Kirchschläger: Kirche besteht in kleinen Einheiten

Der Luzerner Theologe Univ. Prof. Dr. Walter Kirchschläger tritt bei der Österreichischen Pfarrerinitiative für theologische Reflexion der Gemeindepastoral ein: die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums neu sehen. Die Gemeinden in der ersten Zeit waren Kirche in kleinen Einheiten, sozusagen "Hauskirche". Viele Jahre wurde der Priestermangel verkannt, schöngeredet oder das Problem umgedreht, sagte der Luzernen Theologe Univ. Prof. Dr. Walter Kirchschläger bei einer Veranstaltung der Österreichischen Pfarrer-Initiative im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten. Viele sprachen statt "Priestermangel" von "Gemeindemangel" und manche Initiativen erschöpften sich in Gebetsaufrufen. Die derzeit angestrebten Überlegungen gehen in die Richtung einer "Seelsorge in pastoralen Räumen oder Großräumen", meint Kirchschläger.
Was aber noch nicht passiert sei, sei eine theologische Reflexion der Gemeindepastoral. "Unser Nachdenken muss dahin gehen, was Gott uns mit dieser Situation sagen möchte", meint er. Dazu wäre es förderlich, die Prioritäten zu ordnen und nicht einzuschränken.

Kirche muss im Heute stehen
Kirchschläger wies auf das Aggiornamento des Zweiten Vatikanischen Konzils hin, das die "Verheutigung der Kirche in die je heutige Zeit" meinte. Das Konzil habe damit der Kirche eine besondere Aufgabe mitgegeben. Zur Erfüllung dieser habe sie die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und diese im Lichte des Evangeliums zu deuten. Dies dürfe nicht "aus der Not der Stunde heraus" geschehen, sondern deshalb, weil dies theologisch richtig und christuskonform sei. Zwischen der theologischen Reflexion, der Praxis und dem in Christus geschehenen Anfang müsse eine dynamische Verbindung bestehen, betonte Kirchschläger. Schrift und Tradition dürften nicht beziehungslos nebeneinander stehen.

Kirche lebte in kleinen, überschaubaren Einheiten In seinen Ausführungen über die Struktur der Kirche in der neutestamentlichen Zeit sagte der Luzerner Theologe, dass es darüber keine Detailauskünfte gebe. Dennoch könne man einige Feststellungen treffen, so der Exeget. Die Kirche sei in ihren Anfängen eine kleine, ortsbezogene Einheit um ihr gemeinsames Christusbekenntnis gewesen. Es gab so etwas wie "Hauskirche", in der der Glaube gelebt und weitergegeben wurde. Bereits Paulus habe den Begriff Kirche öfters in der Mehrzahl verwendet. Dies bedeute, so der Referent, dass sich die junge Kirche auch die damaligen soziologischen Gegebenheiten zunutze gemacht habe.
Festzustellen sei weiters, dass diese Kirche von der Größe des Versammlungsraumes abhängig war, was zwischen 50 und 100 Personen bedeute. Der Vorteil einer kleinen Gruppe, wie sie die Hauskirche damals war, sei, dass sie auf gegenseitige Solidarität angewiesen sei. Wenn Christsein mit persönlichen Beziehungen zu tun habe, dann könne das nur in einer Hauskirche gelebt werden, bestätigt Kirchschläger.

Das Leben in der neutestamentlichen Kirche sei ebenso von Subsidiarität und Solidarität getragen gewesen. Das, was diese Kirche nicht leisten konnte, wurde in der größeren Einheit übernommen, etwa die Taufvorbereitung. In den paulinischen Gemeinden sei auch die Leitung personbezogen und nicht systembezogen gewesen, wies der Neutestamentler hin. Paulus habe sich in seinen Gemeinden nur damit begnügt, für lokale Leitungsstrukturen zu sorgen.
Eine Folgerung daraus sei, dass sich Kirche wieder in kleine überschaubare Einheiten organisieren müsse. Sicher seien heute die Größendimensionen anders als damals, doch müssen sie so angelegt sein, dass jeder persönlich erfassbar sei, meint der Theologe. Die Überlegungen zu Sprengelgemeinden seien zwar ein richtiger Weg, doch liege das Problem darin, dass diese nicht eucharistiefähig seien.
Der Zusammenhalt der Gemeinden in kleinen Einheiten werde heute vernachlässigt, beklagt Kirchschläger und verlangt, wieder die pastoralen Prioritäten zu überdenken. Keine kirchliche Einheit könne sich von der notwendigen Solidarität dispensieren. Diese Solidarität sei vor allem in kleinen Einheiten gegeben. Ebenso dürfe man sich nicht auf Dauer für den Verzicht des Herrenmahles aussprechen, da dieses die Mitte der Gemeinde bilde.

Leitung als Dienst
Zu den Leitungsformen in den einstigen Hauskirchen erklärte Kirchschläger, dass vielfältige Formen bestanden haben, die sich an dem orientierten, was möglich war. Bereits in der vorösterlichen Zeit sei ersichtlich, dass Jesus Strukturen wollte und die Leitungsfunktion als Dienst gesehen hat. Dieser Dienst könne von einer Person, aber auch von einem Kollegium ausgeübt werden. Diese Dienste, so der Exeget, wurden durch Gebet und Handauflegung übertragen, was unserem heutigen Verständnis des Ordo entspreche. Es war auch klar, so Kirchschläger, dass jener, der zur Aufgabe der Leitung befähigt wurde, auch die Leitung des Herrenmahlesfeier inne hatte und nicht umgekehrt.
Aus dem biblischen Befund sei zu folgern, dass die Struktur dem Leben der Kirche dienen soll und nicht umgekehrt. Kirche sei keine Top-down-Struktur, sondern als Netzwerk zu verstehen. Als praktische Folgerung sprach sich Kirchschläger dafür aus, sich für eine geschwisterliche Kirche einzusetzen und nach bestem Wissen und Gewissen zu leben. Man müsse in den Pfarren eine Bestandsaufnahme der Gnadengaben machen und überprüfen, was in einer Gemeinde vorhanden sei. Beides müsse dann in Verbindung gesetzt werden: was hat die Gemeinde und was benötigt sie.

Der "Pfarrer-Initiative" gehören derzeit 214 Priester, 17 Ordensschwestern und Brüder sowie zahlreiche weitere Interessenten an. Bisher seien zahlreiche Gespräche, unter anderem mit Kardinal Christoph Schönborn und Bischof Egon Kapellari geführt worden.