Familie und "universelle Geschwisterlichkeit"

"Next generation - Europa 2030 - sozial oder liberal" war der Titel einer Enquete zu der die AKV (=Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände) Landesverband NÖ Freitagabend ins Bischöfliche Sommerrefektorium geladen hatte. Unter Moderation von AKV-Vorsitzendem Gottfried Ibi nahmen Diözesanbischof Klaus Küng, Alt-LH Siegfried Ludwig, NR-Abg. Michael Spindelegger und Karl Rottenschlager, Geschäftsführer der Emmausgemeinschaft St. Pölten, Stellung zu Fragen der Verteilungsgerechtigkeit in der Gesellschaft und möglichen Perspektiven.

Die Bedeutung der Familie sei noch immer nicht ausreichend erkannt worden, verdeutlichte Diözesanbischof Klaus Küng das demographische Dilemma Europas.
Mit den im vergangenen Jahrhundert geschaffenen Versicherungssystemen habe man geglaubt, sich auf Wunschkinder beschränken zu können, meinte der Bischof.
Betreuungseinrichtungen für Kinder, Alte, Behinderte und Kranke hätten zwar für die Familien Erleichterungen gebracht. Es habe sich aber gezeigt, dass noch so gut geschultes Personal die Familie nicht ersetzen könne. Versicherungs- und Gesundheitssysteme stießen nun an die Grenzen der Finanzierbarkeit.

Bischof Küng für "Erziehungsgeld"

Küng sprach sich für eine Förderung kinderreicher Familien über die Anrechnung von Erziehungsjahren für die Pension und die Gewährung von Erziehungsgeld ab einer bestimmten Kinderanzahl ("etwa ab drei Kindern") aus. Echte finanzielle Umschichtungen - auch schmerzhafte - wären notwendig. Es handle sich bei diesen Förderungen um eine Frage der Gerechtigkeit. Denn die Familien würden Leistungen erbringen, die auch denen zugute kämen, die keine Kinder hätten. Kinder bräuchten außerdem die Zuwendung der Eltern. Die Zeit den Kindern zu widmen sei wichtiger, als mancher beruflicher Einsatz, sagte Küng. Man müsse eben weg kommen von dem Denken, der Mensch sei nur das wert, was er verdient.

Abtreibung und Euthanasie: "Müssen aufwachen!"

Eine immanente Gefahr für ganz Europa sah Küng in Abtreibung und Euthanasie. Es bedürfe einer Umkehr: "Hier müssen wir aufwachen und uns zusammentun", so Küng.

Spindelegger für Steuersplitting

Über die Bedeutung der Familie für den sozialen Zusammenhalt waren sich die Diskutanten am Podium einig: NR-Abg Michael Spindelegger sprach sich für ein Steuersplitting für Familien aus: "Mehr Köpfe in der Familie heißt weniger Steuern. Ich glaube, das wäre familienpolitisch eine sinnvolle Maßnahme." "Wenn die Familie funktioniert, funktioniert auch die Gesellschaft", so Alt-LH Siegfried Ludwig. Was Familien als Voraussetzungen bräuchten, wären entsprechende Ausbildung, Arbeit und somit ein Einkommen, Wohnraum und soziale Absicherung.

Grundeinkommen - nein
Mitarbeiterbeteiligung - ja

Die Idee eines Grundeinkommens kam nur am Rande der Diskussion zur Sprache. NR-Abg. Spindelegger lehnte diese ab und meinte, jedem müsse die Möglichkeit geboten werden zu arbeiten: "Wenn er das will, muss er das können", und Alt-LH Ludwig sprach sich in diesem Zusammenhang für die soziale Unterstützung jener aus, die sie brauchen.

Sowohl Ludwig, als auch Spindelegger waren der Meinung, dass es in der Frage des Einkommens eine Mitarbeiterbeteiligung in den Unternehmen geben müsse. Spindelegger: "Bei einem dreiprozentigem Wirtschaftswachstum fragt sich der Mitarbeiter in einem Unternehmen zu recht: Wo ist da für mich etwas drinnen?"

Hauptzweck der Wirtschaft scheine es heute zu sein, möglichst große Gewinne zu erreichen, nicht Arbeitsplätze zu schaffen, sagte Siegfried Ludwig. "Lieber wäre mir etwas weniger Gewinn und wir lassen die einzelnen Menschen dafür existieren", so der Alt-LH.

Rottenschlager: "Der Tanz ums goldene Kalb"

Karl Rottenschlager, Geschäftsführer der Emmausgemeinschaft St. Pölten betonte, der Mensch sei mehr, als ein Kostenfaktor auf zwei Beinen. In einer extrem leistungs- und profitorientierten Gesellschaft stünden wir heute an einer Wegkreuzung. Es liege an uns, einen Weg der solidarischen Kultur, eine "Zivilisation der Liebe" zu wählen oder eine Kultur des Todes. - "Was wir heute erleben ist ein Tanz um das goldene Kalb", so Rottenschlager, der den "erbarmungslosen Sozialdarwinismus unserer Zeit" kritisierte. Die 400 Emmausgemeinschaften in aller Welt würden sich für ein Leben in Würde von der Zeugung bis zum natürlichen Tod einsetzen. Eine "universelle Geschwisterlichkeit" wäre notwendig, "denn es gibt nur eine Welt oder keine Welt." Nach dem Modell eines Global Marshall Plans könne die EU hier zum Hoffnungsträger werden.

NR-Abg Michael Spindelegger, der auch österreichischer Delegationsleiter im der parlamentarischen Versammlung des Europarates ist, sprach die Notwendigkeit eines starken Auftretens Europas nach außen an, sowohl was die Einschränkung des Warenverkehrs mit Billiglohnländern betrifft, um die Ausbeutung der Arbeitskräfte zu verhindern, als auch was die gut-nachbarschaftlichen Beziehungen zu Ländern wie Ukraine oder Türkei betrifft, um etwa Bürgerkriege zu verhindern. Eine verstärkte Entwicklungszusammenarbeit, im speziellen mit den Ländern Afrikas, wäre nicht nur aus christlicher, menschlicher Sicht dringend erforderlich, sondern auch, um eine Großwanderungsbewegung abzuwehren.