Neujahrsansprache im ORF (im Wortlaut)

Liebe Hörerinnen und Hörer! Für viele Menschen bedeutet Silvester vor allem einen Anlass zu Unterhaltung und Ausgelassenheit. Es kann ja auch gut sein, manchmal alle Sorgen beiseite zu lassen und abzuschalten, um Kraft für einen Neuanfang zu sammeln. Der Jahreswechsel ist aber sicher auch eine Einladung zum Nachdenken.

Der hl. Augustinus schreibt in seinem Buch "Bekenntnisse", in jedem Menschen gehe stetig etwas vor, was zum Sterben führt. Zeit ist ein Schatz, der jedem von uns in begrenzter Menge zugeteilt ist. Nur Gott weiß wie viel es ist, wir wissen es nicht; klar ist aber jedenfalls, dass unsere Zeit, die Zeit unseres Lebens hier auf Erden, begrenzt ist, und die Änderung der Jahreszahl, die heute Nacht einmal mehr geschieht, ist ein Hinweis, dass unsere Zeit fortschreitet und wir sie gut nützen müssen, wenn wir unserer Verantwortung entsprechen wollen.

Wir dürfen -jedenfalls aus dem Blickwinkel unseres Landes- auf ein gutes Jahr zurückblicken: es war ein weiteres Jahr in Frieden und Wohlstand. Auch vor Katastrophen wurden wir bewahrt. So konnten wir anderen helfen, so wie diese es vor drei Jahren uns gegenüber getan haben. Das war ein schöner Zug. Wir haben guten Grund dankbar zu sein. Ich meine, wir sollten Gott dafür danken, denn er ist der Ursprung alles Guten, der Schöpfer und Lenker aller Zeiten.

Wir haben ein Neues Jahr vor uns. Österreich wird im 1. Halbjahr in der Europäischen Union die Präsidentschaft übernehmen. Das mag zwar das Leben des Einzelnen nur wenig oder gar nicht beeinflussen, aber es macht unsere Verantwortung bewusst. Unser Land gehört heutzutage zu den reichsten Ländern Europas. Wir haben Glück. Durch die Erweiterung der EU und die Öffnung der Länder im Osten Europas liegt Österreich geographisch günstig. So ergeben sich wirtschaftliche Vorteile. Geld ist aber nicht alles. Ich halte es für ein Gebot der Stunde, dass wir als Söhne und Töchter unserer Heimat unsere Verantwortung als Europäer wahrnehmen. Die wirtschaftlichen Belange dürfen nicht unsere einzige Sorge sein.

Zunächst persönlich: Es ist notwendig, Europa eine Seele zu geben und das fängt beim Einzelnen an. Heute ist es wichtiger denn je, klare Prioritäten zu setzen und das Leben so zu gestalten, dass es fruchtbar wird und zur Erfüllung führt. Mit anderen Worten: Wir müssen - ohne zu viel nach rechts oder links zu schauen - dafür Sorge tragen, dass unser Leben christlich ist. Bedenken wir jedoch: niemand kann sich auf die eigene Rettung beschränken. Es ist höchste Zeit, dass wir im Wissen um unsere Verantwortung herzhaft für jene Werte eintreten, die nicht nur für den Einzelnen, sondern für eine gesunde Entwicklung der Gesellschaft von größter Bedeutung sind. In Europa ist das Leben bedroht: das noch nicht geborene in fast allen Ländern, auch bei uns. In mehreren Ländern wurde die Euthanasie bereits eingeführt. Wir müssen wachsam sein, dass sie nicht auch bei uns Einzug hält. Die Familie auf der Grundlage der Ehe, und vor allem die Kinder bedürfen unserer Unterstützung. Auch da gibt es immer wieder Vorstöße in die falsche Richtung. Den Sonntag müssen wir verteidigen. Es fehlt aber nicht an Stimmen, die ihn ständig zu unterminieren suchen. Gilt nur der wirtschaftliche Vorteil als entscheidendes Kriterium? Ich mache auch aufmerksam: Die Freiheit der Meinungsäußerung muss -unter Wahrung der Rechte sowohl des Einzelnen als auch der Gemeinschaft- verteidigt werden. Wirtschaftliche Interessen ohne Bindung an Ethik können zu einer Gefahr dieser Freiheit werden! Ich habe den Eindruck, dass von gewisser Seite versucht wird, lästigen Lebensschützern den Mund zu verbieten. Verzeihen Sie mir mein offenes Wort, aber ich halte es für angebracht.

So wünsche ich Ihnen Gottes Segen für das Neue Jahr. Möge Ihnen Gottes schützende Hand in allem, was Sie an Gutem unternehmen, beistehen.