Großteil an Inhaftierte geht. Für viele einer der wenigen Kontakte zur Außenwelt. Anstaltsseelsorger Rektor Urbanowicz bestätigt: „Die Strafe soll nicht Rache sein, sondern Mittel innerer Reinigung“. Nicht Schläge und Zynismus, sondern nur Zuneigung und Wärme können Menschen heilen. Er schildert: Jahrelang haben Häftlinge noch die Weihnachtskarten mit dem Gruß an ihre Pinwände geheftet. Sie seien ein Zeichen, dass es nicht nur Härte, Verurteilung und Strafe gibt, sondern auch Vergebung und Zuneigung. Und dass es auch für jene die Unrecht getan haben, Hoffnung geben kann.
„Auch für uns heißt es oft, über den eigenen Schatten der Vorurteile zu springen“, gibt Elfi Haindl zu. Nicht immer sei es leicht, diese Päckchen zu schnüren und an die jüngste Schlagzeile von gestern zu denken „Frau brutal misshandelt“. Sie zeigt einen Brief, den die Frauenbewegung erhalten hat: „... Ich habe noch ein paar Jahre vor mir. Doch heuer bekam ich eure Adresse und möchte mich für das heurige und alle vorhergegangenen Päckchen bedanken. Es würde mich interessieren, wie kommen Sie auf die Idee gerade uns, den Verbrechern, zu helfen? … Ich bedanke mich bei allen, die ihre Zeit für andere Menschen opfern, ohne Unterschiede zu machen“.

Weihnachten konkret

Jahr für Jahr ruft die Frauenbewegung auf, Süßigkeiten wie Schokolade und Schnitten, Kekse und Löskaffe für jene zu spenden, die gerade zu Weihnachten einsam sind.
Der Großteil der 1700 Weihnachtspäckchen, etwa 1.400, geht zu den Inhaftierten in Krems-Stein, Krems und St. Pölten. Die übrigen an die Obdachlosen im Haus Kalvarienberg, an die Frauenwohngruppe und an Gäste der Emmausgemeinschaft.
Sie zählt auf die MitarbeiterInnen in den Pfarren. „Immer mehr Frauengruppen beteiligen sich an dieser Aktion“, freut sich Elfi Haindl. Groß ist auch die Freude bei jenen, bei denen Weihnachten aus der Erinnerung wieder zu einer neuen Realität wird. Dann wird „Geburt des Herrn – Geburt der Liebe“ neu und konkret erlebt. Weihnachten wird Wirklichkeit.