Osterpredigt 2008 (im Wortlaut)

Liebe Brüder und Schwestern!

Ostern ist nicht nur ein Frühlingsfest, ein willkommener Anlass zu Ostersparziergängen und zur Entlüftung von Kleidung und Seele. Ostern eröffnet eine völlig neue Perspektive, eine große Hoffnung.

Im Bericht des Evangeliums über die Besuche des Grabes, indem der Leichnam Jesu bestattet war, sind wichtige Beobachtungen enthalten: Maria von Magdala "sah", dass der Stein vom Grab entfernt war und berichtete den Aposteln, man habe den Herrn aus dem Grab weggenommen und sie wisse nicht, wohin man ihn gelegt hat.
Petrus, der als Erster das Grab betrat, "sah" die Leinenbinden da liegen, mit denen der Leib Jesu eingewickelt gewesen war. Das Schweißtuch, das auf dem Kopf gelegen hat, lag abseits.
Und der Jünger, den Jesus liebte - es war Johannes -, er "sah" das alles ebenfalls, aber von ihm heißt es: "Er sah und glaubte".

Ostern ist das Fest eines unerhörten Sieges: Es betrifft etwas, das wir nicht direkt "sehen" können, es gibt aber Zeichen dafür und ist zentral für unser Dasein. Christus hat durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung diesen Sieg errungen.
Der hl. Paulus schreibt den Kolossern, es gilt auch uns: "Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!"
Das bedeutet nicht, dass unser Leben jetzt unwichtig wäre, im Gegenteil; wichtig ist vielmehr, dass wir es richtig nützen. Manches, vieles in diesem Leben ist hinfällig; wesentlich ist, dass wir das Bleibende, Ewige, das in jedem Leben, auch in unserem Alltag, sogar in jedem Augenblick verborgen liegt, ergreifen, und dass sich dieses Bleibende, Ewige immer im Verlaufe unseres Lebens mit der Gnade und als Frucht unseres Bemühens allmählich festigt und vermehrt.

Manchmal denke ich an ein Gespräch während einer Zugfahrt mit einem jungen Mann, der mir unbekannt war, der mich aber nach einiger Zeit des Schweigens anredete und u.a. sagte: "Nach dem Tod ist alles aus." Ich entgegnete ihm: "Sie sind so sicher? Und wenn es doch wahr wäre, dass es ein Leben nach dem Tod gibt?" Es entwickelte sich zwischen uns ein interessantes Gespräch.
Heute beurteilen viele das eigene Leben und das der anderen nach der sogenannten "Lebensqualität".
Schon vor der Geburt wird mit modernsten medizinischer Technik überprüft, ob das Kind sicher gesund ist. Nicht wenige sind der Meinung, ein behindertes Kind könne den Eltern nicht zugemutet, vor allem das Kind selbst müsse vor einem Leben mit Behinderung bewahrt werden. Das Leben wird nur dann als lebenswert betrachtet, wenn es bestimmten Vorstellungen entspricht, und so kommt es, dass - wie vor Kurzem geschehen - sogar das Höchstgericht unseres Landes einen Arzt zum Schadenersatz verurteilt, weil er die Behinderung nicht rechtzeitig bemerkt und darauf nicht hingewiesen hat. Und so kam es, dass dieses behinderte Kind nicht abgetrieben worden ist. Es ist traurig, dass so etwas möglich ist; es ist die Folge einer verkürzten Sicht dessen, was das Leben ist. Wird es bald auch bei uns die Möglichkeit der Euthanasie geben, wie es in einigen Ländern bereits Gang und Gäbe ist? Die Logik, die dazu führt, ist dieselbe wie beim Lebensbeginn. Bei schwerer, vielleicht nicht mehr heilbarer Krankheit, im Alter beim Abnehmen der Lebenshälfte oder beim Zusammentreffen unglücklicher Umstände kann die Frage aufbrechen, ob so ein Leben einen Sinn hat, ob es lebenswert ist. Wachsamkeit ist angebracht, damit nicht fatale Denkweisen überhand nehmen.

Der Glaube sagt uns, dass jedes menschliche Leben wertvoll ist, jeder Tag, jede Stunde des Lebens ihre Bedeutung hat, auch dann, wenn es uns nicht gut geht. Wir sind dazu erschaffen, damit wir Gott erkennen und lieben lernen, an den Lebensprüfungen reifen, in der Liebe wachsen und eines Tages mit ihm, dessen Liebe unendlich ist, ewig leben. Die Auferstehung Jesu ist uns Garantie dafür. "Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten" (Kol 1,18).

Ostern ist das Fest des großen Aufbruchs Christi aus der Welt in ihren Ursprung hinein. Verbunden mit ihm, der Gottes unendliche Liebe gebracht und den Tod besiegt hat, dürfen wir von einer festen Hoffnung erfüllt sein.
Wir müssen um den Heiligen Geist bitten, damit er uns die Augen des Herzens öffnet und wir nicht nur bei dem stehen bleiben, was die Augen des Leibes "sehen" können, nicht an den sichtbaren Zeichen hängenbleiben, sondern zu dem vordringen, was sie bezeichnen: So verbergen sich in der Eucharistie unter den sichtbaren Gestalten von Brot und Wein in geheimnisvoller, unsichtbarer, sakramentaler Weise Leib und Blut des Herrn, Leib und Blut des durch das Leiden und Sterben hindurch gegangenen, auferstandenen, lebendigen Christus; und in Christus selbst verbirgt sich unter seiner menschlichen Gestalt die Gottheit des menschgewordenen Sohnes. Wir selbst tragen Gottes Ebenbild in unseren Herzen. Unsere Ohren müssen sich mit dem Beistand des Heiligen Geistes auftun, damit Gottes Wort in unser Leben eindringt, unser Herz weitet, wahre Liebe weckt und uns die echten, bleibenden Güter und Werte erkennen lässt, die Ziele unseres Strebens sind. Die Wunden, die Jesus nach der überstandenen Kreuzigung an seinem auferstandenen Leib trägt, sind uns Trost und Zeichen, dass er uns erlöst hat und wir Mut fassen dürfen trotz unserer Schwachheit. Sein Leben belebt uns, ermutigt, führt uns dem eigentlichen Ziel entgegen.

Wahre Osterfreude soll uns erfüllen! "Im Osterlob", das die Kirche seit uralter Zeit alljährlich am Osterfest anstimmt, ruft Maria von Magdala den Jüngern zu: "Er lebt, der Herr, meine Hoffnung, er geht euch voran nach Galiläa." Wo immer wir uns befinden und was immer auf uns zukommt, immer werden wir darauf bauen dürfen, dass der Herr uns vorausgeht und seine Hilfe niemals fehlen wird. Bitten wir Maria um ihre Fürsprache.