"Nicht vom Brot allein lebt der Mensch"

Ein Ende der Esoterikwelle konstatierte der Wiener Universitätsassistent Dr. Karl-Heinz Steinmetz bei seinen Ausführungen über "die Vielfalt der Spiritualität heute" beim Forum Ostarrichi des Katholischen Laienrates Österreichs am 22. August in Neuhofen/Ybbs. Die Ursachen liegen unter anderem auch in den Ereignissen vom 11. September 2001, sagte er. Die Esoterikwelle habe sich seitdem zunehmend in andere Bereiche, vor allen in den Wellnessbereich verlagert. Das Forum Ostarrichi tagt noch bis Sonntag, dem 24. August. In seinen Ausführungen meinte Steinmetz, dass sich seit 11. September 2001 das Interesse auf andere Bereiche wie Islam und evangelikales Christentum fokussiert habe, was zu einem "Wiedererwachen des Monotheismus" führte. Andererseits sei die esoterische Dauerwelle nicht gänzlich verschwunden, sondern habe sich in andere Bereiche, etwa den Wellnessbereich, umgeschichtet. Dabei kam es zur Neuentdeckung eines "esoterischen Christentums", was sich auch in den Hitlisten der CD´s mit Choralgesängen niederschlage. Diese Art Esoterik orientiere sich heute zunehmend auf "außergewöhnliche Erfahrungen", ohne weiter in die Tiefe zu dringen.

Dr. Steinmetz vom Institut für Theologie der Spiritualität an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Wien stellte vor allem drei markante Suchbewegungen der Esoterikwelle fest. Diese sei einerseits die religiös-spirituelle Suche in den christlichen, vor allem protestantischen und der jüdischen Religion, andererseits eine "fast atheistische Suche", die das Leben als Spaß und "fun" auffasse sowie eine "agnostisch - pragmatische Suche religiöser Analphabeten", die keinen Zugang mehr zu christlichen Symbolen und Grundlagen haben.
Von diesen werden heute "in einer Zeit der Vermassung und Fragmentierung" vor allem die Frage nach der eigenen Person und dem eigenen Ich gesucht, sowie eine Vernetzung mit anderen Menschen, erklärte Steinmetz. Viele Menschen seien heute "psychisch obdachlos". Sie begeben sich auf Suche nach Erfüllung, auch virtuell im Internet. Direkte Begegnungen von Mensch zu Mensch, etwa bei einem gemeinsamen Mahl seien für viele bereits eine Ausnahme.

Herausforderung für die Pastoral

Diese Tendenzen müssten heute auch eine Herausforderung für die Pastoral sein, so Steinmetz. Die Sinnfrage und die Fragen des Menschen nach sich selbst seien wieder dringlicher denn je geworden. Mit fertigen Inhalten werde es aber nicht gelingen, zu den suchenden Menschen eine Brücke zu schlagen, erklärte er. Oft seien einfaches Zuhören und einfache Gespräche die beste Begegnung.
Zur aktuellen Plakatserie der Diözese St. Pölten, in der Jugendliche der verschiedenen Jugendszenen wie Emos, Hip-Hopper, Punks und Krocha angesprochen werden, meinte Steinmetz: Es sei heute wichtig, die Suchbewegungen von Jugendlichen wahrzunehmen und zu schätzen. Sie hätten ein Recht darauf. Pastoral gesehen sei es "klug, diese Szenen aufzugreifen, ernst zu nehmen" und pastoral zu nutzen.

Spiritualität - Leben aus der Taufe

Auf die "christliche Spiritualität" ging der emeritierte Wiener Dogmatiker Univ. Prof. Dr. Josef Weismayer ein. In seinen Ausführungen versuchte er die Spiritualität als "Leben aus dem Geist Christi" zu interpretieren. Christliche Spiritualität sei, so der Dogmatiker, "bewusstes Leben aus der Wirklichkeit der Taufe".
Vier Gesichtspunkte zeichnen eine echte christliche Spiritualität aus, wies Weismayer hin. Diese seien bewusstes Leben aus dem Wirken Gottes, in dem sich der Mensch geborgen und getragen weiß, weiters beinhalte echte christliche Spiritualität Gemeinschaft mit dem gekreuzigten Herrn, aber auch Leben in der Gemeinschaft der Kirche, zu der auch Interesse, Sorge und Liebe zu ihr gehöre. Und schließlich bedeute echte Spiritualität auch ein Leben der Hoffnung für diese Welt, ein "Leben in der Spannung des Schon-Daseins der Macht Gottes in der Welt und des Noch-nicht-vollendet-Seins".

Zwei Lebensformen - eine Spiritualität

Als "Sackgasse" bezeichnete der Theologe das Auseinanderdividieren der Spiritualität in den zwei Lebensformen, dem der Gebote und der Räte, wie sie in der Bulle von Papst Urban II. im Jahr 1092 dargelegt seien. Diese Lehre habe Jahrhunderte lang die Vorstellung christlicher Spiritualität geprägt, wobei der Weg der Räte als der bessere dargestellt wurde, bedauerte Weismayer. Erst das Zweite Vatikanische Konzil habe diese Vorstellung verworfen und betont, dass alle Christen zur Heiligkeit berufen seien. Es gebe nur eine Berufung der Christen, betonte Weismayer, aber viele Wege, die dorthin führen. Dennoch sei es legitim, von einer Pluralität der Spiritualitäten zu sprechen, die durch Personen oder Inhalte bedingt seien.

Heiligen nachzufolgen werde oft als Weg christlicher Spiritualität bezeichnet. Diese Nachfolge dürfe aber nicht zum Nachahmen und Nachmachen führen - Heilige sollten vielmehr "ansteckend" sein, die eigene Spiritualität zu leben.
Als Kriterien ob eine Spiritualität wirklich christlich sei stellte Weismayer fest: echte Spiritualität nehme den Menschen in seiner Freiheit und Individualität ernst, sie sei eine echte menschliche Erfüllung, sei kritisch gegenüber plötzlichen Eingebungen und trage positive Früchte, die dem Aufbau der Gemeinde dienen.