Ist das Selbstbewusstsein nur eine Illusion?

Der Frage, ob das Selbstbewusstsein des Menschen angesichts der modernen Neurowissenschaften nur ein mechanistischer Vorgang oder gar nur eine Illusion sei, ging der emeritierte Grazer Moraltheologe Univ. Prof. Dr. Peter Inhoffen in seiner Gastvorlesung am 15. Mai in der Aula der Hochschule St. Pölten nach. Die Neurowissenschaften haben die Grundlagen für die emotionalen und geistigen Vorgänge im Menschen in einzelnen Gehirnregionen wie dem Thalamus, dem Hypothalamus und dem Vorderhirn lokalisiert. Dort laufen elektrochemische Vorgänge ab, die sich in bewussten als auch unbewussten Gefühls- und Denkmustern äußern.

Sogar Experten seien sich uneinig, ob das Bewusstsein einen Einfluss auf diese Vorgänge habe oder nur ein Ergebnis dessen sei. Für die Entfaltung des Bewusstseins vom Kind zum Erwachsenen aber, so Inhoffen, sei das Imitationslernen wesentlich. Dabei seien für die heute gängige Erklärung die sogenannten "Spiegelneuronen" eine wichtige Voraussetzung. Diese sind Nervenzellen, die im Gehirn während der Betrachtung eines Vorgangs die gleichen Potenziale auslösen wie bei der Aktion selbst. Somit gelten diese Neuronen als eine Art "Instrumentenkasten": Aus diesen abgespeicherten Handlungsabläufen lassen sich die späteren Handlungen des Menschen ableiten. Hier trete nun die Frage nach dem freien Willen auf, die von vielen Neurowissenschaftlern aufgrund ihrer weltanschaulichen Position bestritten werde, weist Inhoffen hin. Der Wiener Quantenphysiker Univ. Prof. Dr. Anton Zeilinger merkte aber bereits an, dass es in den biologischen Determinismen Abläufe gebe, die ohne feststellbaren Grund und unvorhersehbar geschehen. So sei "eine naive Sicht, dass wir wie vorherbestimmte Maschinen handeln, nicht haltbar", sagte Inhoffen.

Zusammenfassend stellte er fest, dass der freie Wille als ursachenlose Setzung einer neuen Ursache mit empirischen Mitteln "weder beweisbar noch widerlegbar" sei, sondern Ausdruck einer weltanschaulichen Vorentscheidung. Das Selbstbewusstsein als Ausdruck dieses freien Willens könne daher auch nicht als Illusion bezeichnet werden. Eine detaillierte Darlegung der kirchlichen Gewissenlehre in Bezug auf die Neurowissenschaft bedürfe aufgrund aktueller Entwicklungen auf diesem Gebiet noch einer genaueren Erforschung, unterstrich Inhoffen abschließend.