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Katechese: Die Wahrheit als tiefen Sinn der menschlichen Existenz suchen (Wortlaut)

"Sie sahen einen Stern aufgehen"


Vor Jahren hatte ich einmal eine längere Zugfahrt vor mir und suchte einen ruhigen Platz, um auf der Reise ein wenig beten und arbeiten zu können. Leider war der Zug überfüllt; schließlich fand ich einen Platz gegenüber einem jungen Mann. Es stieg dann ein Mädchen zu und es entwickelte sich zwischen den beiden ein Gespräch, in das sie nach einiger Zeit auch mich einbezogen. Als wir wieder allein waren - das Mädchen war an ihr Reiseziel gelangt und ausgestiegen - machte der junge Mann, offenbar mit dem Wunsch, unter das Gespräch zuvor einen Schlussstrich zu setzten, noch die Bemerkung: "Mit dem Tod ist ja doch alles aus", worauf ich ihm erwiderte: "Sind Sie dessen so sicher?" ich fügte hinzu: "Und wenn es doch wahr ist, dass wir nach unserem Tod vor Gott hintreten?" Es war der Anfang einer weiteren langen Unterhaltung, die ich heute mit euch zusammen von neuem aufgreifen möchte.


Ein Dichter hat diese Problematik mit einer Straßenbahnszene geschildert: Einer, der im letzten Augenblick aufgesprungen ist, fragt: "Wohin fahren wir?". Zu seiner Verblüffung erhält er die Antwort: "Das wissen wir auch nicht." Einer der vielen Mitfahrenden nickt mit dem Kopf und fügt hinzu: "Das weiß keiner. Aber wir fahren." Das scheint mir eine recht gute Beschreibung für die Situation der Lebensweise nicht weniger Menschen.


Es ist gut, darüber nachzudenken, wozu wir eigentlich da sind, worauf es in unserem Leben ankommt, zu welchem Ziel hin wir unterwegs sind.


Ich liebe den Psalm 139, in dem es heißt: "Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir. Von fern erkennst du meine Gedanken. Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt; Du bist vertraut mit all meinen Wegen. Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge - du, Herr, kennst es bereits. Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich. So wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen. Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten? Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort; bette ich mich in der Unterwelt, bist du zugegen. Nehme ich die Flügel des Morgenrots und lasse mich nieder am äußersten Meer, auch dort wird deine Hand mich ergreifen und deine Rechte mich fassen. Würde ich sagen: Finsternis soll mich bedecken, statt Licht soll Nacht mich umgeben, auch die Finsternis wäre für dich nicht finster, die Nacht würde leuchten wie der Tag, die Finsternis wäre wie Licht. Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoss meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke. Deine Augen sahen, wie ich entstand, in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war. Wie schwierig sind für mich, oh Gott, deine Gedanken" (Psalm 139, 1-17).


Papst Johannes Paul II. hat gerne wiederholt, dass sich mit jedem einzelnen Menschen ein Plan Gottes, ein Vorhaben Gottes verbindet. Für uns ist es nicht leicht, das zu begreifen. Noch dazu sind wir frei, jedenfalls teilweise. Manches in unserem Leben ist vorgegeben, hängt nicht von uns ab. Es kommt daher, dass wir von einer bestimmten Familie stammen, in konkreten Verhältnissen aufgewachsen, diesen oder jenen Personen begegnet sind, vielerlei erlebt haben. Vieles von all dem unterlag nicht unserem Einfluss, aber es gab und gibt doch auch häufig Situationen, in denen wir unseren Lebensweg, unsere Lebensgestaltung maßgeblich selbst entscheiden. Wie ist das zu verstehen, wenn Johannes Paul II. häufig sagte, dass Gott mit jedem Menschen etwas Bestimmtes vorhat?


Von Jesus lesen wir bei Markus: "Als Jesus am See von Galiläa entlang ging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; Sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sofort rief er sie, und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach" (Mk 1, 16-20). Und bei Lukas heißt es: " Danach suchte der Herr 72 andere Jünger aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte. Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (Lk 10, 1-2).


Jesus geht auch durch die Straßen unserer Zeit und hält nach Menschen Ausschau, die zur Nachfolge und zum Mittun bereit sind.


Nicht alle haben ja gesagt. Wir kennen zB die Geschichte vom reichen Jüngling, von dem es heißt, dass er traurig wegging, als Jesus zu ihm sagte "Geh, verkaufe deinen Besitz und gib das Geld den Armen". Er besaß nämlich viele Güter (Vgl. Mt 19, 16 -22).


Nicht alle Menschen sind zur gleichen Art der Nachfolge Christi berufen, sicher ist jedoch, dass Gott von jedem Menschen dass eine erwartet. Das wird zB durch das Gleichnis von den Talenten verdeutlicht. Jesus erklärt, es sei "Wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab." (Mt 25, 14 ff) Die Geschichte ist bekannt. Der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, begann sofort mit ihnen zu wirtschaften und gewann noch fünf dazu. Ebenso der, der zwei erhalten hatte. Er gewann noch zwei dazu. Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herren. Die ersten zwei Diener werden nach der Rückkehr des Mannes gelobt. Sie erhalten eine große Aufgabe, weil sie im Kleinen treu gewesen sind. Verurteilt und bestraft wird der Diener, der das Talent seines Herren einfach nur versteckt hat.


