Neue Wege in der Seelsorge - Interview im Diözesanjahrbuch 2008

Mit Diözesanbischof DDr. Klaus Küng sprach Hans Pflügl In der Diözese findet derzeit ein Entwicklungsprozess zu einem neuen Pastoralplan statt. Priester, Diakone, Pastoralassistenten, Religionslehrer und zahlreiche Mitglieder von Laienbewegungen sowie Gläubige aus Pfarren und Erneuerungsbewegungen sind mit eingebunden. Ziel ist es, die Pastoral den heutigen Anforderungen und neuen Herausforderungen anzupassen, damit Christus möglichst vielen Menschen in der Diözese gegenwärtig wird. Mit Bischof DDr. Klaus Küng führten wir folgendes Gespräch.

Der Entwicklungsprozess zu einem neuen Pastoralplan hat begonnen. Von vielen Gläubigen wird er mit großen Hoffnungen und auch mit vielen Fragen begleitet. Was ist ein "Pastoralplan" und wozu soll er dienen?

Bischof:Beim Pastoralplan geht es um die Ziele, Perspektiven und Prioritäten in der Seelsorge in unserer Diözese. Es geht um die Frage: Was ist grundlegend und wesentlich, damit Gottesbegegnung und Gestaltung des Lebens aus dieser Gottesbeziehung in der heutigen Zeit ermöglicht und bestärkt wird? Ein fruchtbarer Pastoralplan baut auf Christus, auf das Evangelium und die vielfältige Erfahrung und Lehre der Kirche auf, berücksichtigt aber gleichzeitig auch die Gegebenheiten der heutigen Lebensweise und die Fragen der Gesellschaft, ebenso wie die vorhandenen personellen und finanziellen Ressourcen unserer Kirche, in der wir insbesondere die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärken wollen.

Warum ist dieser Prozess überhaupt notwendig geworden, und was soll damit letztlich erreicht werden?

Bischof:Ziel des Entwicklungsprozesses zu einem neuen Pastoralplan ist, dass wir gemeinsam die Zukunft der Kirche in unserer Diözese gestalten. Auf dem Weg dorthin wird es einen regen Austausch und viele Begegnungen geben, bei denen jede und jeder Gläubige eingeladen ist, mitzutun. Vieles können wir erreichen, wenn wir die vorhandenen Kräfte gut nützen und auf die Talente - gerade auch unter den Gläubigen in unserer Diözese - bauen.

"Kirche auf dem Weg -gemeinsam die Zukunft gestalten" ist das Motto des Entwicklungsprozesses. Worin kann oder soll sich diese seelsorgliche Arbeit von der bisherigen unterscheiden?

Bischof: Die pluriforme Gesellschaft mit einer Vielzahl von Ideologien und Weltanschauungen hat die Lebensweise vieler Menschen stark verändert, womit auch die Pastoral heute vor neue Aufgaben gestellt ist. Die weitgehend säkularisierte Atmosphäre im öffentlichen und privaten Leben, die damit erfolgten Einbrüche in der Tradition stellen andere Anforderungen an die Pastoral, als wir sie bisher gewohnt waren.
Die Familie als kleinste Zelle der Gesellschaft ist ein Spiegelbild dafür. Vielen Kindern fehlt gerade in religiöser Hinsicht der Rückhalt in der Familie. Die neuen Verhältnisse machen nicht nur neue Akzentsetzungen in der Seelsorge nötig, sie erfordern viel mehr als früher die Initiative, das Mittun der Familien. Zudem ist der Religionsunterricht an den Schulen viel schwieriger geworden. Die Schüler sind oft schon von klein auf mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen konfrontiert. Es braucht neue Ansätze, andere Vorgangsweisen und Ausbildungen, die zur Bewältigung der heutigen Gegebenheiten befähigen. Das bietet auch Chancen zu echter Erneuerung.

Im Rahmen der Neuüberlegungen wird auch über Strukturen gesprochen. Welchen Stellenwert haben neue Strukturen in der Pastoral und was sollen sie bewirken?

