Kirche muss den Weg der Menschen gehen

Die Zeit für die Kirche sei noch nie so gut wie heute, "wieder Wertschätzung und neue moralische Autorität zu bekommen", sagte der Wiener Pastoraltheologe Univ. Prof. DDr. Paul Michael Zulehner bei der "Juristenmesse" des Kath. Akademikerverbandes der Dözese St. Pölten im Stift Zwettl. Die Kirche könne wieder einen neuen Aufbruch erleben, prognostizierte er. Entscheidend sei dabei nicht, dass es keine Irritationen mehr gebe, sondern dass sie ausreichende Gratifikationen habe, dass Menschen wieder den Weg mit ihr gehen wollen.

"Es werden genug Menschen den Weg der Kirche mitgehen, wenn diese den Weg der Menschen geht", wies Zulehner mit Nachdruck hin. Der Wiener Pastoraltheologe erinnerte in seinen Ausführungen zum Thema "Die Kirche heute für die Zukunft bereiten" an die wiederholte Aussage des Papstes, "Der Mensch ist der Weg der Kirche".
Die Kirche brauche eine neue Spiritualisierung und Diakonisierung, betonte er. Sie müsse spirituell sein durch ihre Orte, Personen und auch Vorgänge. Menschen suchen Gottesdienste, in denen nicht nur über Gott geredet werde, sondern in denen sie echte Gotteserfahrung machen können. Die Kirche müsse in der heutigen "Kultur des Wegschauens" den Blick wieder mehr auf das Leid der Menschen richten und für die Armen eintreten. Ihre Spiritualität und die Solidarität mit den Menschen gehören wesentlich zusammen, unterstrich er.

In seiner Analyse zeichnete Zulehner für die Menschen von heute zwei wesentliche Herausforderungen: Solidarität und Spiritualität. Die Gesellschaft sei im Begriffe, sich selbst aufzugeben, sagte er. Pflege und medizinischer Einsatz bei alten Menschen werden immer teurer. So komme die Euthanasie immer mehr in Diskussion und es wachse das Bestreben, behindertes Leben gleichsam zu "ent-sorgen". Zudem seien die Menschen "mit der Maximierung ihres individuellen Glücks derart beschäftigt, dass sie keine Energie mehr für Kinder haben", stellte Zulehner fest.

Doch dem gegenüber gebe es in unserer Gesellschaft auch positive Ansätze neuer Solidarität. Etwa die Entwicklung des Hospizdienstes, neue Initiativen mit Behinderten und eine neue Internationalisierung der Solidarität. Der Religionssoziologe sieht auch eine neue Spiritualisierung gegen die heutige Tendenz der Diesseitsorientierung und wachsender Lebensangst aufkommen. Immer mehr Menschen werden sich zunehmend wieder ihrer Innerlichkeit bewusst und suchen nach Heilung und neuen Gemeinschaften.