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Katechese: Christus in der Eucharistie begegnen (Wortlaut)

"Sie sahen das Kind und Maria, seine Mutter. Da fielen sie nieder und beteten ihn an"


Von Edith Stein wird berichtet, dass sie einmal - es war noch vor ihrer Konversion vom Judentum zum Christentum - in einer kath. Kirche, ohne es zu wollen, eine Frau beobachtete, die ganz gesammelt vor einem Tabernakel im Gebet versunken war. Dieser Anblick ließ Edith Stein intuitiv die besondere Art der Gegenwart Christi in der Eucharistie erfassen. Sie dachte: Er ist offenbar da. Und diese Frau glaubt daran, ist zutiefst davon überzeugt. Deshalb betet sie so, ist tief versunken im Gebet.


Wer diese besondere Art der Gegenwart Christi mit seinem Leib und seinem Blut, mit seiner Menschheit und seiner Gottheit unter den Gestalten von Brot und Wein entdeckt, wird verwandelt.


Ein heiliger Vinzenz von Paul, der mit einer unglaublichen Wirksamkeit großartige Einrichtungen christlicher Nächstenliebe aufgebaut hat, schöpfte seine Kraft aus der Eucharistie, ähnlich die hl. Elisabeth von Thüringen. Ein hl. Franz von Assisi empfing vor allem in der eucharistischen Anbetung jenen tiefen Glauben des Herzens, mit dem er viele seiner Zeitgenossen zu entzünden vermochte. Die großartige Wirksamkeit eines hl. Pfarrers von Ars begann in der Stille eines Gotteshauses, in dem er Stunden vor dem Allerheiligsten verbrachte, ihn den Erlöser der Welt anflehte, die Menschen, die zerstreut waren wie eine Herde ohne Hirt, anzuziehen und zu sammeln. Nach und nach hat sich aus ganz Frankreich ein richtiger Pilgerstrom in das winzige Dörfchen Ars zu seinem einfachen Landpfarrer gebildet.


Es ist etwas Großes, Unfassbares, alles Begreifen Übersteigendes, dass Gott so zu uns kommt, wie es durch die Eucharistie geschieht. Er kommt in jedes Dorf und bleibt da verborgen und doch sichtbar. Er kommt zu jedem, der sich ihm nähert, der sich mit ihm vereinen will.


Jesus sagt: "Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben" (Joh. 6, 35) und "Wer mein Fleisch ist und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm" (Joh. 6, 54-56).


Vor einiger Zeit gestand mir ein Priester, er ist ein frommer, guter Priester, dass ihn seit Jahren der Gedanke beschäftigt: Wenn das wahr ist, warum fürchte ich mich dann noch? - Tatsächlich dürfen wir die Worte, die der Engel zu Maria gesprochen hat, auch auf uns anwenden: "Der Herr ist mit dir", sagte der Engel, er sagt es auch zu uns, zu dir und zu mir. Das vermittelt Trost, Halt, Kraft.


Vielleicht regen sich manchmal Zweifel in unseren Herzen? Wer ist davor gefeit? Vor kurzem erzählte mir eine Mutter, die tiefgläubig ist und täglich die hl. Messe besucht, wie weh es ihr getan hat, als ihre Tochter, die an sich sehr nett ist, sich plötzlich mit der Frage an sie wandte: Glaubst du das noch, dass da Christus wahrhaft gegenwärtig ist?


Vor einigen Jahren ist in einer kleinen Dorfpfarre wenige Tage vor der Erstkommunionfeier plötzlich der Seelsorger erkrankt und so bin ich dort als Bischof eingesprungen. Die Feier war sehr würdig, auch viele Eltern und Verwandte waren anwesend. Als die Messe beendet war und die Erstkommunikanten feierlich auszogen, sprach mich ein Mädchen an - eine der Erstkommunikatinnen - und sagte zu mir - irgendwie enttäuscht - "Herr Bischof, es hat aber wie Brot geschmeckt?" Ich antwortete ihr: "Ja, es schmeckt wie Brot, aber der Glaube sagt uns, es ist Jesus."


Es ist sicher richtig, wenn wir manchmal ähnlich reagieren wie der Vater des mondsüchtigen Knaben. Von den Jüngern konnte sein Sohn nicht geheilt werden. Deshalb wandte er sich an Jesus selber und sagte zu ihm: "Wenn du kannst, mache meinen Sohn gesund." Jesus gab zur Antwort: "Alles kann, wer glaubt", worauf der Vater unter Tränen erwidert: " Ich glaube, hilf meinem Unglauben" (Vgl. Mk 9, 14 f). Wir müssen das manchmal auch sagen.