Bischof: Unsere Diözese ist stark josephinistisch geprägt: die Pfarren wurden so errichtet, dass alle Gläubigen bis zu ihrer Pfarrkirche nicht mehr als eine Stunde zu Fuß zurücklegen brauchten. Das Ziel war eine bestimmte kirchliche Praxis, die für alle gegolten hat und eine weitgehend landwirtschaftlich geprägte, jedenfalls eine direkt am Ort tätige Bevölkerung voraussetzte.
Wir haben viele Pfarren und nicht so viele Priester. Manche kleine Pfarre ist allein nicht mehr lebensfähig. Es ist klar, dass ein Zusammenrücken nötig ist, auch eine Vereinfachung in der Verwaltung. Es führt zu Überlastung und ist auch nicht zielführend, wenn in kleinen Pfarren parallel zu den benachbarten Gemeinden alle Tätigkeiten aufrechterhalten werden. In Zukunft soll sich jede Gemeinde auf das konzentrieren, was sie gut kann, wofür Talente und Charismen da sind.
Für die Zusammenarbeit gibt es im Wesentlichen zwei Modelle: mehrere Pfarren gehen zu einer einzigen zusammen oder sie bilden einen Verband weiterhin selbständiger Pfarren mit einer engen Zusammenarbeit.
Manche Angebote wird man überpfarrlich entwickeln: zB die Jugendarbeit, die Familienpastoral, Besinnungsangebote. Das Ziel ist eine qualitative Verbesserung, und zugleich die Vermeidung eines unnötigen Kräfteverschleißes bei den Seelsorgern und den Mitarbeitern. Auch wo kein eigenständiges Pfarrleben in allen Belangen möglich sein wird, sollen in möglichst allen Kirchen und Kapellen die kleinen Zellen des religiösen Lebens erhalten bleiben.

In der inhaltlichen Auseinandersetzung wird immer wieder auch von "Kernkompetenzen" gesprochen. Kann man diese vereinfacht als Verkündigung, Liturgie und Diakonie bezeichnen?

Bischof:Verkündigung, Liturgie und Diakonie sind tatsächlich die drei Grundsäulen kirchlichen Lebens. Keine der drei Säulen darf fehlen. Was ist damit gemeint: Zur Verkündigung gehören nicht nur die Predigt des Priesters am Sonntag, sondern auch der Religionsunterricht der Kinder und Jugendlichen, ebenso Katechesen für Erwachsene oder Glaubensvertiefung in Familien. Mit "Liturgie" bezieht man sich nicht nur auf den Gottesdienst am Sonntag oder auf eine "Vesper". Auch die Spendung der Sakramente ist "Liturgie" wie zB das Überbringen der Krankenkommunion oder die Feier von Anlässen vielfältiger Art oder auch die gewohnten Andachtsformen. "Diakonie" betrifft die Sorge um alle Menschen in Not, Alte, Kranke, Arme, Drogenabhängige, Einsame, Verzweifelte.

Wird sich die Kirche in der Diözese künftig auf diese "Kernkompetenzen" reduzieren müssen?

Bischof: Sich auf die Entfaltung dieser drei Säulen zu konzentrieren ist keine "Reduktion". Es gibt Reduktionen, die negative Auswirkungen haben. So wären zB die Eucharistiefeier systematisch durch Wortgottesdienstfeiern oder die persönliche Beichte durch Bußfeiern zu "ersetzen" oder in einer Gemeinde an Werktagen prinzipiell keinen Gottesdienst anzubieten, der Seelsorge widersprechende Verdünnungen.
Es gibt aber auch manches, bei dem man sich fragen muss, ob es wirklich nötig ist, ob es sich bewährt hat oder als Belastung erlebt wird und vielleicht sogar vom
Wesentlichen ablenkt. Die Bemühung um Verbesserung bedeutet nicht unbedingt ein Mehr an Aktivität oder Personal. Manchmal kann es nötig sein, sich von Altem zu verabschieden, um sich Neuem zuzuwenden, damit die Botschaft des Evangeliums wieder stärker in die Mitte rückt.

Neue Wege gehen bedeutet, ausgetretene und gewohnte Pfade verlassen. Werden viele Gläubige diesen Weg mitgehen wollen - und wie können sie dafür gewonnen werden?

Bischof:Eine echte geistige und geistliche Erneuerung wird dann gelingen, wenn der Entwicklungsprozess und die daraus folgenden Maßnahmen von einer spirituellen Tiefe getragen sind. Eine Frage ist allem anderen voran: Was will Gott von uns? Was brauchen die Menschen? Das ist ein wesentlicher Aspekt des Entwicklungsprozesses zum Pastoralplan. Die Aufgabe, die die Kirche hat, lautet: Christus, den Weg, die Wahrheit und das Leben zur Welt bringen, nicht nur auf den Altären, sondern in den Herzen der Menschen und in ihren Häusern. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er braucht die Zuwendung Gottes, er braucht Heilung und Erlösung, um sich ganzheitlich zu entfalten.

