Ikonen - Fenster zum Himmel

"Ikonen haben eine Fensterfunktion, die uns eine Begegnung mit dem Himmel ermöglicht, vorausgesetzt, wir lernen mit dem Herzen zu schauen", so Sr. Christine Scherz bei ihrem Festvortrag in der Theologischen Hochschule St. Pölten anlässlich des Gedenktages des Hl. Thomas von Aquin. Die Absolventin der St. Pöltner Hochschule hatte sich in ihrer Abschlussarbeit zum Studium mit Geschichte und Funktion der Ikonen auseinandergesetzt. Ikonen erfreuten sich heute zunehmender Beliebtheit, stellte Sr. Christine von der Gemeinschaft der Seligpreisungen fest. Sie wären in Schulbüchern zu finden, einen Ikonenmalkurs zu besuchen entspräche dem Trend der Zeit. - Eine Chance für die Erwachsenenkatechese, so Sr. Christine, die sich überzeugt davon zeigte, dass "Ikonen helfen die Wurzeln christlicher Spiritualität wieder zu entdecken".


"Mensch verletzt von der Hässlichkeit"


"Gott ist Schönheit, die Begegnung mit ihm - auch durch Ikonen - heilt", sagte die Theologin. Der Mensch in der westlichen Gesellschaft wäre zutiefst verletzt von der Hässlichkeit, die ihn umgibt. Möglicherweise wäre gerade die "Flut von negativen Bildern die heute auf uns eindringen" ein Grund dafür, warum Ikonen zunehmend das Interesse der Menschen auf sich zögen.


Ikonen machen das Göttliche sichtbar


Im Gegensatz zur Tradition der Malerei in der westlichen Kirche, wo der Maler die Reaktion eines Menschen auf die Begegnung mit dem Göttlichen - der Fotografie vergleichbar - ins Bild setze, wende die Ikonenmalerei die umgekehrte Perspektive an: Das Urbild von Gott dringe durch die Ikone - die gleichsam von hinten erleuchtet werde - auf den Menschen ein. "Im Osten ist der Maler reines Werkzeug um das Göttliche sichtbar zu machen", so Sr. Christine.


"Die großen Schätze der westlichen Kunst mögen vielleicht auf den ersten Blick anziehender sein, aber als ich begonnen habe, mich mit Ikonen näher zu befassen, habe ich rasch entdeckt, dass sie zu dem einzigen Zweck geschaffen sind, nämlich durch das Tor des Sichtbaren einen Zugang zum Geheimnis des Unsichtbaren zu eröffnen", sagte Schwester Christine.


Entwicklung christlicher Bildkunst


Christine Scherz erläuterte die Geschichte christlicher Bildkunst von den Anfängen mit den Malereien in den römischen Katakomben zu Beginn des 3. Jahrhunderts, über die Spannungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Ikonenverehrung (Kaiser Leo II. von Konstantinopel ließ 726 das berühmte Christusbild über dem Haupteingang des Kaiserpalastes in Konstantinopel gewaltsam entfernen) bis zur Wiederherstellung des Bilderkultes durch das II. Konzil von Nikaia im Jahre 787. Das Konzil zitiert ein Wort des Basilius, um den Sinn der Bilderverehrung zu bezeichen: "Die Verehrung des Bildes geht über auf das Urbild."


Grundzug der Bilderfeindschaft wäre die Verachtung der Materie gewesen. Bereits Johannes von Damaskus (675-749) habe versucht, durch seine positive Wertung der Materie von der Christologie her ein tragendes Fundament für die Ikonenverehrung zu legen, sagte Sr. Christine. Seine Erklärung: "Ich bete nicht die Materie an, sondern den Schöpfer der Materie." Die Materie ist für ihn "Ort der Heilsvermittlung" - "wer die Ikone sieht, sieht Christus!"