Für eine Zivilisation der Liebe

Mit einer Podiumsdiskussion am 4. Mai im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten haben das Bildungshaus, das Katholische Bildungswerk und die Katholische Arbeitnehmerbewegung der Diözese St. Pölten das jüngst auch auf Deutsch erschienene Kompendium der Soziallehre der Kirche vorgestellt. Das Werk erntet großes Lob und breite Zustimmung.

Für die soziale und seelsorgliche Arbeit

Als "Instrument für die soziale und seelsorgliche Arbeit" bezeichnete Bischof DDr. Klaus Küng das Sozialkompendium der Katholischen Kirche. Es sei "ein Leitfaden, der auf individueller und kollektiver Ebene zu Entscheidungen anrege" und damit "eine Hilfe und ein Instrument" darstelle, dessen man sich gern bedienen soll. Der Bischof erinnerte, dass Papst Johannes Paul II den Anstoß zur Erstellung dieses "Sozialkatechismus" gegeben und selbst immer wieder ein großes Interesse an der sozialen Frage - vor allem auch durch seine Rundschreiben - gezeigt habe.

Wurzeln des Übels benennen

Dr. Paloma Fernandez de la Hoz von der Katholischen Sozialakademie betonte, dass es bei der Sozialen Frage der Kirche nicht um individuelle Hilfestellungen in Einzelfällen gehe, sondern darum, "die Wurzeln des Übels zu benennen und den Strukturen eine gerechtere Gestalt zu geben". In diesem Kompendium der kirchlichen Soziallehre werden die sozialen Prinzipien nicht nur aufgezeigt, sondern "auch die Begründung und Argumente mitgeliefert", wie Fernandez de la Hoz erklärte. So sei das Dokument vor allem thematisch zu lesen, wobei auch die Bedeutung der Soziallehre für das praktische Handeln hervorgehoben werde. Neue Themen wie Biotechnik, Präventivkrieg und Terrorismus werden ebenfalls angesprochen.

Zur richtigen Zeit erschienen

Der Abgeordnete zum Niederösterreichischen Landtag, Dr. Martin Michalitsch, ÖVP, meinte in seinen Ausführungen, dass dieses Werk "in einer spannenden Zeit zur richtigen Zeit" erschienen sei. Für die praktische Politik bedeute dies, den Prinzipien von Solidarität und Subsidiarität sowie dem Wert der Familie wieder mehr Raum zu geben und dafür auch bewusstseinsändernde Maßnahmen zu setzen. Nicht alles, was man tun könne dürfe man aus einer verantwortlichen Wertehaltung heraus auch tun. Die Subsidiarität sei auch für die praktische Politik ein wichtiges Prinzip, unterstrich Michalitsch.

Höchst aktuell

Für die St. Pöltner Stadträtin für Gesundheit und Soziales, Mag. Renate Gamsjäger, SPÖ, ist die soziale Frage "gerade in unserer reichen Zeit" wieder höchst aktuell geworden. Acht Prozent der Bevölkerung, das sind über 250.000 Menschen in ganz Österreich, würden trotz ihres Einkommens aus einem Arbeitsverhältnis ihren Lebensunterhalt damit nicht mehr bestreiten können. Im Sozialkompendium werde dagegen der Wert der menschlichen Arbeit besonders betont, sagte sie. Gerade der angesprochene solidarische Humanismus sei eine "Verständigungsbasis für alle", meint Gamsjäger. Alle müssten an den Erfolgen und Gewinnen Anteil haben und nicht nur Einige wenige. Sozialpolitik dürfe nicht bei Beihilfen beginnen und stehen bleiben, sondern bei der Familien- und Frauenpolitik. Der Staat müsse aber auch die Möglichkeit haben, seine Sozialpolitik entsprechend durchzusetzen.

Arbeit vor Kapital

Der Amstettner Betriebsseelsorger Kaplan Franz Sieder bezog sich in seinen Ausführungen auf das Kapitel über die Arbeit und betonte, dass als ein wesentlicher Grundsatz der Katholischen Soziallehre und in den Aussagen sämtlicher Päpste der Vorrang der Arbeit vor dem Kapital betont werde. Das Kapital habe nur eine instrumentale Funktion, sagte er. Daher sollten die Arbeitnehmer der bestimmende Faktor in der Wirtschaft sein. Umverteilung von reich zu arm könne dabei auch zur moralischen Pflicht werden. "Es darf uns Christen nicht egal sein, wenn es in Österreich fast 380.000 und in Europa 30 Millionen Arbeitslose gibt. Da bedarf es nicht nur einer Ankurbelung der Wirtschaft, sondern einer Teilung der Arbeit", verlangte der Betriebsseelsorger. "Ein System, das die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandertreibt, kann auch kein gottgewolltes System sein", betonte er und ergänzte: "Die Kirche darf ihre sozialethische Dimension nicht ausklammern". Die Betriebsseelsorge soll daher nicht zur außerordentlichen, sondern müsse zur ordentlichen Seelsorge gezählt werden.

Christen sind Träger sozialer Initiativen

Der Leiter des Sozialmarktes St. Pölten und ehemalige Generalsekretär der Katholischen Aktion der Diözese St. Pölten, Dr. Walter Feninger unterstrich, dass gerade Christen wesentliche Träger sozialer Initiativen und Einrichtungen seien. Für sie sei es wichtig, sich auf "schlüssige Theorien wie die Soziallehre beziehen zu können". Feninger hob in seinen Worten auch die Bedeutung des Global-Marshall-Plans für eine weltweite solidarische Entwicklung hervor. Der Plan entspreche in seinen Inhalten und Intentionen dem Anliegen auch der Katholischen Soziallehre. In der derzeit ungeregelten Globalisierung könnten viele Probleme, die durch Armut, dem Nord-Süd-Gefälles oder auch durch Umweltkatastrophen entstehen, nicht gelöst werden. Es brauche dazu eines "geordneten Globalisierungskonzeptes", betonte er