"Ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten"

"Drei Tage sind wir im Regen gesessen und konnten den Menschen nicht zuhören, weil diese auch nichts gesprochen haben". So die markanteste Erinnerung von Ruth Pfau, der "Lepraärztin von Pakistan" nach dem verheerenden Erdbeben am 8. Oktober vergangenen Jahres im Kaschmir. Ruth Pfau ist derzeit mit ihrer Begleiterin Sr. Almas Nasim in Österreich und berichtete am 31. Mai im Stift Herzogenburg über ihre Arbeit.

"Als ich die Zerstörung in Muzaffarabad sah, musste ich mich setzen. Ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten. Das ist mir im Leben noch nie passiert", schildert Ruth Pfau. Erst nach und nach wurde den Menschen das verheerende Ausmaß der Katastrophe bewusst. "Keiner unserer Mitarbeiter hatte noch ein Haus", schildert sie. Unter den Toten gab es meist Frauen und Kinder, die in den Häusern waren. Es sah aus wie nach einem Bombenteppich, verglich sie die Situation mit ihren eigenen Erinnerungen an Dresden nach dem zweiten Weltkrieg. Die Krankenstation in Muzaffarabad war ebenso zerstört wie der Grossteil der Außenstationen.
Nach fünf Tagen seien die ersten Lastwagen mit Nahrungsmittel gekommen und nach zehn Tagen konnte der medizinische Dienst in Zelten wieder aufgenommen werden, berichtet die engagierte Ordensschwester und Ärztin. "Wir arbeiten noch immer in Zelten und haben auch den Winter darin überstanden".

Ruth Pfau schildert auch berührende Ereignisse nach der Erdbebenkatastrophe. So habe ihr eine sterbende Mutter die unter den Trümmern lag, einen sechs Tage alten Jungen durch eine kleine Luke gereicht, um ihn zu retten. Das Kind - mit Beckenbrüchen - konnte im überfüllten Spital von Karachi erfolgreich behandelt werden, sodass er überlebte und auch keine bleibenden Schäden davontragen wird, berichtet die Ärztin.

Neuaufbau geplant

Bis zum nächsten Winter will sie bereits feste Behausungen organisieren - 900 an der Zahl - und zwar aus den übrig gebliebenen Trümmern von Holz und Stein, die mit isolierten Wellblechplatten verschraubt werden. "Darin kann man dann auch Feuer machen und heizen". Dennoch waren im vergangenen Winter die Zelte "lebensrettend", vor allem die wintertauglichen Zelte, die von der Caritas Österreich kamen und in denen es "relativ warm" war. Derzeit sind sie - bei einer sommerlichen Hitze von 40 Grad - allerdings nicht zu verwenden. Eine offizielle Erlaubnis zum Neuaufbau gibt es noch nicht, da auch das seismographische Gutachten noch nicht vorliegt, weist Ruth Pfau hin.

"Einfach eine Powerfrau"

Seit 45 Jahren arbeitet und wirkt Ruth Pfau in Pakistan. "Sie ist Ärztin, Sozialarbeiterin, Ordensschwester, einfach eine Powerfrau" versuchte sie der Caritas-Auslandsreferent Mag. Erwin Eder zu charakterisieren. In all den Jahren bis heute hatte sie es geschafft, dass Lepra faktisch besiegt ist. Auch die dort noch weit verbreitete Tuberkulose kann erfolgreich behandelt werden und drohende Augenerkrankungen, die oft zu Blindheit führen, können wirksam operiert werden.
Erst als Medizinstudentin entschied sie sich, Christin zu werden. Und der Entschluss, der Ordengemeinschaft der "Töchter vom Herzen Mariä" (Filles du Coeur de Marie) beizutreten, erklärte sie damit, dass sie "nicht ständig in den Kellerräumen des Lebens" leben wolle, "sondern durchbrechen zu dem, was das Leben lebenswert macht".