"Kräftiges und kreatives Lebenszeichen"

Die "Lange Nacht der Kirchen" sei ein "kräftiges und kreatives Lebenszeichen" der Kirche betonte Dompfarrer Norbert Burmettler beim Ökumenischen Gottesdienst zur Eröffnung der "Langen Nacht" im Dom von St. Pölten. Mit über 180 Angeboten in St. Pölten und 11 weiteren Gemeinden sowie in den Stiften Melk, Herzogenburg und Lilienfeld zog die "Lange Nacht der Kirchen" in der Diözese St. Pölten tausende Besucher an.

Ein warmer und schwüler Frühlingsabend lag über der Stadt. Doch aus seinem Inneren strahlt der Dom angenehme Kühle aus. Langsam füllen sich die Bänke, als Glockengeläute den Beginn der Langen Nacht der Kirchen ankündigten. Die zahlreichen Veranstaltungen in den Kirchen der verschiedenen christlichen Konfessionen sollte dazu beitragen "manche verkrustete Klischees der Kirche" abzubauen, erklärte Dompfarrer Burmettler. Die "Frohen Botschaft" werde so mit einem "neuen Outfit" versehen. Dieses "Aggiornamento", die "Anpassung der Kirche an die Welt" solle dabei "in richtiger Weise verstanden" werden, so Burmettler: "Kein Überbordwerfen von grundsätzlichen Lebenswerten, sondern Aufzeigen von wertvollen Lebensinhalten, die auf christlicher Basis beruhen."

Kirche wieder neu entdecken

"Wir laden Sie ein, Kirche neu zu entdecken oder wieder zu entdecken". Mit diesen Worten lud der evangelische Superintendent Mag. Paul Weiland am Ende des ökumenischen Gottesdienstes zum Besuch der geöffneten Kirchen ein. Dort könnten die Besucher "Lebensbegleitung und Begegnung mit Gott" finden, wies er hin.
Auch Prof. Helmut Nausner von der methodistischen Kirche bekräftigte in seiner Ansprache die Bedeutung der ökumenischen Initiative. Die Lange Nacht der Kirchen zeige, wie es möglich sei, "gemeinsam offene und einladende Kirche zu leben". "Wo Christen aus verschiedenen kirchlichen Traditionen bei einander diese Salz- und Lichtqualität wahrnehmen, wird Einheit erlebt", sagte Nausner. "Wo Christen sind, wirken sie als Salz der Erde und verbreiten Licht, ein Licht der Gnade Gottes". Als Zeichen dafür teilten die Vertreter der ökumenischen Kirchen brennende Kerzen an die Anwesenden Gläubigen und Besucher aus.

Übervoll war die Kapelle des Priesterseminars, als Weihbischof Dr. Anton Leichtfried die Glasfenster dieses gotischen Raumes erklärte. "Nicht um hinauszusehen, sondern das Licht hereinzulassen und einen Vorgeschmack auf das himmlische Jerusalem zu geben", seien Glasfenster der gotischen Kirchen einst geschaffen. Umrahmt wurden seine Worte von Mag. Johann Kreuzpointner auf der Orgel.

9 Angebote speziell für Kinder wurden von insgesamt über 100 jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern besucht.. In Statterdorf erkundeten Kinder die Kirche mit allen Sinnen durch Schauen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken, in Viehofen bei einer "Kirchenrallye", im Dom,in der Franziskanerkirche und in Pottenbrunn bei eigenen Kinderführungen. In Maria Lourdes wurden im Vorfeld der Europameisterschaft Fußbälle selbst genäht und Informationen über die Ursprungsländer der verschiedenen Materialien gesammelt. Musikalisches für Kinder gab es bei einem "Mitmach-Konzert" in der Pfarrkirche Wagram und bei einem Trommelworkshop in Maria Lourdes.

"Ehrfurcht und Staunen vor der Schöpfung"

"Wir werden heute systematisch aus dem Paradies der Schöpfung vertrieben", sagte Probst Mag. Maximilan Fürnsinn bei der Eröffnung einer Bilderausstellung zum Thema "Die Schöpfung" im Pfarrzentrum St. Stephan in Herzogenburg. Der Mensch sei zum Maß aller Dinge geworden, die "Spuren Gottes in der Schöpfung" würden nicht mehr wahrgenommen, meinte Fürnsinn. Daher brauche es wieder "Ehrfurcht und Staunen vor der Schöpfung". Durch eine "fundamental utilitaristische Haltung" sei der Lebensraum des Menschen heute bedroht, so Fürnsinn. Es gelte zu einer "vertieften Sicht der Schöpfung" als "Leib Gottes" und zu einer "Schöpfungsdankbarkeit" zurückzukehren, erklärte Fürnsinn.