Herr Bischof, Sie weisen in Ihren Predigten und Aussagen in Zusammenhang mit dem Pastoralplan immer wieder darauf hin, dass jeder einer inneren Umkehr des Herzens bedarf.

Bischof:Die eigentliche Grundlage einer Entwicklung im Glauben, einer tiefen religiösen Erneuerung ist die persönliche und gemeinsame Begegnung mit Gott, insbesondere mit dem menschgewordenen Gott, mit Jesus Christus. Er ist es, der den Frieden ins Herz bringt, die Liebe weckt, einen Menschen, eine Familie, eine Gemeinschaft verwandelt.

Wie kann diese Besinnung auf das Wesentliche bei möglichst vielen Christen angeregt und begleitet werden?

Bischof: Die Sendung der Kirche ist nicht allein Aufgabe der Apostel und deren Mitarbeiter, sondern aller Getauften und Gefirmten. Eine besonders wichtige Verantwortung tragen die Eltern für ihre Kinder, ihnen den Glauben und das christliche Leben weiterzugeben. Christus unter den Menschen zu vergegenwärtigen ist nicht ein Privileg des Priesters, auch wenn sein Dienst unersetzlich ist und eine Voraussetzung für das Wirksamwerden der anderen Gläubigen darstellt. Denn alle Christen sind berufen, missionarisch zu sein. Das setzt freilich voraus, dass ihr Denken, Reden und Handeln von Christus und seinem Geist geprägt ist.
Jede Frau und jeder Mann, jede und jeder Jugendliche kann ein Anfang für eine echte Erneuerung sein. Wenn es viele sind, wird in einer Gemeinde, in einer Gegend, in einem Land ein Umschwung eintreten.

Herr Bischof, Sie haben von einer breiten Einbindung der Gläubigen in den Entwicklungsprozess auf der Suche nach neuen pastoralen Wegen gesprochen.

Bischof: Der Entwicklungsprozess dient der Klärung der Zielsetzung und der Prioritäten, um die Pastoral den heutigen Verhältnissen zu entsprechen. Es ist - oft im Verborgenen - schon vieles da. Es gilt, diese verborgenen Schätze zu heben.
Wir haben weniger Priester, aber wir sind mobiler. Unter den Gläubigen gibt es viele Talente, die entfaltet und gefördert werden wollen. Wenn wir auf diese Talente setzen und gleichzeitig Überforderungen beim Einzelnen vermeiden, können wir aus der Fülle schöpfen.

Wie kann so eine Mitarbeit aussehen?

Bischof Wie ich schon ausgeführt habe, kommt der Familienpastoral in der zukünftigen Seelsorge eine vorrangige Bedeutung zu. Dafür ist die Mitwirkung christlicher Eheleute unerlässlich. Solche Eheleute zu gewinnen und auszubilden ist dringend gefordert. Eheleute, die sich engagieren, profitieren in der Regel für sich selber und die eigene Familie am meisten; sie werden aber zugleich zu wichtigen Stützen für die Ehe- und Familienseelsorge.
Eine andere Form ist die aktive Mitarbeit bei der Sakramentenpastoral. Sie wird sicher eine sehr große Hilfe sein. Von der Leitung der Diözese sind dafür entsprechende Ausbildungskurse anzubieten, geeignete Unterlagen zu erstellen, um jenen, die solche Aufgaben übernehmen, den Dienst zu ermöglichen und die Arbeit zu erleichtern.
Aktive Mitarbeit in der Pfarre gab es immer schon und gibt es auch heute in vielfältigen Formen. Menschen, die sich um die Kirche (das Gebäude) kümmern, die Pflege christlicher Bräuche in den verschiedenen Formen der Volksfrömmigkeit, Gebetsinitiativen vor Ort, die Sorge um die Alten und Kranken. Vieles hat sich bewährt und soll gestärkt werden. Es wird auch nötig sein, manches wegzulassen, um neue Akzente zu setzen. Nicht überall muss alles getan werden. Jede und jeder soll mit Freude tun, was er an besten kann.
Auch die Stifte und andere religiöse Gemeinschaften in unserer Diözese haben eine ganz besondere Bedeutung. Sie müssen voll in den Entwicklungsprozess zum Pastoralplan einbezogen werden.

