Mensch und Spiritualität

Der Frage, ob der Mensch heute Spiritualität brauche, ging der ökumenische Studientag mit der Wiener Pastoraltheologin Dr. Regina Polka von der katholisch-theologischen Fakultät und der Wiener Oberkirchenrätin Dr. Hannelore Reiner von der evangelischen Kirche am 22. Oktober im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten nach. Dr. Regina Polak vom Institut für Pastoraltheologie an der Universität Wien wies auf die vielen Formen und Ausprägungen der zahlreichen und verschiedenen Ansätze und Formen der Spiritualität hin, die es in allen Religionen und Kulturen gibt. In ganz Europa sei heute eine "Respiritualisierung", eine Rückkehr des Religiösen festzustellen, sagte sie. So habe sich etwa in Brüssel laut Studie der Kirchenbesuch verdoppelt und doppelt so viele Leute als noch vor neun Jahren geben an, an Gott zu glauben.


Neue Spiritualität - ein "Zeichen der Zeit"?


Der Begriff "Spiritualität" sei aber dennoch schwer zu definieren, denn für viele liege er im persönlichen Erfahrungsbereich. Die neue Spiritualität werde auch kaum den Kirchen zugesprochen. Sie werde von vielen Theologen eher als "religionsfreundlicher Atheismus" oder "Neuheidentum" bezeichnet; mitunter auch als eine Antwort auf die heutige Fortschrittskrise. Für Polak selbst liegen hinter diesem "Megatrend Spiritualität" verschiedene gesellschaftliche Ursachen. Der Mensch sucht wieder nach Ganzheit, nach Erfüllung seiner Sehnsucht, sagt sie. Theologisch gesehen, sei dieser Trend ein "Zeichen der Zeit", ein "Hoffnungs- und Heilzeichen", für die die Kirche wichtige Handlungsimpulse setzen könnte. Dies wäre etwa, die Heiligen mit ihrer Vielfalt an Spiritualität wieder zu entdecken, die tiefere Spiritualität der Kirchenväter und der Orden mehr zu beachten oder von den spirituellen Grundlagen anderer Kirchen zu lernen. Dazu bedürfe es aber ausgebildeter Personen und geistlicher Begleiter, entsprechender Räume und Orte, wo dies geschehen könnte.


Nachtgottesdienste für "Suchende"


Auch die Wiener Oberkirchenrätin Dr. Hannelore Reiner ortet heute eine neue Sehnsucht nach Spiritualität. Sie sei ebenso überzeugt, dass der neue religiöse Megatrend wenig mit den sonntäglichen Gottesdiensten zu tun habe. Es gebe zwar positive Ansätze in der evangelischen Kirche, die aber nur langsam wachsen. So gebe es etwa die "Thomasmessen" mit einem sehr niederschwelligen Zugang für die Suchenden, oder "Nachtgottesdienste", bei denen die emotionalen Bedürfnisse der Menschen wieder stärker angesprochen werden. Reiner betonte in ihren Ausführungen, dass sich der Glaube vor allem in der Begegnung zum Nächsten auswirken müsse - er müsse in das praktische Leben hineingezogen werden, um für die Menschen auch brauchbar zu sein, sagte sie.


Spiritualität der Ikonen


Über die Spiritualität der Ikonen informierte der Paudorfer Künstler und Ikonenmaler Leo Pfisterer. Bei den Ikonen sei im Gegensatz zur heutigen Kunst, die ständig nach Neuem verlange, die Kontinuität wichtig. Ikonen seien in diesem Sinn keine Kunst, sondern das Abbild des Göttlichen. Ikonen versuchen, das Licht des Göttlichen in diese Welt hineinzustrahlen. Die Ikone als ein "Erbe der ungeteilten Kirche", könne vielleicht gerade deshalb wieder dahin zurückführen, sagte Pfisterer. Sie lade die Betrachter ein, selbst Ikone zu sein.