Vielleicht müssen wir in aller Einfachheit so bitten wie es der Blinde Bettler Bartimäus getan hat. Er wusste, dass Jesus vorbeikommt. Daher begann er zu rufen: "Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner." Und als dann Jesus ihn tatsächlich rufen ließ und ihn fragte, was er von ihm wolle, gibt Bartimäus zur Antwort: "Ich möchte sehen können". Auch wir sind oft blind für die Geheimnisse Gottes, das gilt auch für das Geheimnis der Eucharistie. Wir dürfen außerdem nicht vergessen, dass Gott unsere Freiheit achtet. Gerade deshalb verbirgt er sich, damit wir ihn suchen. Manche von euch werden sich an die Geschichte vom Rabbi erinnern, der einige spielende Kinder zu begleiten hatte. Sie spielten Verstecken. Ein Kind kam enttäuscht zum Rabbi und sagte ihm weinend, dass es sich - so wie es vereinbart war - versteckt hatte, aber er wurde nicht gesucht. Der Rabbi war zu Tränen gerührt, weil er daran dachte, was Gott sagt: Ich verberge mich, aber sie suchen mich nicht.


Es ist eine Erfahrung auch in unserer Zeit, dass die Entdeckung der Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie ein Leben verändert. Es ist die Erkenntnis: Er ist da mit Fleisch und Blut, mit dem Leib, den er hingegeben hat, zur Rettung der Welt. Er ist da und mit seinem Blut, dass er vergossen hat zur Vergebung der Sünden. Er hat mich erlöst. Und er erwartet mich, bereit mich zu trösten, zu heilen, zu stärken, zu verwandeln.


Woran liegt es, dass viele ihn empfangen und sich doch nicht ändern? Wie kommt es, dass er in so manchem Tabernakel vieler Kirchen wahrscheinlich häufig sehr allein ist?


Zum einen denke ich, dass es in der Tat vielen nicht bewusst ist, welcher Schatz - Jesus Christus selbst - in der Eucharistie, durch sie, unter uns zugegen ist.


Vor einiger Zeit hat mir ein Pfarrer - er ist ein guter Seelsorger - erzählt, dass er schon seit längerem das Bedürfnis hatte, mit einigen Frauen, die seit Jahren regelmäßig zur Bibelrunde kamen, über die Eucharistie zu reden, aber sie winkten immer wieder ab. "Das kennen wir schon Herr Pfarrer", sagten sie. Eines Tages kam es dann doch dazu. Eine von ihnen hatte auf Grund eines bestimmten Anlasses den Pfarrer gebeten, ob er nicht doch tatsächlich einmal über die Eucharistie mit ihnen sprechen könnte. Er ging freudig auf den Vorschlag ein und sie nahmen ganz einfach die Worte des zweiten eucharistischen Hochgebetes als Grundlage des Gespräches, versuchten zu erfassen, was sie bedeuteten. Diese Frauen hatten durch Jahre hindurch unzählige Male diese Worte gehört, aber eine nach der anderen sagte: "Das habe ich nicht gewusst". Es gibt einen Unterschied zwischen sehen und erkennen. Manchmal sehen wir einen Menschen, erkennen ihn aber nicht. Bezüglich Eucharistie mag es vielen ähnlich ergehen.


Die Gründe können aber auch andere sein, warum jemand den Zugang zum Glauben an die besondere Art der Gegenwart des Herren in der Eucharistie nicht finden kann. Manchmal sind wir nicht nur blind, sondern auch taub und stumm. "Fides ex anditu", heißt es, "Der Glaube erwächst aus dem Zuhören". Dazu braucht es Aufmerksamkeit und Bereitschaft. Wirkliches Hören lässt das Samenkorn des Gotteswortes in das Herz eindringen, führt zum Bemühen im Denken, Reden und Wollen. Manchmal haben wir etwas gehört, tun aber so, als wären wir schwerhörig.


Es kann auch sein, dass wir stumm sind, über gewisse Dinge nicht reden oder nicht reden können, nicht reden wollen. Und deshalb werden wir auch blind und taub, dh können dann manches nicht mehr erkennen - vielleicht wollen wir es gar nicht sehen? - und lassen uns - jedenfalls in mancher Hinsicht - nichts mehr sagen, sich ebenso diesbezüglich?


Gerade in all diesen Zusammenhängen vermag die Anbetung erfahrungsgemäß, wenn sie regelmäßig gepflegt, geübt, genützt wird, vieles, im Grunde genommen alles, zu verändern. Gerade das Stillwerden vor Ihm, der in dieser besonderen Weise unter uns weilt ist heilsam. Das sich Ihm Zuwenden und auf Ihn schauen, der als Frucht der Erlösung, die er durch sein Leiden und Sterben am Kreuz und seine Auferstehung bewirkt hat, zu uns kommt und bei uns bleibt, ist oft schon der Anfang einer Umkehr. Die Entdeckung, dass er uns erwartet, auch wenn wir vielleicht längere Zeit auf ihn vergessen haben; dass er uns liebt, auch wenn wir alles andere als liebevoll ihm und den anderen gegenüber waren, hilft uns auch aufzustehen, wenn wir niederfallen auch, neu anfangen, wenn wir versagt haben.