Jesus bringt mit diesem Beispiel zum Ausdruck, dass jeder Mensch eine Chance hat, eine Aufgabe, ein Ziel, das er erreichen sollte. Auch der Diener mit nur einem Talent hätte seine Möglichkeiten gehabt. Er hätte nur Handel treiben müssen, auch wenn ihm nur ein Talent anvertraut war. Gott verlangt nie Unmögliches, aber alle sollen wir unseren Fähigkeiten, unseren Möglichkeiten entsprechend mit unserem Leben Frucht bringen.


Saulus hat, als ihn der Ruf Gottes erreichte, die Frage gestellt: "Herr, was soll ich tun? (Apg 22, 10). Das ist die Frage, die wir alle stellen sollten. Jetzt werden vielleicht manche sagen: Woran erkenne ich, dass Gott mich ruft?


Ein wichtiges Zeichen ist die Sehnsucht, die jeder Mensch im Herzen trägt. Eines der berühmtesten Beispiele dafür ist Augustinus. Er war sehr begabt, er interessierte sich für vieles, auch für den Glauben. Im passierten viele Irrwege und zum Leidwesen seiner Mutter Monika zögerte er lange, bis er sich bekehrt hat. Und doch zog ihn Gott an. Später schrieb er in seinen Bekenntnissen: "Du, oh Herr, hast uns erschaffen. Mein Herz ist unruhig, bis es ruht in dir".


Die heiligen drei Könige haben sich auf den Weg begeben. "Wir haben seinen Stern aufgehen sehen" (Mt 22), sagen sie. Das Leuchten dieses Sternes hat ihr Verlangen geweckt, den neugeborenen König zu sehen und ihm zu huldigen.


Christus suchen, den Kontakt mit ihm herstellen, ihm begegnen, auf ihn hören, nach seiner Hilfe verlangen, das ist sicher das Wichtigste, um zur Klarheit zu gelangen, worauf es im eigenen Leben ankommt, welches der richtige Weg ist, wo das Ziel liegt. Das zu fördern, zu ermöglichen war von Anfang an das Ziel der Weltjugendtreffen, die Tage in Köln sollen dazu dienen. Nützt die Gelegenheit: Sucht ihn, der in unseren Kirchen in einer besonderen Weise gegenwärtig ist, wie die drei heiligen Könige auf und betet ihn an! Sucht die Stille des Gebetes! Es wird eine gute Unruhe in euren Herzen wecken.


Als die drei Sterndeuter nach Jerusalem gelangten, begannen sie zu fragen: "Wo ist der neugeborene König?" Das scheint mir auch ein wichtiger Punkt: Über die eigene Situation reden, das Gespräch mit einem Erfahrenen suchen, mit einem Seelsorger, das Herz öffnen, die Fragen aussprechen, die einem beschäftigen, auch Ängste und Zweifel darlegen. An vielen Orten gibt es Möglichkeiten zum Beichtgespräch. Es ist sehr hilfreich, wenn man sich aufrichtig über alles, was einen beschäftigt aussprechen kann.


Schließlich möchte ich noch einen Punkt erwähnen, den ich für wichtig halte, wenn man im Bezug auf das eigene Leben, den eigenen Lebensweg, die eigene Berufung Klarheit erlangen möchte.


Manchmal ist es gar nicht leicht zu sagen: Das erwartet Gott von mir. Wer weiß? Es ist nicht einfach zu beantworten, aber ich warne davor, deswegen einfach die Hände in den Schoss zu legen. Wir sollten alle oft darüber nachdenken, was Jesus zu den Dienern im Gleichnis von den Talenten gesagt hat: "Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm nimm teil an der Freude deines Herrn!"


Ob wir zu Großem imstande und dazu berufen sind, es zu verwirklichen, das ist oft in der Tat unklar, daher auch nicht sicher, ob wir es tun können.
Zweifelsohne aber gibt es kleine Dinge, die Gott ganz sicher von uns erwartet und die wir versuchen können: ZB. die regelmäßige Einhaltung einer gewissen Zeit des Gebetes, die Bemühung, in der Arbeit konsequent zu sein, oder die Anstrengung um einen guten Umgang mit den anderen oder der entschlossene Kampf in einem bestimmten Punkt, in dem wir nicht nachgeben sollten, tatsächlich nicht nachzugeben. Wer sich im Kleinen beharrlich bemüht, gelangt allmählich zu einer innigeren Freundschaft mit Christus. Dadurch wird mehr Licht zuteil, größere Klarheit vermittelt, Grundlagen werden geschaffen, um für jene Aufgaben im Leben bereit zu sein, die für uns gedacht sind.


Ich wünsche Euch Gottes Segen. Der Stern von Bethlehem möge euch vorangehen und euch zu Christus führen. Die Gottesmutter Maria und Josef, unser Vater und Herr, mögen euch beistehen, um die Wahrheit eures Lebens zu erfassen und der Sehnsucht Folge zu leisten, die Gott in euer Herz gelegt hat.