Kirche auf der Suche nach neuen Wegen

Für neue Wege der Zulassung zum Priesteramt sprach sich der Wiener Pastoraltheologe Univ. Prof. DDr. Paul M. Zulehner am Freitag, den 1. Juni in der Pfarrkirche Langenhart vor über 300 Zuhörern aus. Er forderte den Mut der Bischöfe, neue Wege in einem zeitlich begrenzten Versuch "auszuprobieren" und auch gegenüber Rom zu vertreten. Vor über 300 Zuhörern analysierten Prof. Dr. Zulehner und Dr. Werner Beutelmeyer vom Linzer Market-Institut im Rahmen einer Veranstaltung zum 50-jährigen Bestandsjubiläum der Pfarre Langenhart den Zustand und die Erwartungen an die Kirche im Spannungsfeld einer 2000-jährigen Tradition und einer Gesellschaft im Wertewandel.

In der Diskussion ging es vor allem um konkrete Probleme der Pfarren ohne eigenen Priester am Ort. Zulehner sprach sich dabei klar für neue Wege der Zulassung zum Priesteramt aus. Als Beispiel nannte er die Praxis der unierte äthiopischen Kirche, dass eine Gemeinde bewährte Männer aus ihrer Mitte wählt, die entsprechend ausgebildet werden und pastorale Teilbereiche nach ihren Talenten und Fähigkeiten ehrenamtlich ausüben. Mit Blick auf Franziskus und Innozenz III. meinte er, dass auch Päpste nicht vor "göttlichen Träumen" gefeit seien. Man brauche heute neue Perspektiven für die Gemeinden, auch im gesellschaftlichen Bereich. Dabei seien auch die Bürgermeister gefordert, erklärte Zulehner. Die "Erbsünde der Kirche" sei, dass viele Menschen mehr Nähe suchen und sie ihnen zu sehr "Abstand" liefere.
Dechant Zarl sprach von einer Herausforderung an die Gemeinden, die von einer versorgten zu einer mitsorgenden werden müssen.

Ernüchternde Analyse

Dr. Beutelmeyer skizzierte in seinen Ausführungen den Wertewandel mit dem Begriff "Freiheit und die ständige Suche nach dem Glück". Der Wille nach Unabhängigkeit stehe heute über dem Pflichtbewusstsein, wies er hin. Den Österreichern gefalle an der Kirche, dass sie Kulturdenkmäler erhalte, dass sie Traditionen und Werte pflege und durch Feste und Feiertage Höhepunkte im Alltag schaffe. Auf den letzten Plätzen lande, dass sie eine treibende Kraft zu positiven Veränderungen in unserer Gesellschaft sei und sie einem sage wolle, wie man zu leben habe. Sehr gering gesehen wurde auch, dass sie Politikern ins Gewissen rede. Den Menschen störe laut Untersuchung des Market-Institutes an der Kirche die Einstellung zur Empfängnisverhütung, hohe Kirchenbeiträge, der Zölibat und die Verweigerung der Sakramente für Wiederverheiratete.
Das "Heiligtum" der Österreicher sei die persönliche Freiheit, selbst entscheiden zu können, - noch vor Familie, Kindern, eigene Meinung und Ideale.
An den Vorgaben der kath. Kirche orientieren sich 9% der Befragten, 29% bekannten "eher schon", und 36% "eher nicht".
Zu Fragen des Kirchenaustritts sagten 56%, die wollen sicher nicht aus der Kirche austreten. Sehr nahe stehen der Kirche 10%, 23% "eher nahe" und 31% zeigten sich unentschlossen Der Einfluss der Kirche auf die Gesellschaft werde von 53% als eher gering eingeschätzt. Eine zeitgemäße Einstellung der Kirche wird aber beim Schutz des Sonntags konstatiert.

Welchen Weg soll die Kirche künftig gehen?

Für Prof. Zulehner müsse die Kirche ihre Lebendigkeit aus der Kraft einer "geerdeten Vision" schöpfen, die orientiere und sich am auferstandenen Christus ausrichte. Vision müsse bewegen und soll im Sinne der Unterscheidung der Geister auch kritisch sein.
Zulehner ortet weiters einen starken Solidaritätsvorrat in der Gesellschaft. Der Wunsch ersticke aber auf dem Weg zur Tat, "denn Angst entsolidarisiert", sagte er.
Das dominante Lebenskonzept heiße heute "optimal leidfreies Leben in neunzig Jahren". Die Menschen suchen daneben nach spirituellen Antworten, die einen "suchen das Weite in Konsumrausch, Drogen, Alkohol bis hin zum Selbstmord. Die anderen die Weite in der Respiritualisierung".
Auf dem Hintergrund des griechischen Orpheus-Mythos bezeichnete Zulehner die Kirche als "Lyra in der Hand des liebenden Spielmannes Gott". Man brauche eine spirituelle Diakonie mit spirituellen Weggemeinschaften, Personen und Vorgängen sowie eine "diakonische Spiritualität mit offenen Augen", die "hinschaut und nicht wegschaut, eines wachen Verstandes, eines mitfühlenden Herzens und der zupackenden Hände", wie Zulehner betonte.