Welchen Stellenwert haben die Sakramente, die Bibel und das Wissen über Glaubensinhalte im neuen pastoralen Konzept?

Bischof:Das Gebet, das Wort Gottes und die Sakramente müssen im Entwicklungsprozess tragend sein. Einen besonderen Stellenwert hat für mich dabei das Gebet. Ohne Gebet ist kein religiöses und kein Leben mit einem gewissen Tiefgang möglich. Es ist notwendig zu entdecken, dass da - ganz nahe bei uns - ein DU ist, das uns kennt, sieht und hört und das auch wir "hören" können, wenn wir lernen, auf ihn, auf Gott, zu hören. Im Gebet erhält der Glaube, dass Gott seinen Sohn und den Heiligen Geist in die Welt gesandt hat und dass dieser menschgewordene Gott durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in der Kirche durch die Verkündigung seines Wortes, durch die Spendung seiner Sakramente und durch das Leben jener, die an ihn glauben, in besonderer Weise gegenwärtig ist, eine neue Perspektive und Qualität.

Jugendliche finden immer schwerer einen Zugang zum Glauben und zur Kirche. Viele sind innerlich emigriert und orientieren sich an anderen Angeboten und Ablenkungen. Wie kann die Kirche hier einen Weg anbieten, der auch gegangen werden kann?

Bischof: Die internationalen Erfahrungen zeigen, dass gerade bei den Jugendlichen die großen Sehnsüchte des menschlichen Herzens vorhanden sind, auch wenn diese Sehnsüchte manchmal beiseite geschoben oder durch anderes verdeckt werden.
Nach meiner Überzeugung ist es notwendig, die jungen Menschen durchaus in sehr direkter Sprache mit Liebe und Ehrlichkeit anzusprechen. Oft wird dann die Jugend zu einer Herausforderung an die Erwachsenen, insbesondere an die Verkünder des Evangeliums: Sie wollen ehrliche und klare Antworten, erfahren, was die Kirche lehrt; es muss konsequent sein, was dargelegt wird. Sehr wichtig ist, gerade auch für die Jugend, das Vorbild. An der besonders starken Anziehung, die Papst Johannes Paul II. für die Jugendlichen ausübte, lassen sich diese Zusammenhänge recht gut ablesen. Auch Papst Benedikt XVI. zieht die Jugend an. Das sind Aspekte, die wir in unserem Entwicklungsprozess zu einem neuen Pastoralplan jedenfalls einbeziehen müssen.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich viele Menschen von der Kirche abgewandt. Wenn diese Zahl auch geringer geworden ist, bleibt dennoch die Frage, wie die Kirche bei diesen Menschen wieder Vertrauen gewinnen und ihnen als hilfreich entgegen gehen kann.

Bischof:Das wird ein sehr wichtiges Thema im Entwicklungsprozess sein. Ich weiß aus Rückmeldungen und Gesprächen, dass nicht wenige derer, die aus der Kirche ausgetreten sind, manchmal ganz offen, oft eher im Verborgenen den Wunsch nach Aussöhnung mit der Kirche in sich tragen. Wir müssen auf sie zugehen, ihnen unsere Freundschaft und, wenn sie es wünschen, unsere Hilfe anbieten. Es wird gut sein, dass wir uns einiges einfallen lassen, um unserer Verantwortung als Christen gerechter zu werden.

Es gibt viele Menschen auf der Suche nach Sinn im Dasein. Viele wenden sich anderen Angeboten zu, die heute in einer pluriformen Gesellschaft vorhanden sind. Die Kirche ist heute in eine Situation gedrängt, in der sie sich sozusagen auf dem "Weltmarkt der Angebote" mit anderen messen muss.

Bischof:Ich habe den Eindruck, dass viele damit nicht zu Recht kommen und sich leider durch billige Angebote blenden lassen. Wir brauchen uns aber als Christen vor dieser "Konkurrenz" nicht zu fürchten, wenn das Licht Christi in unseren Herzen brennt und wir die Flammen Christi in unserer Mitte stärker entfachen. Wir als Christen müssen uns unserer Verantwortung für unsere Schwestern und Brüder im Glauben, für unsere Nächsten und für die Welt wieder stärker bewusst sein.

Herr Bischof, danke für das Gespräch!