Leid und Leidenschaft

Männer tun sich um Umgang mit dem Leid schwer. Doch das wachsende Bewusstsein, sich mit dieser Frage zu befassen, sei bereits ein Zeichen von "mehr Lebendigkeit und Leidenschaft". So die Wiener Moraltheologin Dr. Angelika Walser bei der Frühjahrstagung der Männer in St. Pölten. "Das wachsende Bewusstsein der Männer in der Frage des Leides ist ein Zeichen von mehr Lebendigkeit und Leidenschaft", stellte die Wiener Moraltheologin Dr. Angelika Walser bei der Frühjahrstagung der Kath. Männerbewegung der Diözese St. Pölten am 22. Jänner im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten fest.


Männer gehen dem Leid aus dem Weg


Männer würden sich im Umgang mit dem Leid schwer tun, und gehen diesem, soweit wie möglich aus dem Weg. Dies hänge auch mit dem gesellschaftlich lang eingeübten Männerbild zusammen, das die Leidens- und auch Lebensfähigkeit von Männern behindere, sagte Walser. Die traditionellen "Männerwerte" seien Verfügbarkeit, Flexibilität, Lernbereitschaft und Mobilität. Männer würden sich vornehmlich über ihren Beruf und beruflichen Erfolg definieren und hätten eine mangelnde Erfahrung im Umgang mit dem Leid. Dies, so die Moraltheologin, zeuge auch von Schwierigkeiten im Zugang zu den eigenen Gefühlen. Männer müssten wieder mehr Leidenschaft leben, plädierte die Theologin.


Umgang der Menschen mit dem Tod ist geschwunden


In Hinblick auf Leid und Tod bedauerte die langjährige Assistentin am Institut für Moraltheologe an den Universitäten Wien und Innsbruck, dass die "traditionellen Rituale im Umgang mit dem Tod und Leid" vielerorts geschwunden seien. Der Tod und auch die letzten Stunden des Lebens werden zu professionellen Einrichtungen verlagert.
Angesichts des medizinischen Fortschritts stellen sich immer neue Herausforderungen, auch in ökonomischer Hinsicht. Dieser Aspekt führe unweigerlich auch zur Euthanasiedebatte, bedauert die Moraltheologin. Die Lebensqualität und damit der "Wert" eines Menschen werden auf sein Leiden und seine Schmerzintensität reduziert, die dann als Gradmesser für ein "lebenswertes Leben" darstellen. In England gehe man bereits den Weg, ab einem bestimmten Alter, etwa bei den Dialysepatienten, keine Therapie mehr anzuwenden, sondern nur mehr schmerzstillende Medikamente zu verabreichen.


Christlicher Umgang mit dem Leid ist ein mystischer


In der theologischen Diskussion ortet die Referentin noch immer die ungelöste Theodizeefrage, die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leides in der Welt. In ihren weiteren Ausführungen orientierte sich Walser dann an der evangelischen Theologin Dorothee Sölle, die den christlichen Weg des Leides als einen "mystischen Weg" sieht, als "solidarischen Weg mit den Leidenden". Man müsse dabei zwischen vermeidbarem Leid, das anzukämpfen sei und dem unvermeidlichen Leiden, das nur gemeinsam getragen werden könne, unterscheiden. Dazu brauche es Solidarität und Leidenschaft. Leidenschaft und Leiden seien die zwei Seiten des Lebens, sagte die Wiener Theologin.
Mit Verweis auf Viktor E. Frankl erklärte Walser, dass die Sinnfrage und das Leiden eng miteinander verknüpft seien. Der Sinn im Leben sei für Frankl nicht vorgegeben, sondern müsse von jedem selbst gefunden werden. Das Leiden habe seinen Sinn darin, wenn sich der Mensch dadurch ändere. Das sei aber nur durch Begleitung und Beziehung möglich, "auch wenn im äußersten Fall diese Beziehung zum Leidenden nur mehr in einer sanften Berührung besteht", sagte Angelika Walser.


Herausforderung: mehr Leidenschaft


Diese Haltung sei in einer Gesellschaft, in der Tod und Leid vornehmlich verdrängt werden, eine große Herausforderung. Dies könne sich durch "leidenschaftliche und leidesfähige Männer" ändern. Die Männer, so Walser abschließend, haben ihren eigenen Weg, mit dem Leiden umzugehen. Dieser müsse von jedem einzelnen selbst gefunden werden.


In den Arbeitsgruppen "Hospiz", "Lebensqualität im Alter" und "Glaubend älter werden" befassten sich die Teilnehmer aus allen Dekanaten der Diözese mit den konkreten Herausforderungen und Umsetzungen in den Pfarren und Regionen.