Megatrend Alterung - auch für die Kirche eine Herausforderung

Die Alterung der Gesellschaft ist ein globaler "Megatrend", der zwar in Regionen, Ländern und Teilen der Welt verschieden stark in Erscheinung tritt, aber letztlich die ganze Weltbevölkerung betrifft. Er sei seit Jahren zu registrieren und werde sich auch in Zukunft weiter fortsetzen, verwies der renommierte Bevölkerungsexperte Prof. Dr. Rainer Münz bei einem Vortrag des "Forum XXIII" in St. Pölten zum Thema "Bevölkerungsentwicklung in Österreich - eine Herausforderung für Kirche und Gesellschaft". Innerhalb eines Jahrzehnts, so Münz, steige die Lebenserwartung um drei Jahre. Betrug sie Mitte des 19. Jahrhunderts noch 35 Jahre, liege sie heute bei etwa 80 Jahren. Die Grenze, die die Natur der menschlichen Lebenszeit setze sei noch lange nicht erreicht. Sie liege - und das ohne genetische Eingriffe - bei etwa 120 Jahren.

Zu wenige Kinder
Es sei aber nicht nur die höhere Lebenserwartung "schuld" an der Alterung der Gesellschaft. "Noch keine Generation in der Geschichte hatte eine so hohe Lebenserwartung. Gleichzeitig hatte auch noch keine Generation so wenige Kinder wie wir", stellte Münz fest. Betrug die Fertilität bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch 4,5 Kinder pro Frau, so beträgt sie jetzt, am Beginn des 21. Jahrhunderts nur mehr 1,4.

Dazu haben bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen wie hohe Ehescheidungsraten, zunehmende finanzielle Unabhängigkeit der Frau durch eigene Erwerbstätigkeit sowie zunehmende Kosten beigetragen. Mitte des 20. Jahrhunderts sei es noch selbstverständlich gewesen zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen. Heute fassen hingegen immer weniger Menschen einen solchen Entschluss. Der Rückgang der Zahl jüngerer Menschen bei gleichzeitigem Anwachsen der Zahl der Älteren führt auch dazu, dass sich das Gewicht der Älteren überproportional erhöht. Schon heute gebe es in nicht wenigen Ländern mehr Sterbefälle als Geburten, wies Münz hin. In Österreich werde das etwa im Jahr 2025 der Fall sein.

Ursachen nicht im Religionsbekenntnis
Münz erwähnte in seinen Ausführungen einige Details der Bevölkerungsentwicklung in Europa. So werden im mehrheitlich protestantischen Norden Europas mehr Kinder geboren als im katholischen, bzw. orthodox dominierten Süden und Osten des Kontinents. Münz sieht die Ursache dafür jedoch nicht in der Religion, sondern in den namentlich in Skandinavien besseren sozialen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für Kinder. Was die Lebenserwartung betrifft, so sei sie in den katholischen Ländern des südlichen Europas höher als anderswo. Auch das führt Münz nicht auf die Religion zurück, sondern "auf die mediterane Küche, die offenbar lebensverlängernd ist".

Waldviertel wird sich entvölkern
In Österreich verläuft die demografische Entwicklung nach Regionen unterschiedlich. Während die westlichen Bundesländer sowie die Zentralräume um Wien und Linz noch länger ein Bevölkerungswachstum verzeichnen werden, seien in andern Gebieten wie im oberen Mühl-, Wein- und Waldviertel, im mittleren und südlichen Burgenland, der Ober- und Weststeiermark sowie in weiten Teilen Kärntens und Osttirols deutliche Rückgänge in der Einwohnerzahl zu verzeichnen. Dort gebe es eine "selektive Abwanderung" vor allem junger Menschen. "Dem Waldviertel ist nicht zu helfen, es wird sich entleeren", meint Münz. Es werde einen musealen Charakter annehmen, ganze Dörfer würden aufgegeben, wie es in manchen Teilen Europas schon heute der Fall sei.

Pastoral vor neuen Herausforderungen
Mit einer wachsenden Bevölkerung haben die Menschheit umzugehen gelernt, mit einer schrumpfenden habe sie keine Erfahrung, meinte der Experte. Es fehle an Vorstellungen, wie in einer schrumpfenden Bevölkerung und in einer demografischen Ausdünnung einer Region die Lebensqualität und die Kaufkraft der Einwohner erhalten werden könne. Auch die Pastoral der Kirche werde sich darauf einstellen müssen, dass die Bevölkerung in gewissen Gebieten schrumpft und dass sie es mit einer Gesellschaft zu tun habe, in der noch mehr Geschiedene, Wiederverheiratete und "Patchwork-Familien" gebe, aber auch zunehmend mehr "Singles" und diese immer mehr altern. Auf der anderen Seite könnten die Kirchen dadurch einen speziellen Akzent setzen, dass ihre Priester und Ordensleute oft weit über das sonst übliche Pensionsalter hinaus ihren Dienst versehen und damit den Wert aufzeigen, den ältere Menschen für die Gesellschaft leisten können.

Gezielte Familienpolitik gefragt
Münz sieht nur gewisse Möglichkeiten, der demografischen Entwicklung entgegen. Diese müssten aber in einer gezielten Familienpolitik liegen, die in der Existenzsicherung für Eltern, besonders für Mütter besteht, in einer familienfreundlichen Arbeitswelt, einer besseren Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Kindererziehung, einem flächendeckenden Angebot an Kinderbetreuung, einer ausreichenden Zahl von Kindergärten, in Ganztagsschulen, in der Tätigkeit von Tagesmüttern und in der Entwicklung echter Partnerschaft von Mann und Frau. Nur eine "familienfreundliche Lebenswelt" werde potentiellen Eltern den Entschluss zum Kind erleichtern, unterstrich Münz.