Gott schafft eine Welt im Werden

Die Frage, ob auch das Böse die Handschrift Gottes trage, versuchte P. Henri Boulad, langjähriger Leiter der Caritas Ägypten und Vizepräsident der Welt-Caritas bei einem Vortrag im Bildungshaus Stift Zwettl zu beantworten. Über 130 Personen sind den Ausführungen Boulads gefolgt. Während der Europäer den Gegensatz von Gut und Böse sieht, sieht der Orientale immer auch die gegenseitige Ergänzung, wies Boulad in seinen Ausführungen hin. So gebe es etwa im chinesischen Daoismus zwischen Yin und Yang einen fließenden Übergang. Das Eine habe immer auch etwas vom Anderen in sich. So sei das Sterben auch ein Geborenwerden und die Geburt immer auch eine erste Etappe des Abschiednehmens.

Boulad stellte sich gegen die weithin gängige Aussage, Gott habe die Welt ein für allemal geschaffen. Er betonte vielmehr, Gott schaffe nach wie vor eine Welt; die stets im Werden und Entstehen sei, die sich immer weiter entwickle. Gott will das Gute, das aber nur dann Wirklichkeit werden kann, wenn der Mensch auch zustimme, führte Boulad aus. Gott sei nicht nur Ausgangspunk der Welt, sondern schaffe nach wie vor.

Auch der Mensch sei immer noch auf dem Weg, wirklich Mensch und Abbild Gottes zu werden. Er sei gleichsam im Zustand des Entwurfes, eines Projektes am Anfang. Er ist aufgerufen, sich an diesem Werden der Schöpfung zu beteiligen.

Der größte Ausdruck der Beteiligung Gottes an der Schöpfung liegt in der Inkarnation, der Menschwerdung in Jesus Christus. Gott kämpft gegen das Böse, das dem Werden dieser Welt entgegensteht. Dabei scheint das Kreuz die Niederlage zu sein, doch an diesem Ende beginne erst alles. In dieser dialektischen Umkehr könne man erfahren, dass das Gute stärker als alles Böse sei, denn durch den Tod habe Jesus das Leben gleichsam aufgebrochen, erklärte Boulad.

So sei die eigentliche Botschaft Christi, dass der Mensch das Böse in Gnade umzuwandeln vermag, betonte. Boulad: "Alles ist Gnade", wenn der Mensch die richtige und rechte Einstellung dazu habe. Die Verantwortung des Einzelnen in der Welt bestehe darin, das Böse in eine Quelle des Lebens zu verwandeln. Gegen das Böse anzukämpfen heiße, die Ärmel aufzukrempeln und sich zu engagieren. Jeder müsse an der Geschichte mitwirken, dann trage auch das Gute den Sieg davon.