Die Erfahrung zeigt, dass im stillen Gebet sich die Sehnsucht im Herzen regt, Mut erwacht, oft auch Verlangen nach Veränderung, nach Heilung, nach Hilfe.


Das größte Vorbild für den Umgang mit Christus in der Eucharistie ist die Gottes Mutter Maria. Sie wird - das lehrt die Kirche - vor jeder Sünde, sogar vor der Erbsünde bewahrt, weil sie dazu bestimmt ist Gottes Mutter zu werden. Wie groß müsste unser Verlangen sein, die Reinheit des Herzens zu erlangen, damit er, der König, kommen und in diesem Herzen herrschen kann. Maria war und ist ganz eins mit ihm. Zwischen ihm und ihr besteht von Anfang an die totale Übereinstimmung. Von ihm heißt es: "Siehe ich komme, deinen Willen zu erfüllen" und sie antwortetet dem Engel: "Mir geschehe nach deinem Wort". Es ist klar, dass sie ihn mit Liebe erwartet hat und gerade deswegen von Anfang an eine große Liebe zu den anderen empfunden hat: Sie eilt ins Gebirge, als sie wusste, dass ihre Verwandte Elisabeth trotz vorgerückten Alters noch ein Kind erwartete. Auch wir müssen offen sein für eine große Liebe zu den anderen.


Ich wünsche euch, dass ihr den Zugang zum eucharistischen Geheimnis findet, dann kann eigentlich kaum mehr etwas schief gehen. Denn "Wenn Gott für uns ist, wer ist dann gegen uns".


Es ist aber auch notwendig, die geeigneten Mittel einzusetzen, um tatsächlich aus der Eucharistie zu leben.


Anbetung ist eine der wichtigen Grundlagen. Sagt nicht, mir gibt das nichts. Ich denke an eine Frau, die zunächst an einer Anbetungsstunde teilnahm, weil sie gewisser Massen einfach aus Nächstenliebe kam. Sie hatte es nämlich übernommen, einige geistliche Schwestern mit dem Auto hinzuführen. Zunächst hatte sie Schwierigkeiten. Sie wusste nicht, was anfangen. Sie wurde in der Stille nervös. Auf einmal ging ihr ein Licht auf. Sie begann den in der hl. Hostie verborgenen Jesus zu entdecken und die Möglichkeit, mit ihm zu reden. Es war etwas ganz Neues für sie. Später sagte sie im Bezug auf diese Anbetungsstunde: "Ich brauche das. Ohne diese Zeiten des Gebetes kann ich mir ein christliches Leben gar nicht mehr vorstellen". Wahr ist jedenfalls, dass man muss das pflegen, üben muss.


Es ist wichtig, sich Christus in der Eucharistiefeier zuzuwenden, die hl. Messe mit zu vollziehen, beginnend mit einem ehrlichen Bußakt am Anfang. Es ist notwendig sich bereit zu machen für das Kommen des Herren. Dann, nach dem Herabflehen des Erbarmen Gottes und der Aneignung des Gebetsanliegens, das die Kirche mit dem Tagesgebet vor den Herrn tragen will, ist es notwendig sein Wort in unser Herz eindringen zu lassen, darauf zu achten, was er uns sagt. Wohl jedes mal gibt es eine Botschaft für uns und wir werden sie empfangen, wenn wir um den hl. Geist bitten.


Wir müssen mit der Kirche feiern, mit der Kirche unsere Gaben auf den Altar legen und darbringen lernen: Unsere Arbeit, unsere Mühen, unsere Freuden, unsere Anliegen, unser Leben und das Leben der anderen, in der Hoffnung, dass alles, was wir bringen, es vereint mit Christus zu einer Gabe wird, die trotz all unserer Schwachheit von Gott angenommen wird. Wir müssen ihn anbeten, wenn er selbst kommt bei der Wandlung, nach der Wandlung, und bei uns bleibt. - Wir müssen ihn verehren, ihn begleiten, empfangen, damit wir dann fest verbunden mit ihm in unseren Tag hineingehen, Christus mitnehmen auf all unseren Wegen, sodass durch uns gewissermaßen Christus selber gegenwärtig und wirksam wird.


Die hl. Messe ist ein großer Schatz, den Gott uns geschenkt hat und uns Tag für Tag von neuem schenkt. Möge die hl. Messe für euch und für uns alle die wunderbare Kraft sein, die ähnlich wie beim Brot und beim Wein Christus in euch selbst und in allem was wir tun, hervorruft. Wenn dass geschieht werdet ihr ein Segen sein.