"Ganzheitsansprüche werden zum Problem"

Univ.-Prof. Dr. Leopold Neuhold vom Institut für Ethik und Gesellschaftslehre an der Universität Graz beleuchtete die Möglichkeiten einer familiengerechten Arbeitswelt hinsichtlich Arbeitsorganisation und Wertehierarchie. Er konstatierte dabei Brüche, was die Beziehungen zwischen den Lebensbereichen anlangt. Heute bestehe die Tendenz, die Zusammenhänge nicht zu sehen. Ganzheitsansprüche von einzelnen Systemen würden zum Problem. Vor dem Hintergrund des Pluralismus der heutigen Gesellschaft betonte Neuhold die Wichtigkeit, auch das Positive an dieser Pluralität zu sehen: "Es wird oft so sein, dass verschiedene Leute zu verschiedenen Lösungen kommen. Das gilt gerade in Bezug auf die Arbeitswelt und Familie."


Eine Wertehierarchie werde es nicht mehr geben, sondern ein Nebeneinander, das durch den Ausbau von Bezügen gestaltet werden müsse. In Bezug auf die Arbeit lasse sich eine "Grundsignatur des Materiellen" erkennen. So würden "nur die Preise gesehen und die Werte nicht erkannt". Bei der zunehmenden Flexibilisierung bestehe die Gefahr, das Ziel aus den Augen zu verlieren und Mobilität als Selbstzweck zu sehen. "Markt und Geld sind Mittel zur Gestaltung. Es wird problematisch, wenn das in die Zielperspektive einrückt", so Neuhold. Mittel und Ziele dürften nicht vertauscht werden, sonst komme es zu einer Entfremdung, wie sie Papst Johannes Paul II angesprochen habe: "Wir schaffen uns Götzen."


Arbeit würde die Möglichkeit zur Selbstentfaltung bieten, habe Solidaritätsfunktion und als Christ wäre man auch "Mitarbeiter an der Schöpfung", aber: "Arbeit ist nicht alles. Es gilt den Sinn der Arbeit außerhalb der Arbeit zu finden", sagte Neuhold. Es wäre ein Problem, im Arbeitsprozess aufzugehen und Bezüglichkeiten nicht wahrzunehmen. Aber es gäbe heute auch eine "wahnsinnige Idealisierung der Familie". Im praktischen Zugang fehle der Realismus. Auch Familie wäre ein Mittel.


Es wäre wichtig, dass der "Arbeitsmix" wahrgenommen werden könne. Heute konzentriere sich alles auf die Marktarbeit. Nicht berücksichtigt werde, dass sehr viel an sozialem Kapital, das der Wirtschaft nützt, in der Familie geschaffen werde. Der Arbeitsbegriff müsse deshalb ausgedehnt werden. Neuhold favorisierte in diesem Zusammenhang ein Drei-Schichten-Modell mit "Grundbeschäftigung", die vom Staat garantiert wird als erster Säule, bezahlter Arbeit in der freien Wirtschaft als zweiter und Eigenleistungen und nicht bezahlte freiwillige Tätigkeiten als dritter Säule.