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Gottes Zärtlichkeit gilt den Armen

"Gott ist die Liebe. Wir wollen seine Zärtlichkeit den Armen zeigen" - immer wieder klingt dieser Satz aus dem Munde Bischof Erwin Kräutlers aus Xingu im brasilianischen Regenwald durch den übervollen Saal des WIFI St. Pölten, der die 400 Zuhörerinnen und Zuhörer kaum zu fassen vermag. Auf Einladung des Forum XXIII sprach der aus Vorarlberg stammende Bischof über seine Arbeit für menschenrechte und die Armen in Brasilien unter dem Thema "Mich erbarmt des Volkes". Die ganze Menschheit fleht nach Gnade und sehnt sich nach Barmherzigkeit, schildert Kräutler die triste Lage der indigenen Völker Südamerikas. Da werde sich der Mensch seiner Ohnmacht bewusst, Sehnsucht steigt aus seinem Inneren, erklärt er. Die Frage der Theodizee, die Frage nach Gott angesichts des Leides der Menschen bleibe fragmentarisch und Stückwerk. Und dennoch zeichnet die Bibel jenen Gott, der ein innig liebender Gott ist, so wie eine Mutter ihr Kind liebt. "Es ist Auftrag der Christen, diese Zärtlichkeit Gottes in der Welt spürbar zu machen" betont der aus Vorarlberg stammende Bischof. Das Wort Gottes spornt zur Solidarität mit den Armen an, wie es auch die Bibel grundgelegt habe.
Vehement unterstreicht Bischof Kräutler die Option der Kirche für die Armen - nicht ausschließlich, aber vorrangig, wie er sagt. Der Gott der Bibel mache den geschwisterlichen Umgang mit den Rechtlosen zur Bedingung für seine Lehre, er lasse den Hilfeschrei der Armen zu sich dringen. Kräutler weist hin, dass die ersten Seligpreisungen den Armen gegolten haben. Die Heilige Schrift sei immer wieder Ausgangspunkt für die Verkündigung der frohen Botschaft sowie aller pastoralen Initiativen.

Medellin war richtungsweisend

In fünf großen Versammlungen haben die lateinamerikanischen Bischöfe in Verbindung mit Rom ihre Option für die Armen unterstrichen, erklärt Kräutler. Die Option für die Armen wurde 1968 in Medellin zum Maßstab kirchlichen Handelns. Kirche entfalte sich im Dialog von Glaube und Leben, von Evangelium und Gerechtigkeit, wurde betont. Medellin habe sein Augenmerk den verelendeten Massen zugewandt. Doch diese "Kirche der Armen" hatte auch eine Kirche der Märtyrer zur Folge, sagte Kräutler.

Santo Domingo habe Jahre später festgestellt, dass die Verelendung weiter zugenommen habe. Auch die Versammlung in Aparecida im vergangenen Jahr, zu der alle Diözesen Südamerikas eingeladen waren, stellte fest, dass sich die Lage nicht gebessert habe. Nach dem Leitgedanken "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" müsse Christliche Verantwortung an jedem Ort und zu jeder Zeit spürbar werden. "Durch Zuwendung, Hinhören, Versöhnung und Engagement können wir den Leidenden ganz nahe sein. Die Kirche verpflichte sich, Wegbegleiter der ganz Armen zu sein", betonte Kräutler.

Herausforderung Indos

Als besondere Herausforderung für die Kirche bezeichnet Kräutler die Lage der indigenen Völker. Einst nur den Kindern gleichgestellt, konnten selbst Erwachsene ohne Vormund keine Rechte beanspruchen, weder in Bezug auf Kultur, Sprache und Land. Nun seien die Indianerrechte verankert, was einer der großen Verdienste der Katholischen Kirche sei, wie Bischof Kräutler erklärte. Doch die Indios seien weiterhin zum Tod verurteilt, wenn man ihnen das Land und damit ihr Lebensraum genommen werde. Das Morden gehe weiter.
Erschütternd schildert Kräutler die Situation, die sich auch in den vergangenen Jahren immer mehr verschlechtert habe. Morde an Indios hätten in einem Jahr um 64 Prozent zugenommen. Neben 92 Morden im vergangenen Jahr gab es weitere 49 Mordversuche und ungezählte Bedrohungen.

