Fastenhirtenbrief 2008

Liebe Mitchristen !

Heute am ersten Fastensonntag lässt uns die Kirche im Tagesgebet der heiligen Messe beten: "Allmächtiger Gott, du schenkst uns die heiligen 40 Tage als eine Zeit der Umkehr und der Buße. Gib uns durch ihre Feier die Gnade, dass wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten und die Kraft seiner Erlösungstat durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen."

Eine wichtige und aktuelle Bitte. Eine große Gefahr unserer Zeit ist, Gott aus dem Blick zu verlieren und gerade dadurch in Knechtschaften zu geraten. Im Evangelium des heutigen Sonntags wird uns von den Versuchungen berichtet, die Jesus in der Wüste erlitten hat. Sie machen uns bewusst, wie weit und wie sehr sich Gott durch die Sendung seines Sohnes auf die Situationen des Menschen eingelassen hat. Er wurde uns in allem gleich, außer in der Sünde. Jesus aber, der nicht nur wahrer Mensch war wie wir, sondern zugleich wahrer Gott, konnte im Gegensatz zu uns allen Versuchungen mit einem klaren Nein begegnen. Wir aber sind und bleiben Versuchte, einzeln und in der Gemeinschaft. Ja, müssen wir nicht alle bekennen, dass wir gegen die Versuchungen, die eigentlich in der einen oder anderen Form immer gegenwärtig sind, nie ganz gefeit sind? Wichtig ist, dass wir das Anliegen der Fastenzeit wahrnehmen: Buße und Umkehr.

Die vielleicht größte Versuchung unserer Zeit ist, Gott im Leben und im Allgemeinen an den Rand zu drängen. Gott belässt uns unsere Freiheit, auch nachdem er seinen Sohn in die Welt gesandt hat. Von uns hängt es ab, ob wir ihn, der ohne Gewalt kommt, aufnehmen und uns von ihm aus den Verstrickungen und Knechtschaften unseres Lebens zu wahrer Freiheit führen lassen.

Wie in einem Brennspiegel sind in der Versuchungsgeschichte die Gefahren der Gottgleichgültigkeit und Glaubensverdünnung eingefangen. Und auch die mahnende Botschaft: niemanden und nichts an die Stelle Gottes treten lassen, und sich einbilden, Gott gleich sein zu können. Gott allein ist der Herr, er allein ist der Höchste.

Das Leitwort der Fastenzeit heißt: Umkehr zu Gott, sich zu Gott hinkehren, zu Gott zurückkehren, zu seinem Willen, zu seiner Gnade. Ein Leitwort für alle, für die "Nahen und die Fernen", Gott sich zum Thema des Lebens machen, eine Option der Fastenzeit. "Auf Christus schauen!", hat uns Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in unserem Land zugerufen. Das bedeutet, sich ihm suchend und hörend zuwenden.

In Mariazell sagte der Heilige Vater: "Wenn wir mit Jesus Christus und mit seiner Kirche den Dekalog vom Sinai immer neu lesen und in seine Tiefe eindringen, dann zeigt sich eine große, gültige, bleibende Weisung. Der Dekalog ist zunächst ein Ja zu Gott, zu einem Gott, der uns liebt und uns führt, der uns trägt und uns doch unsere Freiheit lässt, ja, sie erst zur Freiheit macht (die ersten drei Gebote). Er ist ein Ja zur Familie (4. Gebot), ein Ja zum Leben (5. Gebot), ein Ja zu verantwortungsbewusster Liebe (6. Gebot), ein Ja zur Solidarität, sozialen Verantwortung und Gerechtigkeit (7. Gebot), ein Ja zur Wahrheit (8. Gebot) und ein Ja zur Achtung anderer Menschen und dessen, was ihnen gehört (9. und 10. Gebot). Aus der Kraft unserer Freundschaft mit dem lebendigen Gott heraus leben wir dieses vielfältige Ja und tragen es zugleich als Wegweisung in diese unsere Weltstunde hinein".

Der Dekalog ist Grundlage, um unser Leben in allen Belangen zu prüfen und zu erwägen, was in dieser Stunde Gott von uns erwartet, wo in unserem persönlichen Leben und Verhalten Umkehr notwendig ist.

Mit Christus finden wir den Mut zu neuem Anfang, zu einem neuen Bemühen, einem neuen Ja, zu Umkehr. Der hl. Augustinus schreibt in seiner Erläuterung zur Versuchungsgeschichte: "Es ist ein Trost und eine Ermutigung, vereint mit Christus können auch wir - trotz aller Schwachheiten - wie Christus siegen." Die innere Erneuerung des Einzelnen durch die persönliche Begegnung mit Christus und unsere Antwort auf sein Rufen - "kommt alle zu mir und lernt von mir" - ist gleichsam die Seele der Fastenzeit.

So möchte ich in der Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest erneut allen Gläubigen den Empfang des Bußsakramentes herzlich anempfehlen, "das für jeden von uns wie eine Art Tod und Auferstehung ist" (Benedikt XVI., Ansprache bei der Generalaudienz am 12. April 2006). Eine gute Beichte hilft uns, in unseren Bemühungen konkret zu werden; sie schenkt uns inneren Frieden und Freude und bietet uns die Möglichkeit zu neuem Streben.

So wünsche ich allen Gläubigen eine fruchtbare österliche Bußzeit und die damit verbundene Erfahrung, wie gütig und wie lebendig der Herr ist. Möge uns die Fürsprache Mariens in allem beistehen!