"Ich habe zwei gesunde Ohren zum Zuhören"

Gerechte Entlohnung für die Arbeit Behinderter forderten Caritas-Direktor Mag. Friedrich Schuhböck und Vertreter der ArbeitnehmerInnenbewegung (KAB) der Diözese St. Pölten bei einer Diskussionsveranstaltung nach dem "Solidaritätsmarsch" der Katholischen Arbeiterjugend (KAJ) zu Fronleichnam in Mariazell. 30 Jugendliche pilgerten in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai von St. Ägyd/Neuwald nach Mariazell, um auf die oft schwierige Situation für Jugendliche in der Ausbildung und am Arbeitsmarkt aufmerksam zu machen. Mit verschiedenen Aktionen vor der Mariazeller Basilika sammelten die Jugendlichen heuer für das Heim St. Agnes in Tschechien, das körperlich, seelisch und geistig beeinträchtigten Jugendlichen Beschäftigung bietet.

"Ich habe zwei gesunde Ohren, mit denen ich zuhören kann", sagte die 20jährige Christina Hendl aus Vitis, die seit einigen Jahren in der Tagesstätte "Zuversicht" in Heidenreichstein arbeitet. Dort bringt die geistig Behinderte ihre Fähigkeiten in der Küche und im sozialen Zusammenleben ein. Ohren, die zuhören, wünschen sich Caritas-Direktor Schuhböck und die KAB auch von den politisch Verantwortlichen, wenn es um die Beschäftigung Behinderter geht. Christina Hendl wollte ursprünglich als Kindergartenhelferin arbeiten. Bei einem Vorstellungsgespräch erkannte die Leiterin ihre soziale Begabung und meinte: "Du kannst gerne gleich anfangen - aber Geld bekommst du keines dafür."

Rechte statt "Licht ins Dunkel"

"Es ist ein Schandfleck in unserer Gesellschaft, dass für Beschäftigte in Tagesstätten keine ordentliche Anstellung möglich ist", kritisiert Mag. Martin Hetzendorfer, Obmann des Vereins "Zuversicht". "Wir werden wie Bittsteller und Almosenempfänger behandelt, obwohl die behinderten Menschen ebenso ihren Teil zur Gesellschaft beitragen wie alle anderen." Diese Praxis entspreche nicht der Menschenwürde, die "auch in allen Parteiprogrammen propagiert" werde, wie Mag. Hetzendorfer betonte: "Ich wünsche mir Rechte statt 'Licht ins Dunkel'!"

In Österreich gebe es nach wie vor viele Vorurteile gegenüber Behinderten, "wenn man nur ein bisschen an der Oberfläche kratzt", bedauerte Mag. Schuhböck, "auch in der Politik - da darf man sich nichts vormachen." Viele Fähigkeiten könnten jedoch durch mehr Differenzierung gefördert werden. "Ich kenne einen Behinderten, der begabter Glasmaler ist: Niemand kann das so wie er." Kinderärztin Dr. Christine Preisinger, Mitarbeiten in der Tagesstätte "Zuversicht" ergänzte: "Integration funktioniert nur über persönliche Begegnung, nur so können Vorbehalte überwunden werden." Die Diskriminierung Behinderter entspringe einer "Angst vor dem Anders-Sein", erklärte Dr. Preisinger, "auch davor, selbst nicht zu entsprechen." Es gelte jedoch zu lernen, dass gerade die Vielfalt "das Schöne und Bereichernde am Mensch-Sein" sei.

Scharfe Kritik am OGH-Urteil über "Schadensfall Mensch"

Betriebsseelsorger Mag. Karl Immervoll betonte, dass "wir alle Menschen in unserer Gesellschaft brauchen, ganz besonders sogar die Behinderten". So sei er "erschüttert" gewesen vom Urteil der Obersten Gerichtshofes (OGH), der ein behindertes Kind zum "Schadensfall" erklärte. "Dieses Urteil wurde viel zu wenig diskutiert", bedauerte Immervoll und kündigte an: "Wir wollen laut darüber sprechen." Auch Mag. Hetzendorfe kritisierte das OGH-Urteil und bezeichnete dieses als "eine moralische und bewertende Aussage über das Leben". Es gehe nicht an, dass "Ärzte zu Selektion gezwungen" würden. Hetzendorfer rief die Ärzte dazu auf, sich gegen diesen Druck zu wehren: "Wenn es um materielle Themen geht, wollen die Ärzte drei Tage streiken, aber zu ethischen Problemen wird keine Stellung genommen."

Einen zunehmenden Druck auf Eltern behinderter Kinder bemerkte auch Kinderärztin Preisinger, die selbst eine Down-Syndrom-Sebsthilfegruppe leitet. "In unserer Zeit braucht so etwas nicht mehr zu passieren", bekämen Eltern von Down-Kindern oft zu hören, berichtete Preisinger. "Es kann nicht sein, dass wir diesen Menschen das Recht auf Leben absprechen." Dabei bewege sich die Pränataldiagnostik "im rechtsfreien Raum", wie Dr. Preisinger kritisierte. Für diese vorgeburtlichen Untersuchungen sei viel Erfahrung notwendig, die jedoch oft fehle, wodurch es häufig zu Fehldiagnosen komme, so Preisinger.

"Stimme der Kirche nicht gehört"

Da die Kirche "das unantastbare Recht auf Leben immer verteidigt", werde die Stimme der Kirche in konkreten Situationen - wie dem OGH-Urteil - zu wenig gehört, bedauerte Caritasdirektor Schuhböck. Anstatt das Urteil nur zu kritisieren, sei ein "positiver Ansatz" zu finden, sodass erst überhaupt keine Unterscheidung aufkomme. Es gelte, noch viel mehr darauf aufmerksam zu machen "welchen wertvollen Beitrag behinderte Menschen für die Gesellschaft leisten", so Schuhböck. Das größte Problem sei die "Stigmatisierung", erklärte Schuhböck: "Zu sagen, diese haben eine Behinderung - obwohl wir alle auf verschiedensten Gebieten behindert sind."