Den Bilderzyklus der "etwas anderen, abstrakten Schöpfungsgeschichte" schuf die Herzogenburger Künstlerin Christine Huber. Die Ausstellung ist noch bis 30. Juni zu besichtigen. Zum Thema der Ausstellung hält Mag. Anton Kalkbrenner, Bibelreferent der Erzdiözese Wien, am 3. Juni einen Vortrag über biblische Grundelemente der Schöpfungsverantwortung.

Ernstes und Heiteres, Neues und Ungewohntes

Betroffenheit in der Domkirche, als Zariza Primorac, 1992 aus Bosnien geflohen, über die Flucht aus ihrem Heimatland erzählte, über ihre Leiden, aber auch ihre Erlebnisse mit Menschen in Österreich, die ihr wieder Mut und Hoffnung gaben. Shuhuri Abdul Habib, ein ehemaliger Polizist aus Kabul in Afghanistan musste 1999 ebenfalls fliehen. Heute sei er glücklich, in Österreich zu sein, sagte er. Seine Familie und Geschwister leben in der Welt verstreut, im Irak, in Peshawar, in der Ukraine, in Pakistan und in Kanada.

Aus seinen Werken "Schau oba Voda" und "Da neiche Evangelimau"" las der St. Pöltner Künstler Prof.Martin Seitz. In seinen Mundartversen nahm er das Verhalten so mancher Christen aufs Korn und im Dom zeigte sich auf vielen Gesichtern ein Schmunzeln, aber auch nachdenkliches Schweigen.

Eine laue Nacht war bereits über St. Pölten hereingebrochen. Zahlreiche Menschen wanderten durch die Straßen, manche in die weit offen stehenden Lokale und Gaststätten, viele aber mit dem Programmheftchen der Langen Nacht der Kirchen von Kirche zu Kirche. Dort empfing sie immer wieder Neues und an diesen Orten oft Ungewohntes.

So drangen elektronisch anmutende Klänge aus der evangelischen Heilandskirche auf die Promenade. Düster und in wechselnd farbiges Licht getaucht das Innere. Die Klänge aus dem Synthesizer, unterbrochen durch Verse aus den Psalmen oder den Sprüchen Salomos, dazu die Kirche in Blau, Grün und Rot getaucht. Still und andächtig Menschen jeden Alters in den Bänken. So viele, wie oft an Sonntagen nicht. Fahnen hängen von der Decke: "1873 - 17 Personen gründen die Gemeinde, 1892 - 170 Personen bauen die Kirche, 1900 - 700 Personen gründen die eigenständige Pfarrgemeinde".

Jazzklänge der "deeply moved"-Band locken die Menschen in die ehemalige Bürgerspitalskirche. Der Altkatholische Pfarrer Robert Freihsl gestaltet dazwischen sein Kabarettprogramm und provoziert mit so mancher Spitze über Bürokratie und Demokratie in der Kirche, aber auch über das Tabuthema Sexualität nicht nur verhaltenes Kichern, sondern lautes Lachen.

Trost und Zuspruch gabe es am späten Abend für die Leidenden und Kranken in der Kapelle des Landesklinikums St. Pölten. Texte und Musik zum Thema "Kommt alle zu mir, die ihr schwere Lasten zu tragen habt" führten zu einem Segensritual und zur Spendung des Sakramentes der Krankensalbung.

Abschluss mit Weihrauch

In der Millenniumskirche von Stattersdorf, der jüngsten Kirche der Diözese, endete gegen Mitternacht die Lange Nacht der Kirchen mit den mystischen Düften des Weihrauchs. "Wir wollen diese Düfte neu entdecken, die die Kirche schon seit jahrhunderten pflegt", sagt Pfarrer Ernst Bergmann. 15 verschiedene Weihrauchdüfte zogen durch die Kirche und luden die Anwesenden ein, sie zu schnuppern. Der Duft des Weihrauchs, einst auch "Tränen der Götter" genannt, soll sich auf die Stimmung der Menschen positiv auswirken.