Menschen haben Sehnsucht nach Sinn

Spiritualität boomt. Dennoch haben die Kirchen kaum Zulauf. So der Wiener Religionssoziologe Univ. Prof. DDr. Paul Zulehner vor der Vereinigung Christlicher Unternehmer über "Sehnsucht nach Sinn und die christlicher Kirchen" am 20. Februar im Stift Melk. In seiner Analyse der heutigen Gesellschaft ortet Zulehner ein zunehmendes Bedürfnis vieler Menschen, die "zweifellos vorhandene maßlose Sehnsucht des Menschen in begrenzter Zeit zu erfüllen". Das Lebensgefühl des modernen Menschen bestehe darin, in seiner Lebenszeit "optimales und leidfreies Glück" zu genießen. Hast, Überforderung und Angst zu kurz zu kommen, seien die Folgen. Nicht wenige versuchen dem zu entfliehen und aus dem Alltag auszusteigen. Sie suchen die "heile Welt" in Endlosserien des Films, in Drogen, aber auch psychosomatische Erkrankungen und Suicid seien die Folgen. Viele wenden sich religiösen Sonderwelten, etwa Sektengruppen zu, in deren Gemeinschaft sie die Erfüllung ihrer Sehnsüchte zu finden meinen.
Manche machen sich diese Sehnsucht auch zunutze und "vermarkten" gleichsam die religiösen Symbole in der Werbung oder bieten eine Art "Wellness-Spiritualität" an, durch die aber "keine Veränderung des Menschen geschehe", wie es der biblische Glaube verlange, erklärte Zulehner. Den Kirchen rate er, genau zu studieren, was die Menschen heute wirklich suchen: Heilung, Gemeinschaft, Festigkeit, Weite und vor allem Personen und Vorbilder. Solche "Meister der geistigen Traditionen", die ihre Erfahrungen hinterlassen haben, seien etwa Meister Eckart oder Teresa von Avila. Auch Menschen von heute tauchen tief in das göttliche Geheimnis ein und fassen ihrs Spiritualität in Wort wie Edith Stein oder Anselm Grün.
Die Gottesdienste selbst, so Zulehner, müssen vielmehr wieder die ursprüngliche Kraft erhalten, die eine Änderung bei den Menschen bewirken, die sie mitfeiern. Sie seien "gefahrlos" geworden. Gerade in der Eucharistiefeier müsse die kosmische Kraft der Erlösung erlebbar werden, betonte Zulehner und sprach sich darüber hinaus für einen Dialog mit jenen Menschen aus, die außerhalb der Kirchenmauern die Erfüllung ihrer spirituellen Sehnsucht suchen.