Protest gegen Mega-Staudamm

Vehement wandte sich der Bischof in seinen Ausführungen gegen das "Mammutprojekt" eines Staudammes" am Rio Xingu. "Es sind eigentlich fünf Staudämme", sagt er, durch die riesige Urwaldgebiete, Lebensraum der Indios, überflutet würden.
Der Fluss Xingu sei den Indios heilig, er sei ihr Lebensraum. "Wir wollen nicht, dass die Grabstätten unserer Vorfahren überflutet werden. Und was wird aus unseren Kindern", fragen sie besorgt. "Die Weißen sprechen hingegen nur vom zu erwartenden Geldregen, aber mit keinem Wort über die Zukunft der Kinder", sagt der Bischof. "Der General Philipp Henry Sheridan zugeschriebene Satz "Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer" zieht sich auch heute noch durch den südamerikanischen Kontinent".

Eingeschüchtert, bedroht, ermordet

Indios leben heute zusammengepfercht in viel zu kleinen Gebieten, leiden an Hunger und Krankheit. Manche von ihnen sehen den einzigen Ausweg, dem Leiden zu entkommen in der Selbsttötung. Spekulanten eignen sich dann ihr Territorium für riesige Soja- und Zuckerrohr-plantagen an. Diese Monokulturen zerstören das Land. Wer sich dagegen stellt, wird eingeschüchtert, bedroht, getötet. Ein Strafverfahren fürchten die Täter kaum, es bleibt meist ohne Konsequenzen.
Von den letzten 200 Morden wurden nur acht Täter festgenommen und nur vier dafür verantwortlich gemacht, schildert der Bischof. Für die Statistik sind die Opfer nur Zahlen, "aber dahinter steht der schmerzliche Verlust eines Vaters, Sohnes, Mutter und Tochter", so Bischof Kräutler.
Selbst der Täter der am 12. Februar vorsätzlich ermordeten Schwester Dorothy Stang in Xingu wurde im zweiten Verfahren freigesprochen. "Unmittelbar vor ihrem Tod zeigte Schwester Dorothy ihren Mördern auf die Frage nach ihrer Waffe die Bibel. Diese letzte ihrer Gesten hat sie uns als Erbe und Auftrag hinterlassen: Das Wort Gottes begleitet uns und zeigt uns den Weg! "Die Waffen, die wir einsetzen, sind nicht irdisch, sie haben durch Gott die Macht, Festungen zu schleifen", schildert Kräutler.

Dolchstoß für Amazonien

Eine Herausforderung für die Kirche sei auch die stetig wachsende Umweltzerstörung durch die Monokulturen von Soja und Zuckerrohr mit den dafür eingesetzten Pestiziden und dem Kunstdünger. "Amazonien erleidet einen Dolchstoß", sagt Kräutler. Selbst der Verteidigungsminister Nelson Jobim sei schockiert gewesen, als er vom Flugzeug aus die Katastrophe sah: "Ich dachte, die Medien übertreiben nur". In einem einzigen Jahr wurden 14.200 Quadratkilometer Regenwald zerstört und in vielen Gebieten gebe es nur mehr zehn Prozent der einstigen Vegetation - "ein Apokalyptisches Szenario", wie Kräutler schildert. Kahle Hügel, kaum Schatten.
Die Ausbeutung des Bodens und die Verelendung der Menschen seien "unvorstellbar". Ein Landarbeiter habe für einen Monatslohn von 120 bis 150 Euro täglich zehn Tonnen Zuckerrohr zu schneiden, was 30 Sichelhiebe pro Minute bedeute. Viele sterben an Erschöpfung, sagt er. Unter diesem Gesichtspunkt erscheine auch die Rede vom "ökologisch sauberen Treibstoff" in einem anderen Licht.

Neu denken und handeln

Ein Richtungswechsel im Denken und Handeln sei unaufschiebbar, rief Kräutler auf, sonst sei der Planet dem Untergang geweiht. "Es überkommt uns Zorn, wenn Amazonien in Rauch und Asche aufgeht, wenn der Regenwald schwindet, wenn Politiker nur auf eigene Vorurteile bedacht sind". Aber es erwache "Zärtlichkeit, wenn die kleinen Gemeinden beten und miteinander teilen, wenn die Frauen ihre Misshandlungen nicht verschweigen, wenn Landarbeiter ihre Rechte durchsetzen und wenn indigene Volker so lange an die Türen der Behörden klopfen, bis ihnen Recht gewährt wird", schloss Bischof Kräutler seine Ausführungen. "Lassen wir uns auf Zärtlichkeit ein, dass Gottes Liebe durch uns lebendig wird!"